Coburg
Herausforderung

Die Diakonie rettet den Verein Hilfe für das behinderte Kind

Die Wefa wird Mehrheitsgesellschafter der Heilpädagogischen Einrichtungen, des Schulförderzentrums und der Medizinisch-Therapeutischen Einrichtungen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ab Herbst hat das Diakonische Werk  das Sagen auf der Bertelsdorfer Höhe. Der Verein Hilfe für das behinderte Kind muss Mehrheitsanteile an seinen Töchtergesellschaften abgeben.Jochen Berger
Ab Herbst hat das Diakonische Werk das Sagen auf der Bertelsdorfer Höhe. Der Verein Hilfe für das behinderte Kind muss Mehrheitsanteile an seinen Töchtergesellschaften abgeben.Jochen Berger
+3 Bilder
"Jetzt haben wir die Probleme, die wir haben wollten." Dekan Stefan Kirchberger sieht das ganz klar: "Mit der Wiedervereinigung von der Diakonie und dem Verein Hilfe für das behinderte Kind Coburg wächst zusammen, was zusammen gehört." Kirchberger strahlt förmlich bei der Verkündigung dieser Nachricht und nennt sich einen glücklichen Menschen.

Tatsächlich ist wohl einer ganzer Reihe von Verantwortlichen, allen voran dem Vereins-Vorsitzenden Ulrich Eberhard-Schramm und Geschäftsführerin Karolin Netschiporenko, ein Stein vom Herzen gefallen. Denn mit der Übernahme durch die Diakonie konnte letztendlich die drohende Insolvenz abgewendet werden.

Bestenfalls zum Schuljahresbeginn, spätestens im Oktober wird die Wefa Mehrheitsgesellschafter der drei Töchtergesellschaften des Vereins. Unter der Regie von Diakon Franz Schön vom Vorstand des Diakonischen Werkes Coburg werden künftig die Heilpädagogischen Einrichtungen, das Schulförderzentrum und die Medizinisch-Therapeutischen Einrichtungen geführt. 51 Prozent zeichnet die Diakonie, 49 behält der Verein.


Andere Lösung favorisiert

Das hatte sich Ulrich Eberhard-Schramm im November 2017 noch anders vorgestellt. Damals war als Lösung für die finanziellen Probleme, in denen der Verein steckte, noch eine andere: Eine Holding mit dem Diakonischen Werk hätte Gleichberechtigung bedeutet.

Doch durch den Antrag auf eine erneute Wirtschaftsprüfung durch Unternehmensberater hätte sich eine Kooperation bis zum 1. Januar 2019 verzögert. "Solange hätten wir nicht durchgehalten", bedauert Ulrich Eberhard-Schramm "zutiefst".
Dem stimmt auch Franz Schön zu, der die Zahlen und Fakten auf dem Tisch liegen hat und bereits an den neuen Strukturen arbeitet.


Verwaltung und EDV gemeinsam

Die Zusammenlegung von einzelnen Bereichen, wie den ambulanten Sozialstationen oder dem betreuten Wohnen, die sowohl die Diakonie als auch der Verein Hilfe für das behinderte Kind anbieten, berge eine große Chance, noch bessere und effektivere Angebote machen zu können. Durch das neue Konstrukt werde es möglich, behinderte Menschen von der frühkindlichen Phase an bis hin zu einem Leben in Selbstständigkeit zu begleiten, sagte Kirchberger und erinnerte an die gemeinsame Vergangenheit. Bereits in den 60er Jahren arbeiteten die beiden Einrichtungen zusammen. Der erste integrative Kindergarten wurde gemeinsam gegründet. Die Trennungsphase begann Ende der 80er Jahre und sei ein schleichender Prozess gewesen, der endgültig 1997 abgeschlossen war.
Die beiden Diakonie-Vertreter freuen sich, dass es jetzt zur "Wiedervereinigung" komme. Der Verwaltungsrat des Diakonischen Werkes hat einstimmig für den Zusammenschluss votiert. Es sei eine Chance, die unterschiedlichen Schwerpunkte besser und gemeinsam zu strukturieren.
Kirchberger versicherte, dass es überhaupt kein Thema sei, Personal abzubauen. "Wir brauchen jede Kraft", sagt der Dekan. Und Franz Schön bekräftigt: "Alles läuft weiter wie bisher. Es gibt auch keine Vertragsveränderungen. Alle Verträge bleiben bestehen."
Natürlich sei es sinnvoll, das Tarifwerk anzuschauen und auf Dauer anzupassen. Der nächste Schritt sei aber die Zusammenlegung der Verwaltung und der EDV. Das müsse vernünftig geplant werden, so Schön.
Um Kosten einzusparen, müssten die Verträge mit den Kostenträgern auf den Prüfstand. "Können wir die Organisationsstrukturen verändern und durch die Verknüpfung von Arbeitsbereichen eine bessere Auslastung erreichen?" Das seien die drängenden Fragen, sagt der Diakon.
Inwieweit sich am Leistungsangebot etwas ändert, konnte noch nicht gesagt werden. Zunächst einmal sei der Leistungskatalog gesetzlich festgelegt und werde auch eingehalten. Doch die Diakonie sei schon ehrgeiziger, so Kirchberger. "Was gewachsen ist und gut läuft, wird erhalten", versprach Kirchberger. Als Beispiel nannte er das Wohnnest - eine Einrichtung, die zu den Stärken des Vereins gehört - nämlich ganz nah an den Bedürfnissen der Menschen zu sein. Der Dekan: "Unser Ziel ist die Weiterentwicklung."


