Coburg
Bauweise

Ein Kristallpalast für Coburg?

Die Designtage bringen Dinge zusammen, die nichts miteinander zu tun haben. 2019 spannt sich der Bogen von London bis in die lokale Wirtschaft.
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Fast schon ein Wahrzeichen der Designtage: Das Zollinger-Dach, in Szene gesetzt. Foto: Coburger Designforum Oberfranken
Fast schon ein Wahrzeichen der Designtage: Das Zollinger-Dach, in Szene gesetzt. Foto: Coburger Designforum Oberfranken
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Der Glas- oder Kristallpalast der Londoner Weltausstellung von 1851 hat längst schon einen Platz in Coburg. Die Figur von Prinz Albert auf dem Marktplatz hält die Pläne dafür in der Hand. Der Kristallpalast war das Symbol und der Hingucker der Weltausstellung.

Ganz so weit hat es das Zollinger-Dach nicht gebracht. Aber es hat seine Gemeinsamkeiten mit dem Kristallpalast: Beide stehen für eine rationale und effiziente Bauweise, beide wurden entwickelt, um die Baukosten gering zu halten, sagt Auwi Stübbe vom Coburger Designforum Oberfranken und Macher der Coburger Designtage. Aber während an den Kristallpalast nur noch historische Aufnahmen und Bilder erinnern, stehen in Coburg noch einige Zollinger-Dächer.

Vorm Abriss gerettet

Eins davon befindet sich am Güterbahnhof, mittlerweile direkt neben der "Pakethalle", und dient bei Messen und Veranstaltungen meist als Bar. 2015 wurde das Gebäude vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt und im Frühjahr 2016 an heutiger Stelle aufgestellt. Errichtet wurde es ursprünglich als Schuppen für die Firma Glas Knoch von der Coburger Zimmerei Heß.

Die war ein alteingesessenes und renommiertes Coburger Handwerksunternehmen. "Alle großen Geschäfte haben bei uns gekauft", sagt Wolfgang Heß, der selbst auch noch Tischler gelernt und beim Vater die Zimmererprüfung gemacht hat. Er spricht von "wir" und "uns", wenn es um die Firma geht, die bis 1974 sein Bruder Carl-Heinz führte. Als dieser starb, wurde der Betrieb aufgelöst. Wolfgang Heß selbst arbeitete fürs staatliche Hochbauamt, wo er unter anderem die Hochbauten des Coburger Klinikums betreute.

Ein Dach mit Patent

Aber die Geschichte der Zimmerei Heß ist präsent im Hause Heß am Festungsberg - denn auch das Holzhaus ist wichtiger Teil dieser Geschichte. Ein anderer wichtiger Teil ist das Zollinger-Dach. Das ist eine ganz eigene freitragende Dachkonstruktion, die mit weniger Holz auskommt als ein herkömmlicher Dachstuhl. Entwickelt wurde diese Konstruktion 1921 vom Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger, der sie auch zum Patent anmeldete. Die Zimmerei Heß in Coburg muss dieses Patent besessen haben, denn sie warb auch damit, dass sie diese Konstruktionen errichten durfte.

Was seinen Großvater bewogen haben mochte, das Patent zu erwerben, vermag Wolfgang Heß nicht zu sagen. Fest steht aber, dass er es in den 20er Jahren oft einsetzte: Für mehrere Einfamilienhäuser in Coburg, für Schuppen und Lagerhallen. Wolfgang Heß zeigt ein Fotoalbum mit sorgfältig eingeklebten Schwarzweißfotos, die schwarzen Kartons mit weißem Stift beschriftet in Sütterlin. "Feldscheune" ist da unter einer Konstruktion zu lesen.

Die Zimmerei hatte in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts selbst mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Zusammen mit anderen Baugeschäften errichtete Heß Einfamilienhäuser. Als die Kunden nicht oder zumindest verspätet zahlten, sahen sich Eduard und Carl Heß 1936 gezwungen, einen Teil des Firmengrundstücks am Kanonenweg an das Baugeschäft Brockardt zu verkaufen, erzählt der Nachfahre.

Holz wiederverwendet

Auch das Familienanwesen an der Lutherstraße musste veräußert werden. Wolfgang Heß' Vater Carl ("er war ein Holzwurm") baute für seine Familie ein neues Haus an der Festungsstraße. Er verwendete dafür das Holz, das er benutzt hatte, um am Anger entlang der Schützenstraße eine Interims-Tribüne zu bauen. Dort fand am 6. Juni 1935 das 75. deutsche Turnfest statt. Die Tribüne sollte 10000 Menschen Platz bieten, aber "wir mussten sie wieder zurücknehmen", erzählt Wolfgang Heß. Zumindest einen Teil des Holzes verwendete Carl Heß für den Eigenbedarf. Wolfgang Heß, heute 86, wuchs in dem kleinen Haus aus schwedischer Fichte auf und bewohnt es mit seiner Frau Brigitte noch heute.

Erfolgreich mit Hallen

Trotz der Schwierigkeiten blieb die Firma Heß im Geschäft. Weitere Fotos im Album zeigen, wie die erste Fliegerhalle der Brandensteinsebene, 1913 errichtet, 1921 auf dem Firmengrundstück neu errichtet wurde. In den 30er und 40er Jahren war die Firma an der Sanierung der Morizkirche beteiligt, errichtete unter anderem ein freitragendes Holzgerüst rund um den Nordturm. "1940 haben wir für Waldrich die große Halle errichtet mit Holzbindern. Bis nach Frankfurt haben wir gearbeitet", berichtet Wolfgang Heß mit sichtlichem Stolz.

Für Auwi Stübbe ist die Geschichte der Zimmerei Heß ein interessantes Beispiel für die Entwicklung von Familienunternehmen. "Man sieht, dass die Firma immer sehr agil war", sagt er. Das "Zollinger" am Güterbahnhof erinnert auch daran.

Würdigung von Prinz Albert

In diesem Jahr freilich könnte der Kultbau Konkurrenz bekommen - durch den Kristallpalast. Den kann Stübbe zwar nicht nachbauen lassen - das Original war 563 Meter lang und 139 Meter breit - aber er wird dennoch im Mittelpunkt der diesjährigen Designtage stehen. Geplant werde das schon seit einigen Jahren, um Albert als Visionär und Gestalter im Jahre seines 200. Geburtstags zu würdigen.Wie genau, will Stübbe noch nicht verraten. Aber ab 28. Mai, wenn die Designtage eröffnet werden, soll es einiges zu sehen geben.



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