Coburg
Interview

Ein Dirigier-Professor aus Weimar und die Coburger GMD-Suche

Das Landestheater Coburg sucht einen neuen Generalmusikdirektor. Dirigier-Professor Nicolás Pasquet verrät, auf welche Herausforderungen künftige Orchesterleiter schon beim Studium vorbereitet werden.
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Dirigier-Professor mit Coburg-Vergangenheit: Nicolás PasquetFoto: Guido Werner
Dirigier-Professor mit Coburg-Vergangenheit: Nicolás PasquetFoto: Guido Werner
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In auffällig vielen Biografien junger Dirigenten taucht die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar als Adresse auf. Das gilt auch für junge Kapellmeister, die am Landestheater tätig waren oder sind - von Alexander Merzyn bis Johannes Braun, dem aktuellen Ersten Kapellmeister in Coburg. Das gilt aber auch für junge Dirigenten, die sich als GMD-Kandidat um die Nachfolge von Roland Kluttig bewerben wie Harish Shankar. Im Gespräch erläutert Nicolás Pasquet, Professor für Orchesterdirigieren an der Weimarer Hochschule, wie die Ausbildung die jungen Künstler auf ihre vielfältigen Aufgaben beispielsweise an Theatern vorbereiten kann.

Sie sind seit 1994 als Professor für Orchesterleitung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar tätig. Inwiefern haben sich in diesem Vierteljahrhundert die Anforderungen in der Ausbildung junger Dirigenten verändert?

Nicolás Pasquet: Das Niveau der neuen Studierenden ist stark nach oben gegangen, die Anforderungen haben sich sehr verändert. Zu uns nach Weimar kommen sehr viele Bewerber aus aller Welt. Grundsätzlich muss man sagen: Es gibt in Deutschland kein wirklich schlechtes Orchester mehr, heute kann sich kein Orchester mehr leisten, schlecht zu sein. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Dirigenten: Die Erwartung ihnen gegenüber ist gestiegen, sie müssen schon von Anfang an ein sehr hohes künstlerisches dirigentisches Niveau mitbringen. Heute müssen wir Leute ablehnen, die früher mit Kusshand genommen worden wären.

Wie hat sich in dieser Zeit das Bild vom Dirigenten verändert?

Heute wird in jeder Hinsicht mehr erwartet, der Typus diktatorischer Dirigent ist im Grunde nicht mehr präsent. Der Dirigent, die Dirigentin wird vom Orchester mehr und mehr als gleichwertiger Partner gesehen, mit Neugierde erwartet und nicht mit Angst. Die Autorität des Dirigenten kommt nicht durch Machtausübung, sondern durch sein Wissen, seine Ausstrahlung und seine künstlerische Überzeugungskraft.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht in diesem Zeitraum die künstlerische Qualität junger Absolventen verändert?

Das Niveau ist von Anfang des Studiums an viel höher als früher, weil die Kandidaten wissen, dass sie anders keine Chancen auf einen Studienplatz haben. Heute kommt nie mehr jemand zur Aufnahmeprüfung, der überhaupt noch nicht dirigieren kann. Viele versuchen vorher, privaten Unterricht zu nehmen. Entsprechend hoch ist dann auch das Niveau der Absolventen. Wir können ihnen auch während des Studiums viel mehr Praxis mit professionellen Orchestern anbieten, was essenziell ist für die Ausbildung.

Angesichts der unübersehbaren Überalterung des Publikums bei Konzerten mit klassischer Musik wie auch in der Oper gewinnt der Aspekt der Musikvermittlung besonders an jüngere Zuhörer immer mehr an Bedeutung. Wie kann diesen Herausforderungen bei der künstlerischen Ausbildung Rechnung getragen werden?

Sehr intensiv sogar, wir arbeiten sehr daran, dass die Studierenden auch Konzerte moderieren können müssen, vielleicht manchmal noch nicht ganz so intensiv, wie es wünschenswert wäre. Das Moderieren von Konzerten ist aber inzwischen schon Teil der Abschlussprüfung. Das Thema der Musikvermittlung geht aber viel weiter, es beginnt mit der Ausbildung guter Musiklehrer und Musiklehrerinnen für die Schulen. Die Sensibilisierung der jungen Leute für sogenannte "ernste" Musik ist heutzutage sehr wichtig. Deshalb müssen wir ganz neue Wege gehen, um die Kinder zu begeistern. Das Wichtigste ist, ihre Neugierde zu wecken und wach zu halten. Aktives, mitdenkendes Zuhören muss bewusst trainiert werden!

Wie stellen sich angehende Dirigenten Ihrer Erfahrung nach diesen veränderten Herausforderungen?

