Erlangen
Kunst

Die Bilder des Coburger Hofmalers Haag waren der Queen zu teuer

Für ihre Urlaubsbilder beschäftigte Queen Victoria einen Erlanger Künstler. Doch Carl Haag, Hofmaler des Coburger Herzogs, reiste mit seinen Aquarellfarben nicht nur nach Schloss Balmoral, sondern auch in den Orient. Vor genau 100 Jahren ist der Mann mit dem abenteuerlichen Leben gestorben.
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Selbstporträt zum 80.: Dieses Bild schickte Carl Haag 1900 in seine Geburtsstadt Erlangen.
Selbstporträt zum 80.: Dieses Bild schickte Carl Haag 1900 in seine Geburtsstadt Erlangen.
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Die Angelegenheit erfordert höchstes Fingerspitzengefühl. Prinz Albert will seine Gemahlin, Queen Victoria, zu Weihnachten 1853 mit einem Gemälde überraschen, das er bei Carl Haag bestellt. Motiv: die königliche Familie beim Morgenritt in den Highlands. Das Pikante dabei ist, dass Victoria ebenfalls ein Bild als Geschenk für ihren Mann plant: "Abend auf Schloss Balmoral". Und auch hier ist der Maler Carl Haag, der es geschafft hat, in zwei getrennten Räumen zu arbeiten, sodass keiner vom Präsent des anderen etwas mitbekam. Der Auftrag ist der Beginn eines kometenhaften Aufstiegs des Bäckersohns aus Erlangen. Ein Jahr später wird er zum Hofmaler von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg-Gotha, dem Schwager der Queen, ernannt, zehn Jahre später kann er für seine Bilder so viel Geld verlangen, dass sie sogar der englischen Königin zu teuer sind.


Urenkelin enthüllt Gedenktafel


Diese und viele andere Geschichten über Carl Haag hat der promovierte Germanist und Literaturwissenschaftler Walter Karbach recherchiert und in einem - inzwischen vergriffenen - Büchlein veröffentlicht. Karbach, der zur Zeit an einer Biografie über Carl Haag arbeitet, stammt aus Oberwesel am Rhein, wo der Maler 1864 einen Turm aus dem 13. Jahrhundert erworben, saniert und im Alter bewohnt hat. Hier ist Carl Haag vor genau 100 Jahren, am 17. Januar 1915, 94-jährig gestorben, und hier wird am Samstag, 17. Januar 2015, seine Urenkelin Catherine Allison eine Gedenktafel enthüllen.


Vortrag in Erlangen


Danach reisen die Gäste weiter nach Erlangen, wo Walter Karbach im Stadtmuseum einen Vortrag über den Künstler hält (Stadtmuseum Erlangen, Martin-Luther-Platz 9, Beginn 19 Uhr, Eintritt frei). Gleichzeitig wird die Internationale Carl-Haag-Gesellschaft gegründet, die erreichen will, "dass Werk, Leben und Nachlass erforscht, kunstdidaktische Aspekte herausgearbeitet werden". Die Ergebnisse sollen in Dauerausstellungen in Erlangen und Oberwesel, aber auch in ein Werkverzeichnis münden.


Der Bäckersohn hat Talent


In Erlangen wird Carl Haag am 20. April 1820 geboren. Sein Vater, Bäckermeister Johann Haag, stirbt bereits acht Jahre später, sodass die Mutter mit den vier Kindern zu ihrem Bruder nach Nürnberg zieht. Hier lebt ein weiterer Verwandter, der Porzellanmaler Johann Rudolph Weber, bei dem der talentierte Carl malen und zeichnen lernt. 1837 hält er das stattliche großväterliche Gut mit Ziegelhütte in Frauenaurach fest - ein Bild, das sich heute im Besitz des Stadtmuseums Erlangen befindet, wie auch die Porträts der Großeltern Weber mütterlicherseits. Zu dieser Zeit studiert Carl schon an der Nürnberger Kunstschule, deren Direktor Albert Reindel den jungen Künstler besonders fördert.


Ein Porträt von Sissi


1844 zieht Haag von Nürnberg nach München. Selbstbewusst lehnt er ein Stipendium für die Akademie ab; er will mit seiner Kunst Geld verdienen und arbeitet als Porträtmaler und Buch illustrator. Seine Miniaturbilder in Visitenkartengröße sind der Hit und auch in Adelskreisen gefragt. Zu den Kunden zählt Herzog Max in Bayern, der seine Tochter Sissi, die spätere Kaiserin von Österreich, porträtieren lässt. Mit Empfehlungsschreiben seiner Gönner macht sich Haag 1846 auf den Weg nach Paris, bleibt allerdings - vielleicht einer Comtesse wegen - in Belgien hängen, wo er von der englischen Aquarellmalerei hört. Das interessiert ihn und er zieht weiter nach London, um dieses Genre von der Pike auf zu erlernen. Zusammen mit dem befreundeten Chemiker Frederick Abel experimentiert Haag mit Farben, legt seine Aquarelle in die Sonne, um ihre Lichtempfindlichkeit zu prüfen, entwickelt eine Maltechnik, die eine unvergleichliche Intensität der Farben ermöglicht, und erfindet ein Fixiermittel, das die Frische der Bilder bis heute gewährleistet. Mit 28 Jahren schreibt er sich als Student an der Royal Academy ein.
Dann wäre es fast vorbei gewesen mit der Karriere: Beim Umgang mit einer geschenkten Pistole verletzt sich Haag schwer an der Hand. Er glaubt, nie wieder malen zu können. Doch der Arzt Prescott Hewett rettet die Hand des Künstlers. Nicht nur das: Er ebnet ihm auch den Weg in die Londoner High Society. Der Künstler erhält jetzt Aufträge und wird als erster Nicht-Brite Mitglied der späteren Royal Water-Colour Society. 1850 unternimmt Haag eine Reise längs des Rheins bis in seine alte Heimat Nürnberg und zeigt Bilder davon später in London. Bei einer Wanderung in Tirol lernt er Fürst Karl zu Leiningen, den Stiefbruder Queen Victorias, kennen, der hier ein Jagdschloss besitzt. Zu dieser Zeit ist auch der Coburger Herzog Ernst II., Bruder von Prinzgemahl Albert, hier zu Gast. Beide wollen sich bei der Queen für ihre neue Bekanntschaft verwenden.


