Coburg
Buch-Präsentation

Der "Sidimuff" in Kutzenberg

Helmut Vorndrans neuer Frankenkrimi "Die Kamuelsfeder" strotzt vor Absurditäten, wird aber auch zum spannenden Kriminalfall.
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Helmut Vorndran   signiert  in der Alten Schäferei. Carolin Herrmann
Helmut Vorndran signiert in der Alten Schäferei. Carolin Herrmann
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Die Welt dreht sich rasant weiter, erst Recht in Helmut Vorndrans Frankenkrimis. Jetzt rätseln wir über die "Kamuelsfeder"; den "Jade-Sauropsid" haben wir gerade verkraftet. Aber wer kann schon genug kriegen von dem Komiker. Der mit seinen Krimi-Plots übrigens immer besser wird.
Zuerst will man allerdings stets wissen, wie weit es der Autor mit Kabarettisten-Vergangenheit (TBC) diesmal wieder treibt mit seiner Satire, seinen Comedy-Szenen, mit Sarkasmus oder auch purem, skurrilen, gar surrealen Gag in den Erlebnissen der Bamberger Kriminalpolizei. "Die Kamuelsfeder" liefert von allem wieder reichlich. Wahrlich. Chamuel ist übrigens ein Erzengel.
Helmut Vorndran trug am Dienstag in der Alten Schäferei dann auch ausschließlich und ausführlich Verrücktheiten vor. Das zahlreiche Publikum, das auf Einladung der Coburger Buchhandlung Riemann gekommen war, hatte seinen Spaß, zumal Vorndran auch noch mit intensivem autobiographischen Bezug seines zehnten Romanes kokettierte.
Die eigentliche Mordsstory der "Kamuelsfeder", die bei der Lesung wie gesagt keinerlei Rolle spielte, läuft zwischen Kutzenberg und Italien. Es sei ja bekannt, dass er ein begeisterter Franke ist, bereitete Vorndran vor auf sprachlich Schwerverdauliches. Um die Lichtenfelser Gegend habe er sich aber immer gedrückt, "weil der Lichtenfelser Dialekt das mit Abstand Erbärmlichste ist, was das Fränkische hervorgebracht hat." Einer Zuhörerin vom Niederrhein empfahl Vorndran, sich nach einem Simultanübersetzer in ihrer Umgebung umzusehen. Also las Helmut Vorndran, dann aber durchaus gemächlich und verständlich.


Ein großes Geheimnis

Aus haarsträubenden Umständen hat der fränkische Nichtsnutz Siegi Dinkel aus Prächting den "Sidimuff" kreiert und ist damit zum Milliardär geworden. Der "Siegfrieddinkelmuffin" ist der erste Fleisch- und Sonstiges-Granatsplittermuffin der Welt. Alle wollen ihn essen, aber keiner erfährt, was tatsächlich seinen unvergleichlichen Geschmack ausmacht.
Für die Produktion hat Siegi das gesamte Klinikareal von Kutzenberg aufgekauft, wo er nun im Hochsicherheitstrakt produzieren lässt und gleichzeitig seine eigene Verrücktheit lebt. Wir stehen endlich kurz vor der fränkischen Unabhängigkeitserklärung. Nur der ehemals aussichtsreichste Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten, Manfred Zöder, ist verhindert. Verknackt wegen Dealens von Chrystal Meth, aber mittlerweile im offenen Vollzug, darf er als erzieherische Maßnahme Siegfried Dinkel in Kutzenberg dienen. Weil er früher als Finanzminister von Bayern beim Veitshöchheimer Fasching immer in so ausgefallenen Fummeln auftrat, lässt ihn Dinkel jetzt als "Beethoven" wandeln.
Für all diese Geschichten und die zusehends entgleitenden Schicksale der von Vorndran-Roman zu Roman gepflegten fränkischen Originale, ob menschlich oder tierisch, muss man Sinn haben. Der Coburger Sänger wurde mittlerweile auch eingebuchtet. Das ausgesprochen charaktervolle Flussregenpfeifer-Weibchen hat keinerlei Funktion für den Roman, aber unterdessen eine selbstverständlich erzählenswerte Weltreise bis nach Puerto Rico hinter sich. Der Haßfurter Autofahrer an sich und im Speziellen - ach, du grüne Neune.
Über weite Strecken geht es ausführlich formuliert um die Befindlichkeiten der Akteure, von Lagerfeld, dessen einstmals ambitionierte Ehe dahin ging, bis zum ewigen Ermittlerferkel Riemenschneider, das längst eine ausgewachsene Sau ist. Mit entsprechendem Potenzial.
Da muss man einfach widerstandslos mitgehen; dann breitet sich die existenzielle vorndransche Heiterkeit unaufhaltsam im ganzen Körper aus.
Ach so, ja. Wos is jetzt eichendlich mit der Doden? Die Frau Siegi Dinkels ist in Italien vor einem Jahr bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen. Doch plötzlich verschwinden weitere Personen, dafür tauchen merkwürdige Zusammenhänge auf und nun Zweifel beim italienischen Ermittler Federico Buffa. Die neue Bamberger Kollegin, Andrea Onello, ursprünglich geborene Reichert aus Oberbrunn und Superwoman, wird zwecks koordiniertem Vorgehen zu ihm geschickt.


Er führt in die Irre

Mehr als das Gerüst kann man hier nicht skizzieren, denn Vorndran nutzt wirklich jede Gelegenheit für einen satirischen Ausflug, egal wohin, zum herrlich vorgeführten Latin Lover, in touristische Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, in ernährungstechnische Grundsatzdiskussionen...
Aus all dem lachhaften Durcheinander zieht Vorndran aber eine wirklich spannende, erst geschickt in die Irre führende Kriminalgeschichte. Die hat zwar nach wie vor skurrile Umrisse, ist im Eigentlichen, in der Tragik der verwickelten Personen aber durchaus nahegehend und gar nicht mehr so lächerlich.

Helmut Vorndran: Die Kamuelsfeder. Franken Krimi. Emons-Verlag Köln,360 Seiten, 12,90 Euro.

Helmut Vorndran, 1961 in Bad Neustadt/Saale geboren, lebt heute in Rattelsdorf, wo er einen Kanuverleih betreibt und Ferienwohnungen vermietet. Eigentlich gelernter Schreiner, war er lange prägende Kraft des 1984 mitbegründeten Totalen Bamberger Cabarets, bevor er die Laufbahn eines Krimiautors einschlug. Die Reihe seiner Frankenkrimis eröffnete 2009 der Band "Das Alabstergrab". "Die Kamuelsfeder" ist mittlerweile sein zehntes Buch.

Weitere Lesungen mit Helmut Vorndran in der Region:

Untermerzbach 9. August um 19.30 Uhr in der Kanz-Scheune.

Bad Rodach am 27. Oktober um 19.30 Uhr im Jagdschloss



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