Wohlwissend, was die jungen Dirigentinnen und Dirigenten später erwartet, sind wir schon extrem wählerisch beim Auswahlverfahren neuer Studierender. Wir wollen eine charismatische Persönlichkeit finden, die sehr kommunikationsfähig ist. Wir stellen sie bewusst vor solche Aufgaben. "Frontalunterricht", also vorne die Bühne, im Saal das Publikum, und kein direkter Kontakt wie früher funktioniert schon lange nicht mehr. Eine Einführung vor einem Konzert ist wichtig für das Publikum. Dabei kann man sagen: In dieser Hinsicht passiert schon sehr viel in Deutschland. Die neue Generation ist sich dieses Wandels bewusst und trainiert diese Situationen bereits im Studium, vor allem bei eigenen Projekten, die sie auf die Beine stellen.

Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf die Programmauswahl und die Repertoirepflege?

Natürlich haben diese Veränderungen auch Auswirkungen auf die Programmauswahl. Aber ich warne davor, dem Publikum immer nur nach dem Munde reden zu wollen. Ziel sollte sein, in unseren Programmen das Wohlbekannte mit dem Neuen zu verbinden. Nur so erhält man sich auf Dauer das Publikum. Nur leichte Kost zu servieren, ist keine Lösung. Wir sollten das Publikum nicht überfordern, aber immer die Neugierde wachhalten. Unser Publikum ist schließlich nicht dumm.

Wie kann eine Hochschule Dirigier-Studenten auf diese Herausforderungen vorbereiten?

Indem wir unsere Ausbildung so breit wie möglich gestalten, indem wir mit den Studierenden an der Anfertigung von Jahresprogrammen arbeiten, indem wir ihnen sehr viel Repertoire vermitteln, sie ermutigen, neue Wege zu gehen, auf das Publikum zu hören. Es sind unzählige Wege, die hier gegangen werden.

Was halten Sie von Crossover?

Da halte ich es mit Leonard Bernstein - es gibt nur gute oder schlechte Musik. Ich habe auch schon viel in dieser Richtung gemacht. Wenn die Qualität stimmt, habe ich keine Berührungsängste - nur banal sollte es nicht sein.

Langsam steigt auch der Anteil junger Dirigentinnen an Opernhäusern und im Konzertleben. Wie spiegelt sich diese Entwicklung bei den Studierenden in Weimar wider?

In Weimar unterrichten wir natürlich auch Frauen im Dirigieren, aber derzeit sind sie bei uns noch stark in der Minderheit. Bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber versuchen wir nur nach der Qualität zu entscheiden. Grundsätzlich stehen wir Frauen im Dirigierstudium sehr positiv gegenüber. Bei Wettbewerben schlägt das Pendel derzeit sehr in die andere Richtung aus - manchmal haben Frauen bei Wettbewerben nicht ganz nachvollziehbare Vorteile gegenüber Männern. Letztlich wird sich das aber normalisieren. Orchester gehen mit diesem Thema sehr normal um. Sie sind sicher am wenigsten diskriminierend veranlagt - die suchen einfach den besten Dirigenten, die beste Dirigentin

Rund um die Coburger GMD-Suche

Nicolás Pasquet wurde 1958 in Montevideo/Uruguay geboren. Dort studierte er Violine und Orchesterleitung. Ab 1978 führte er seine Studien in Stuttgart und Nürnberg fort. 1984 und 1986 gewann er die Bundesauswahl des Deutschen Musikrates für Dirigenten; 1987 erhielt er den 1. Preis beim Internationalen Dirigentenwettbewerb in Besançon/Frankreich. Pasquet arbeitet mit namhaften in- und ausländischen Orchestern. Ab 1996 war er GMD und Chefdirigent der Neubrandenburger Philharmonie.

Landestheater Später war Nicolás Pasquet kommissarischer Chefdirigent des Orchesters des Landestheater Coburg und war für die Konzerte verantwortlich. 1994 folgte Nicolás Pasquet einem Ruf als Professor für Orchesterleitung an die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, wo er eine Dirigierklasse betreut und Chefdirigent des Hochschul-Sinfonieorchesters ist. Von 2006 bis 2014 war er zudem Dekan seiner Fakultät. Darüber hinaus arbeitet Nicolás Pasquet regelmäßig als freischaffender Konzert-Dirigent.

Kandidaten-Trio Drei Aspiranten bewerben sich um die Nachfolge von Roland Kluttig als Coburger Generalmusikdirektor. Mitte bis Ende Januar soll die Entscheidung gefallen sein unter diesen drei Kandidaten: Harish Shankar, Moritz Gnann und Daniel Carter.

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