Neustadt bei Coburg
Erinnerungen

Ein Beer mit "Löwen"-Zeit

Ex-Nationalspieler Erich Beer radelt mit seiner Gabriele derzeit täglich 50 bis 70 Kilometer der Elbe entlang. Mit Rummenigge geht er manchmal spazieren.
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"Wir haben gläserne Spieler, ihr Leben steht 24 Stunden unter Beobachtung. Das war zu meiner Zeit nicht so. Da konnte man noch in Ruhe ein Bier trinken gehen." Erich Beer genießt sein Rentner-Dasein. Der ehemalige Neustadter fährt mit seiner Frau gerne an der Isar in München mit dem Rad oder spielt manchmal mit Sepp Maier Tennis. Foto: privat
"Wir haben gläserne Spieler, ihr Leben steht 24 Stunden unter Beobachtung. Das war zu meiner Zeit nicht so. Da konnte man noch in Ruhe ein Bier trinken gehen." Erich Beer genießt sein Rentner-Dasein. Der ehemalige Neustadter fährt mit seiner Frau gerne an der Isar in München mit dem Rad oder spielt manchmal mit Sepp Maier Tennis. Foto: privat
Was macht eigentlich Erich Beer? Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Sehr viel! Egal, ob er mit seiner Frau Gabriele 960 Kilometer den Jakobweg läuft, entlang der Elbe von Cuxhaven bis ins Riesengebirge radelt, mit Karl-Heinz Rummenigge durch Grünwald spaziert oder mit Ronald "Magic" Kneißel Tennis spielt - der 71-Jährige macht alles mit ganz viel Herzblut. So wie er früher eben Fußball gespielt hat. Mit Leidenschaft.
Am Herzen liegen ihm seine vier Enkelkinder - drei Jungs, ein Mädchen. Zum Aufpassen fliegt er in den Schulferien auch schon mal extra deshalb nach London. Die beiden Söhne sind beruflich stark eingespannt. Fußball haben Ralf (49) und Frank (45) auch gespielt, doch erfolgreicher war Ralf als Baseballspieler. 1997 nahm er mit dem deutschen Team an der Europameisterschaft in Paris teil.
Sein Vater kam auf 28 Länderspiele und stolze 342 Bundesligaeinsätze mit 95 Toren. Nach seine Karriere arbeitete er in München für BMW als Fuhrparkleiter. Jetzt führt Erich Beer ein erfülltes und sehr engagiertes Rentner-Dasein. Aktuelles Beispiel: Seit letzter Woche fährt er mit seiner Frau täglich zwischen 50 und 70 Kilometer mit dem Fahrrad entlang der Elbe.
Ausgangspunkt war am Montag die Quelle an der Spindlermühle. Dort wo die Elbe in Tschechien entspringt. Mit dem Bus von München nach Prag, dann mit dem Zug zum Ausgangspunkt der 1250 Kilometer langen Tour entlang der Elbe.


Neustadt ist immer noch Heimat

Ziel ist Magdeburg, also dort, wo er letztes Jahr gemeinsam mit seiner Frau die Tour abrupt unterbrechen musste. 2017 starteten die Beers von ganz oben, also von Cuxhaven, wo der Fluss in die Nordsee mündet. "Wir haben einen Anruf aus Neustadt bekommen. Mein Schwiegervater Franz Wenzel war gestorben". Erich und Gabriele (66) brachen ihr Abenteuer sofort ab und fuhren für 14 Tage "nach Hause". Die Beerdigung musste organisiert werden.
Neustadt ist für die Beers nach wie vor ein Stück Heimat. Die Bayerische Puppenstadt - dort wo alles begann. Seine große Fußball-Karriere. "Es ist schön, dass jetzt mal ein positiver Anruf aus Neustadt kam", freut sich "Ete" über die Tageblatt-Initiative. Die letzten Nachrichten waren nämlich alles andere als schön. Erst im Mai war er wieder daheim. Wieder wegen eines Todesfalls. Mit dem langjährigen Bademeister Walter Knoll starb ein Freund.


