Coburg
Premiere

Drei Schwestern in der Coburger Schrankwand

Das Landestheater bringt Tschechow in einer heute packenden Nachdichtung auf die Bühne. Karin Drechsels wählte den komischen Weg der Inszenierung.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ein merkwürdiger Geburtstagt: Mascha (Alexandra Weis), Irina (Marie Nest), und Soljony ( Thomas  Kaschel). Henning Rosenbusch
Ein merkwürdiger Geburtstagt: Mascha (Alexandra Weis), Irina (Marie Nest), und Soljony ( Thomas Kaschel). Henning Rosenbusch
+23 Bilder

Ja wenn wir es nur wüssten. Was das alles soll. Dieses Leben. - Wenn diese Sätze fallen, haben die drei Schwestern das Tal der Erkenntnis durchschritten, eher durchstreunt, sind hindurchgestolpert. Sie wissen nun wenigstens: Wir müssen einfach weiterleben.

Es ist verblüffend, wie sehr Anton Tschechows Drama "Drei Schwestern" von 1901 uns heute aus der Seele spricht. Die bisher verlässlichen Systeme brechen zusammen. Die Sehnsucht bleibt. In der allgemeinen Orientierungslosigkeit macht sich Lähmung breit, Antriebslosigkeit. Und keiner weiß, was ihn daran hindert, endlich das Richtige zu tun. "Wir müssen es irgendwie durch unser Leben schaffen", ist einer dieser regelmäßig fallenden Sätze zwischen Irina, Mascha und Olga.

Doch weil diese Lage, diese Stimmung weder besonders heroisch noch tragisch ist, führt uns die renommierte, aus Coburg stammende, aber erstmals in ihrer Heimatstadt inszenierende Karin Drechsel Tschechows Stück von der Sinnlosigkeit des Lebens über weite Strecken als Komödie vor. Sie zeigt uns das Lächerliche in dem Gestrampel ums Glück, in den vagen Plänen, ins glücksverheißende "Moskau" zu ziehen, statt an Ort und Stelle zu leben. Sie zeigt es im Schwadronieren, um das kleine Leben groß erscheinen zu lassen.

Reicher Theaterabend

So werden die fast drei Stunden Spieldauer am Landestheater Coburg geradezu kurzweilig, während wir tief in die Charaktere, ihre Hoffnungen und Nöte hineingezogen werden. Im vierten Akt, da geht es nicht mehr mit dem ironisch Spaßigen, denn da ist das bisherige, ja in aller Unzufriedenheit keineswegs schlechte Leben in der Provinz, an der Grenze, am Ende. Da bleibt uns nichts anderes, als uns in die Umarmung der drei Schwestern einzuschließen. Und doch wieder zu lachen. Großer Applaus im vollen Landestheater bei der Premiere. Es waren erstaunlich viele junge Leute gekommen.

Was sich im Trübsinn verlieren könnte, beschert uns Karin Drechsel als reichen Theaterabend. Es ist schon die von Per Olov Enquist gleich Nachdichtung genannte, also freiere und aktuellere Übersetzung von Tschechows Stück (deutsch dann von Angelika Gundlach), die uns nahe rückt. Auch lässt der Rückblick der drei alt gewordenen Schwestern keine Larmoyanz zu. Die Schubladen der Erinnerung öffnen sich in einem die gesamte Bühnenbreite und -höhe einnehmenden Einbauschrank. Die Offiziere der Garnison lassen sich aus oberstem Klappfach herab. Liebhaber und falsche Paare verschwinden hinter einer der vielen Schranktüren. Nikolaus Porz' kastelige Konstruktion sorgt von vorne herein für Witz und Skurrilität.

Der nächste Regiegriff müsste nicht sein, bringt aber gerade hier in der ehemaligen Grenzregion besonderes Verständnis: Karin Drechsel hat die Szenerie in den 80er Jahren angelegt, deutet das Städtchen in der Abgeschlossenheit als Coburg, aber nur dezent. Stattdessen öffnet sie die Stimmung jener Jahre auch über die Musik. Immer mal wieder singen die Schauspieler - Songs dieser Zeit, "Wonderful Life" des britischen Musikers Black von 1986 dient als ironischer Kontrapunkt.

Die Mauer fällt

Die Nacht der Zuspitzung, bei Tschechow ein Brand in der Kleinstadt, wird bei Drechsel zur Grenzöffnung 1989. Während die große Schrankwand, die Mauer, langsam nach hinten kippt, werden aus dem Off die Ereignisse vom November 89 hier in der Region, in Neustadt und Coburg, rekapituliert. Ein durchaus spektakulärer Theatermoment.

Für diese große Szenerie der Erinnerung wie der Zukunftssuche hat Karin Drechsel ein wunderbares, großes Ensemble zur Verfügung. Man spürt, dass alle in der heiter-ironischen, doch umso schmerzlicheren Sinnsuche aufgehen und die Zuschauer mit sich nehmen. Eva Marianne Berger als Olga, die tragisch aufrechte Ältere, Alexandra Weis als Mascha, die Aufbegehrende, Trotzige, und Marie Nest als Irina, die lieber darauf wartet, dass sie den Richtigen dereinst in Moskau suchen will, statt den sie liebenden Tuschenbach (Valentin Kleinschmidt) zu nehmen.

Um das innig-komplizierte Schwesterntrio kreisen die weiteren Gefangenen dieser Welt, nicht minder packend charakterlich ausgeformt: Der schwächliche Bruder (Alexander Tröger), der von der raffinierten Natalja (Diana Ebert) gekapert wird. Der tödliche Clown Soljony (Thomas Kaschel), der erschütternd klarsichtige alte Tschebutykin (Nikolaus Scheibli), der große Aufschneider Werschinin (Cornelius Schwalm), der großspurig-gelehrte, dabei so anpasserische Kulygin (Nils Liebscher). - Der Abend endet in einem wunderbaren Bild. Zum Trost.

Landestheater Coburg Tschechows Drei Schwestern, von Per Olov Enquist, deutsch von Angelika Gundlach. Inszenierung Karin Drechsel, Bühne und Kostüme Nikolaus Porz, musikalische Einstudierung Dominik Tremel, Dramaturgie Carola von Gradulewski.

Darsteller Eva Marianne Berger, Alexandra Weis, Marie Nest/Solvejg Schomers, Alexander Tröger, Nils Liebscher, Thomas Kaschel, Valentin Kleinschmidt, Cornelius Schwalm, Niklaus Scheibli, Diana Ebert, Christa Fedder/Elvira Nettelroth, Elly Xenia Jurgan/Beate Kittel, Gitta Hofrichter/Ulrike Heckel-Fischer

Weitere Vorstellungen 14., 29., März, 18. April, 19.30 Uhr

17., 31. März, 15 Uhr

Ausstellung Bühnenbild ist ein Schwerpunkt der Innenarchitektur an der Hochschule Coburg. Unter Leitung von Michael Heinrich entstehen zweimal im Jahr Bühnenbildkonzepte parallel zu ausgewählten Produktionen des Landestheaters Coburg. Im Foyer-Bereich werden nun die Ergebnisse des letzten Wintersemesters, Raumkonzepte für "Drei Schwestern" gezeigt.

Kommentare (0)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren