Coburg
Interview

Ein Coburger Samba-Muffel packt aus

Samba-Festival? Nicht mit mir, sagt Tageblatt-Redakteur Rainer Lutz und erzählt, warum er dem Spektakel nichts abgewinnen kann.
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Bekennender Samba-Muffel: Tageblatt-Redakteur Rainer Lutz vor dem Spitaltor in Coburg Foto: Jochen Berger
Bekennender Samba-Muffel: Tageblatt-Redakteur Rainer Lutz vor dem Spitaltor in Coburg Foto: Jochen Berger
Ganz Coburg ist von Sambistas besetzt - und die Coburger verbünden sich mit ihnen. Alle Coburger? Nein, da gibt es so einige, die erbittert Widerstand leisten - wie unser Kollege Rainer Lutz. Dem ist das Ganze erstens viel zu laut und zweitens hat doch Samba überhaupt nichts mit Coburg zu tun, oder?

Warum bezeichnest du Dich als Samba-Muffel? Was stört Dich denn an dem Festival?
Rainer Lutz: Erstens bezeichne nicht ich mich so, sondern Ihr nennt mich Samba-Muffel, weil ich nicht zum Sambafest möchte. Was mich daran stört? Ich hoffe, Ihr habt reichlich Platz eingeplant! Nein, war nur Spaß. Beginnen wir damit, dass Teile der Stadt für das TammTamm abgesperrt werden. Ich möchte mich in meiner Heimatstadt frei bewegen können. Kann ich während Samba aber nicht. Die Absperrung wäre noch akzeptabel, wenn der Rummel nur dahinter stattfände. Er schwappt aber über. Ich versuche, außerhalb des Bumm-Bumm-Ghettos einen Kaffee zu trinken. Am oberen Ende der Gasse, wo ich draußen sitzen möchte, bearbeitet eine Bande etwas wie Trommeln und scheint dabei in Ekstase zu geraten. Am unteren Ende tut eine Gruppe von Damen mittleren Alters vermutlich Benzinfässern Gewalt an. Ich sitze in der Schnittmenge beider schrecklichen Geräusche - das soll ich mögen? Für mich ist das Folter.

Ist es nicht toll, Coburg mal von einer ganz anderen Seite zu erleben? Wirklich bunt?
Nein. Ach so, das reicht Euch wieder nicht als Antwort. Schön. Mir gefällt Coburg in seiner kleinstädtischen Beschaulichkeit. Ein bisschen altbacken, ein bisschen zu unrecht eingebildet - Ihr wisst schon, Residenzler und so - aber eben gemütlich. Samba passt hier nicht dazu. Kein bisschen. Abgesehen davon - wenn jeder sich wie ein Huhn verkleidet, was ich wirklich jedem gönne, der das gern tut, und alle zu einer für meine Ohren reichlich variantenarmen "Musik" herumtollen, die mich mit Verlaub eher an Maschinenlärm erinnert, dann ist das doch eher einheitlich als bunt, eben einheitlich bunt, oder nicht? Aber so ist es mit Fasching auch - und da schimpft ihr mich ja auch einen entsprechenden Muffel.

Viele Teile der Stadt sind doch ohne Ticket zugänglich - Samba grenzt niemanden aus. Du könntest also locker hingehen und auch wieder weg, ohne dass Dich das Geld reut.
Natürlich kann ich hingehen und - zum Glück - auch wieder weg. Genau auf solchen Versuchen der Selbsterfahrung basiert ja meine Abneigung gegenüber diesem Fest. Man könnte schon sagen, dass Samba niemanden ausgrenzt - im Gegenteil es vereinnahmt jeden, der sich der Stadt auch nur nähert, niemand kann sich dem entziehen - das Städtchen wird da schon ein bisschen vergewaltigt, von einem Vergewaltiger, der auch noch so tut, als täte er seinem Opfer etwas Gutes. Das macht es für mich noch ein bisschen schlimmer. Anders betrachtet vertreibt Samba sicher noch mehr Leute als mich. Und Vertreibung ist auch nur ein anderes Wort für Ausgrenzung.

Andererseits ist Samba auch eine Art Konjunkturprogramm für die Innenstadt. Viele Städte wären froh, wenn sie solch ein Festival hätten, weil sie wissen, dass Handel und Gastronomie davon profitieren. Warum willst du das mies machen?
Ich will gar nichts mies machen. Ihr habt mich gefragt, warum es mir nicht gefällt. Und ich denke, es darf mir auch nicht gefallen. Warum wollt Ihr mir und den zwei oder drei anderen Samba-Muffeln unbedingt Euer Ding aufdrängen? Ich zweifle übrigens heftig daran, dass dieses Festival ins Leben gerufen wurde, um den Ladeninhabern etwas Gutes zu tun. Eine Gruppe, die so etwas machen wollte, hat wohl die Stadtführung davon überzeugt, dass es nett wäre, die Stadt mal ein paar Tage zur Besatzungszone von Trommelfans zu machen. Andere Städte haben übrigens durchaus auch Festivals. Weltmusik hier, Zaubern da, Mittelalter dort, es muss wirklich nicht Samba sein. Aber das spielt auch keine Rolle. Wer das alles gern mag, der kann ja gern hingehen. Wenn eine Kneipe im Trommelgürtel während der paar Tage des Festivals einen zusätzlichen Jahresumsatz verbucht, sei ihr das gegönnt, mir aber meine Ruhe bitte auch.

Du wohnst im Landkreis. Sei doch froh, dass Du wenigstens einmal im Jahr mal ein bisschen was von der großen weiten Welt mitkriegst.
Okay, jetzt werde ich langsam echt sauer. Nee, war nur Spaß. Aber es sei schon darauf hingewiesen, dass Coburg - auch wenn es sich für den Nabel der großen weiten Welt hält - von eben dieser großen weiten Welt ziemlich genau gleich weit entfernt ist, wie der Landkreis um die Vestestadt herum. In etlichen Ecken der großen weiten Welt bin ich übrigens bereits gewesen, obwohl ich aus dem Landkreis komme. Ich habe aber nirgends außerhalb Südamerikas jemals eine kleine Provinzstadt gefunden, die sich etwas darauf eingebildet hätte, das größte Sambafest außerhalb Brasiliens zu veranstalten. Für den einen oder anderen Stadtbewohner dürfte übrigens das Sambafest ein erheblicher Anreiz sein, sich genau dann, wenn es stattfindet, ein wenig von der großen weiten Welt anzuschauen. Also gut, ich mag Samba nicht. Nennt mich also meinetwegen Samba-Muffel. Der einzige werde ich nicht sein. Wenn doch, ist es mir auch egal - trommelt Euch ins Koma, es sei euch gegönnt. Ich finde schon ein ruhiges Plätzchen. Da dürft Ihr mich auch gern besuchen - ich grenze niemanden aus, solange er keine Trommel dabei hat.

Die Fragen stellten Simone Bastian und Christiane Lehmann.
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