Ohne Gepäck bei der Queen


Tatsächlich erhält Carl Haag 1853 eine Einladung der Königin nach Schottland. "Ihr junger Protegé C. Haag ist hier und wird heute beginnen, aber stellen Sie sich vor, er hat alle seine Sachen und all seine Malutensilien auf der Eisenbahn verloren!", schreibt Victoria dem Fürsten Leinigen. Die Königin, selbst eine begeisterte Malerin, hilft dem Künstler mit ihren eigenen Farben aus, nimmt Unterricht bei ihm und wird später versuchen, Haags Bilder zu kopieren. Haag erhält ein Atelier sowie einen Diener mit Pferd, Prinzgemahl Albert leiht ihm seinen Umhang gegen das schlechte Wetter.


Die Orientbilder sind gefragt


Nach der Ernennung zum Hofmaler 1854 hat der Künstler keine Geldsorgen mehr. Er reist nach Rom und Venedig und bricht 1858 zu seiner ersten Orientreise auf. Haag malt unermüdlich, experimentiert auch mit der Fotografie. Er hält die Pyramiden nahe Kairo fest, geht in Karawansereien und Basaren auf Motivsuche, lebt mit Beduinen, erhält Zugang zur Felsendom-Moschee in Jerusalem, ist fasziniert von den Ruinen von Palmyra, bereist die Hochebene des heutigen Libanon. 1860 kehrt er nach London zurück; seine Orientbilder verkaufen sich hervorragend. Der Maler erhält die englische Staatsbürgerschaft, sucht sich aber ein Domizil in Deutschland. Er erwirbt einen Turm in Oberwesel am Rhein und verziert die Fenster seines Ateliers mit Porträts berühmter Nürnberger wie Dürer und Hanns Sachs. Als die Queen 1865 auf dem Weg nach Coburg hier vorbeifährt, lässt Haag den Turm beflaggen und vom Balkon aus Salut schießen.

Inzwischen ist Haag ein gemachter Mann und denkt an Hochzeit. 46-jährig ehelicht er die zwölf Jahre jüngere Ida Büttner und bezieht mit ihr eine Villa in Hampstead, wo er sich ein Aufsehen erregendes Atelier im orientalischen Stil einrichtet. Haag erntet die Früchte seiner Arbeit, stellt in London, Paris und Wien aus. Drei Söhne und eine Tochter kommen zur Welt. Der Künstler ist starker Raucher, aber auch Vegetarier. Er wandert gern, führt Tagebuch, wird als heiter und gelassen beschrieben und ist ein exzellenter Geschichtenerzähler. Noch einmal fährt er nach Ägypten und bis in den Sudan. 1899 besucht er letztmals Queen Victoria auf Schloss Windsor; vier Jahre später verlässt die Familie London und zieht ganz nach Oberwesel. Zu Weihnachten 1911 gibt es ein tragisches Unglück im Turm: Ehefrau Ida sperrt sich aus und muss die Nacht bei eisiger Kälte auf der Außengalerie verbringen. Sie stirbt wenige Tage später an den Folgen einer Lungenentzündung. Da Ida in den letzten Jahren jegliche Korrespondenz für Haag übernommen hatte, trifft den inzwischen 91-Jährigen der Verlust besonders schwer. Carl Haag stirbt drei Jahre später.


Die Wurzeln nie vergessen


Er habe nie vergessen, "dass alle Erfolge in der Kunst und mir zuteil gewordene Anerkennung allein meiner bayerischen Kunsterziehung ich zu danken habe", schreibt Carl Haag im Jahre 1900 gerührt an die Erlanger Stadtväter, als sie anlässlich seines 80. Geburtstags eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus Theaterstraße 2 anbringen lassen. Weil er nicht persönlich kommen kann, schickt er ein Selbstporträt, das bis 1962 im Rathaussaal hing und sich jetzt im Stadtmuseum befindet. 1910 wird eine Straße nach ihm benannt.

Eine größere Ausstellung wird es aktuell zum Todestag nicht geben, aber in fünf Jahren - zu Haags 200. Geburtstag - soll in Erlangen eine internationale Werkschau mit Leihgaben aus England, Japan, Kuweit und Israel stattfinden. Die Vorbereitungen sind schon angelaufen.
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