Vater war Schornsteinfeger

Kontakte pflegt er regelmäßig. Mit alten Weggefährten wie Uli Popp oder Lonni Hoffmann telefoniert er, drei Tanten leben auch noch in Neustadt. Als 13-jähriger Bursche kam er Anfang 1959 zum VfL. "Das war meine Bedingung. Mein Vater bekam den Bezirk als Schornsteinfeger zugewiesen und wir zogen von Ebing nach Neustadt".
Beer kickte noch eineinhalb Jahren in der Schüler und anschließend vier Jahre in der Jugend des VfL 07 Neustadt. Es folgten zwei Spielzeiten in der Landesliga mit der damals so erfolgreichen 1. Mannschaft.


VfL 07: "Das ist schon traurig"

Die Glanzzeit seines Heimatvereins, der sogar in der 2. Liga unter anderem gegen Bayern München spielten, sind lange vorbei. Wenn er in der Sonneberger Straße am alten VfL-Gelände vorbei fährt und den Schriftzug von Türkgücü Neustadt liest, blutet ihm das Herz: "Das ist schon traurig", sagt der beste Fußballer, den es jemals bei den Neustadter "Löwen" gab.


Ein Buch von Fritz Walter

Angefangen hatte bei Erich Beer alles aber schon 1954, als Fritz Walter und seine Mannen in Bern den ersten deutschen WM-Titel errangen. "Es gab bei uns in Ebing nur einen Fernseher. Mein Opa hat mich auf die Schultern genommen, damit ich etwas sehen konnte. Nach diesem Erlebnis stand für mich fest, dass ich unbedingt Nationalspieler werden will", sagt Beer.
Ein paar Jahre später traf er Walter dann persönlich, er war kurzzeitig Trainer beim VfL Neustadt. Als Jugendspieler erhielt er von Walter dessen Buch über die WM 1954 mit einer Widmung.
Dankbar ist Beer seinem - wie er sagt - "sportlichen Ziehvater" Eduard Heerlein. Er hätte ihn stets gut beraten. Als Beer in die Fohlen-Elf des 1. FC Nürnberg wechseln sollte, "meinte Eduard, dass ich noch ein Jahr in Neustadt bleiben soll. Dort spielt jeder für sich, weil jeder nur einen Vertrag haben will". Beer hörte auf den Ratschlag Heerleins und ein Jahr später verpflichtete der Club das Energiebündel aus Neustadt auf Anhieb für die 1. Mannschaft. Alles richtig gemacht. Es folgten erfolgreiche Jahre als Profi. "Bei den Summen, die mittlerweile im Profifußball verdient werden, hätte ich heute ausgesorgt", lächelte er. Allerdings habe sich das Umfeld für die Sportler radikal gewandelt. "Wir haben gläserne Spieler, ihr Leben steht 24 Stunden unter Beobachtung. Das war zu meiner Zeit nicht so. Da konnte man noch in Ruhe ein Bier trinken gehen." Heute besucht er die Bayern, natürlich auch "seine" Berliner Hertha und die Sechziger. "In der Regionalliga war ich nicht dort, aber nächste Saison schaue ich mir natürlich wieder das eine oder andere Spiel der Löwen an. Genauso wie er trotz Radtour natürlich auch die WM in Russland verfolgt. Deutschland kommt trotz der Auftaktpleite gestern gegen Mexico mindestens in Halbfinale - da ist sich Beer sicher. Die Südamerikaner hat er auch auf der Rechnung, allerdings ginge denen im Laufe eines Turniers schneller die Luft aus wie den Europäern. So wie der deutschen Elf 1978 in Argentinien - das war Beers WM und ist uns am Donnerstag eine Extra-Geschichte wert.

"I wer narrisch"

Wie Nationalspieler Erich Beer vor 40 Jahren die Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien erlebte und die "Schmach von Cordoba" verdaut hat, lesen Sie am Donnerstag im Coburger Tageblatt auf der WM-Seite.
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