Die Kritiker
"Praktizierte Desinformation und Versagen"
Schwere Vorwürfe gegen den Vorstand und die Geschäftsführung des Vereins Hilfe für das behinderte Kind Coburg erheben jetzt der ehemalige Vorsitzende (1975 bis 1989) Rolf-Jürgen Freese, der ehemalige Geschäftsführer des Vereins Heinz Fehling und der ehemalige Internatsleiter Dirk Scharenberg.
"Wir sind entsetzt über die seit Jahren praktizierte Desinformation und das offensichtliche Versagen von Vorstand und Geschäftsführung hinsichtlich der erfolgreichen Führung der Geschäfte des Vereins", formulieren die drei in einem Schreiben ans Tageblatt.
Den Weg an die Öffentlichkeit würden sie wählen, da ihnen auf schriftliche Anfragen vom Vorstand nicht geantwortet worden sei. "Wir sind mit Herzblut immer noch Mitglieder und es tut uns richtig weh, die desaströse Situation, in der sich der Verein befindet, zu sehen", unterstreicht Fehling das Engagement.
Obwohl Wirtschaftsprüfer bereits seit 2013 auf die bedrohliche Lage in den Prüfungsberichten hingewiesen hätten, habe der Vorstand seine Mitglieder nicht über die hohen Defizite informiert.
Dem widersprechen der Vorsitzende Ulrich Eberhard-Schramm und Geschäftsführerin Karolin Netschiporenko aufs Schärfste. Immer wieder in der Geschichte des Vereins habe es finanzielle Engpässe gegeben. Die Dimension jetzt sei nicht absehbar gewesen. Problem ist der verzögerte Internatsbau, da die Einnahmen von fast 20 Kindern fehlen, die zur Zeit nicht unterkommen.
Was die Informationspolitik betrifft, nennen die beiden Verantwortlichen zwei informelle Mitgliederversammlungen, bei denen über die ersten Gespräche mit der Diakonie berichtet wurde. An acht Runden Tischen wurden die Fragen der Mitglieder beantwortet. Explizit Heinz Fehling sei immer wieder über Zahlen und Fakten aufgeklärt worden. Dennoch habe er den Antrag auf eine erneute Prüfung durch Unternehmensberater im November 2017 gestellt und damit die Holding letztendlich verhindert.
Auch will sich der Vorsitzende keine schlechte Stimmung im Verein nachsagen lassen. Es gebe Probleme und es gebe Kritiker, aber das Betriebsklima sei sehr gut. "Wofür auch die geringe Fluktuation spreche", bestätigt Franz Schön. Viele Mitarbeiter seien Jahrzehnte beim Verein beschäftigt. "Wir haben keinen Grund, am guten Leumund von Geschäftsführung und Verein zu zweifeln", sagt Dekan Kirchberger abschließend.


Der Kommentar
Schwierig bleibt's
Wer ist schuld an der finanziellen Schieflage beim Verein Hilfe für das behinderte Kind? Eine Frage, auf der die Herzblut-Männer Fehling, Freese und Scharenberg ihre Antwort gefunden haben (siehe Text unten). Sie sehen ihr Lebenswerk in Gefahr und wenden sich an die Öffentlichkeit. Sie erheben Vorwürfe, machen Druck und fordern Rücktritte. Was ist dran an den Beschuldigungen? Die Aufklärung und die Motivation zu ergründen, ist für Außenstehende gleichermaßen schwer. Komplizierte Vereins-Konstrukte und persönliche Animositäten spielen dabei eine große Rolle. Tatsache ist, dass mit dem Einstieg der Diakonie künftig ein Anderer das Sagen hat. An den eigentlichen gesellschaftlichen Herausforderungen ändert sich aber nichts: Geburtenrückgang, Inklusion, erhöhte Baukosten und Handwerkermangel - all diese Faktoren haben dazu beigetragen, dass der Verein in die Schieflage gerutscht ist. Ob strukturelle Veränderungen reichen werden, die Defizite auszugleichen, wird sich zeigen müssen. Christiane Lehmann



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren