Coburg
Open-Air-Sommer

"Echtes pures Glück" auf dem Coburger Schlossplatz: Pur regt zum Nachdenken an

Wer bisher nur den "Pur-Party-Mix" kannte, wurde am Freitag auf dem Schlossplatz eines Besseren belehrt: "Pur" überzeugt mit mitreißender Musik, Texten, die unter die Haut gehen, und Themen, die zum Nachdenken anregen.
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Pur-Frontmann Hartmut Engler singt mit viel Gefühl über die unterschiedlichsten Themen und ist begeistert von der guten Akustik auf dem Coburger Schlossplatz: "Wir sehen und hören euch. So macht uns das Spaß!" Fotos: Matthias Hoch
Pur-Frontmann Hartmut Engler singt mit viel Gefühl über die unterschiedlichsten Themen und ist begeistert von der guten Akustik auf dem Coburger Schlossplatz: "Wir sehen und hören euch. So macht uns das Spaß!" Fotos: Matthias Hoch
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Hartmut Engler beschreibt es perfekt: "Gut gemixt und wohl gerockt". Ja, genau so ist das Pur-Konzert beim HUK-Coburg-Open-Air am Freitag - eine spannende Mischung aus Mitsingen, Nachdenken und Feiern. Doch schon vor dem eigentlichen Konzert ist klar: Das wird ein kontrastreicher Abend.

Denn allein die Vorbands können unterschiedlicher nicht sein. Als erstes steht Sängerin und Schauspielerin Ina Paule Klink, bekannt aus den "Wilsberg-Krimis" im ZDF, auf der Bühne. Während "Paule" gewohnt seichten Deutsch-Pop aus Berlin mitgebracht hat, weckt die zweite Vorband "Füenf" mit originellen A-cappella-Performances das Interesse der Zuschauer.

Perfektes Open-Air-Wetter

Besonders kreativ und witzig ist vor allem ein Lied, das sich aus Songtiteln von Patrick Lindner zusammensetzt. Der ganze Schlossplatz singt "Bring mir die Sonne wieder zurück, die Sonne ist für alle da. Fang dir die Sonne, heute hier und jetzt, ein kleines Feuer, das dich wärmt". Zwei Zuschauerinnen stellen lachend fest: "Das klingt ja total nach Gottesdienst!" Nun, welcher Wettergott auch immer zugehört hat, das Publikum wird ihm dankbar sein. Kein einziger Regentropfen störte das Pur-Konzert.

"Die Temperatur ist perfekt", stellt auch Pur-Sänger Hartmut Engler fest. In sommerlichem Blumen-Shirt tritt er gemeinsam mit seinen Bandkollegen auf die Bühne. Ja, endlich geht es los. Da steht es: Schwarz auf grellem Weiß, riesengroß auf drei Bildschirmen: Pur!

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Freundschaftliche Stimmung

Die "älteste Schülerband" führt uns musikalisch "Zwischen den Welten" herum. Ruhig steigt sie ein, singt von Hoffnung, Liebe, Freundschaft in den bekannten Songs: "Freunde", "Ich lieb' dich", "Verboten schön". Es ist erstaunlich, wie schnell Pur es schafft, eine friedliche, schöne, aber vor allem gemeinschaftliche Stimmung entstehen zu lassen. 12 000 Menschen, Seite an Seite, nicht fremd fühlt es sich an, sondern geborgen. Das ist "echtes pures Glück".

Engler verzaubert mit voller, angenehmer Stimme, begleitet von sechs grandiosen Musikern. Alle strahlen eine unglaubliche Ruhe aus, konzentrieren sich auf ihr Instrument, technisch versiert, und haben doch sichtlich Freude beim Spielen.

Viel Gefühl

Musikalisch können sie alles, von einfühlsam bis mitreißend - kontrastreich eben. Hartmut Engler als Sänger zeigt außerdem eine große Bandbreite an Emotionen. Niemals hat der Zuhörer das Gefühl, er würde die Texte einfach nur irgendwie abarbeiten, nein. Er ist immer mit ganzem Herzen dabei und das sieht man ihm auch an.

Vor allem bei dem Lieblingslied seiner Mutter "Wenn sie diesen Tango hört" sieht man Tränen in den Augen des 57-jährigen Sängers. Eine Frau, die ihm viel bedeutet hat. Er ist sich sicher: Heute hört sie vom Himmel aus zu.

"Bis der Wind sich dreht"

Ja, Pur kann sanft, aber nicht nur. Auf einmal kommt Engler in langem Ledermantel auf die Bühne. Hartes Schlagzeug, intensiver Bass und coole Gitarrenriffs untermalen diesen Bruch, die Bühne wird in viel Rauch gehüllt - hier herrscht "Energie" und in starkem Kontrast geht die Band in die zweite Hälfte des Abends.

Der Wahnsinn dieser Welt

Denn in Purs Texten geht es nicht nur um "Indianer" und Prinzessinnen in einem "Abenteuerland", sondern auch um gesellschaftliche Themen. Engler bringt das Publikum immer wieder zum Nachdenken, spricht vom Rechtsruck in Europa, über Washington, China.

Im Song "Neue Brücken" singt er über Gier, Hass, Neid, Intoleranz und Fremdenhass. "Wir hatten immer die Hoffnung, das Lied irgendwann streichen zu können", erklärt er, "aber auf der Welt herrscht immer noch so viel Wahnsinn". Die Besucher lauschen gespannt seinen Worten. "Ihr wisst, wie man feiert, aber an den richtigen Stellen könnt ihr auch zuhören", lobt der Sänger. Das sei eine gute Mischung, betont er.

Aber egal um welches Thema es geht, ob es laut ist oder leise: Nach wirklich jedem Lied tobt die Menge. Die Band freut sich sichtlich über den Applaus. "Bitte nicht aufhören", ruft Engler. "Man denkt immer: Musiker haben's so mit ihren Noten und Instrumenten", sagt er lachend, "aber eigentlich geht es um dieses eine Geräusch. Das ist einfach das Geilste!"

Pur - Von der kleinen Schülerband zur erfolgreichsten deutschen Popband

Geschichte: 1975 gründet Ingo Reidl (Keyboard) mit ein paar Freunden die Band "Crusade" in Bietigheim-Bissingen. Anfangs spielt die Schülerband vor allem Coverversionen. Nach und nach formiert sich die bis heute bekannte Besetzung mit Hartmut Engler (Gesang), Joe Crawford (Bass), Rudi Buttas (Gitarre) und etwas später Martin Ansel (Gitarre, Keyboard, Akkordeon). Unter dem geänderten Bandnamen "Opus" nehmen die Musiker von ihren eigenen Ersparnissen ihr erstes Album auf. Aufgrund der Namensgleichheit mit einer österreichischen Band (bekannt für ihren Hit "Live is Life"), erfolgt die Umbenennung in "Pur".

Erfolg: Die Band wird 1986 Bundesrocksieger und feiert erste Erfolge. Ihr Song "Hab" mich wieder mal an dir betrunken" verhilft Pur schließlich zum ersten Plattenvertrag. 1988 gewinnt Pur den Nachwuchspreis der "Goldenen Europa" und wird von da an immer erfolgreicher. Mit dem Song "Lena" schafft die Band es zwei Jahre später zum ersten Mal in die Single-Charts. Es folgen Konzerte, neue Songs und vor allem zahlreiche Preise, die Pur zur erfolgreichsten deutschen Popband machen. Beim HUK-Coburg-Open-Air-Sommer traten sie - nach 2004 - bereits zum zweiten Mal auf.

Heute: Für ihre Auftritte holen sie die Gastmusiker Cherry Gehring (Keyboard, Gesang) und Frank Dapper (Schlagzeug) auf die Bühne. Der an Krebs erkrankte Ingo Reidl tritt aktuell nicht auf, schreibt aber weiterhin Songs

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