Neustadt bei Coburg
Geschichte

"Der Großteil war Gewalt"

In der Kultur.werk.stadt in Neustadt sind drei Ausstellungen über die DDR zu sehen, die bei unter dem Aspekt Demokratie eine Einheit bilden.
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Auf großes Interesse stößt die Gesamtausstellung "Demokratie wagen - Demokratie schützen" Foto: Edwin Meißinger
Auf großes Interesse stößt die Gesamtausstellung "Demokratie wagen - Demokratie schützen" Foto: Edwin Meißinger
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"Die Demokratie ist zerbrechlich!", so äußerte sich bereits 2013 der Historiker, Autor und Geschwister-Scholl-Preisträger (Auszeichnung des Deutschen Buchhandels) Otto Dov Kulka. Ähnlich stellte auch der ehemalige Sonneberger Landrat Reiner Sesselmann seine Lebenserfahrungen am vergangenen Dienstagabend in der Neustadter Kultur.werk.stadt vor. Sesselmann berichtete anlässlich einer dreiteiligen Ausstellung in der Bahnhofstraße 22 über seine Zeit in und nach der DDR. Die Ausstellung "Demokratie wagen - Demokratie schützen" findet noch bis zum 28. Juli statt und ist frei zugänglich (Öffnungszeiten siehe Infokasten).

Die Ausstellung "Exit! - Reise ohne Rückkehr?" berichtet von Einzelschicksalen Deutscher, die in der DDR lebten, unter der Beschneidung ihrer persönlichen Freiheit litten und Wege suchten, die DDR auf legalem oder illegalem Weg zu verlassen. Eine weitere Ausstellung, "Kommunismus in seinem Zeitalter", berichtet über den Auf- und Niedergang der kommunistischen Bewegung in Deutschland und auch weltweit. Sie vermittelt dessen teils menschenverachtende Auswirkungen und Systematiken im Sozialismus, Leninismus und Stalinismus. Ebenso wird die Ausstellung "Rotstift - Medienmacht, Zensur und Öffentlichkeit in der DDR" präsentiert. Die Ausstellungen "Exit - ..." und "Rotstift -..." stammen von "Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V." und die "Bundesstiftung Aufarbeitung" zeichnet für die Ausstellung "Kommunismus ..." verantwortlich.


Die Grenze bewusst erlebt

Professor Michael Gehler, der in Neustadt aufwuchs, berichtete, er habe damals bewusst die Grenze erlebt. Gehler fügte an: "Die Demokratie ist in unserer Geschichte wie ein Wurmfortsatz, ein Appendix - sie ist ein kleiner Teil unserer Geschichte. Der Großteil der Geschichte ist Gewalt."

Damit ging er auf die Staatenbildung und Menschenführung der Regierungen ein. Aus seiner Sicht seien hier zwar drei Ausstellungen zu sehen, jedoch gehörten sie zusammen und bildeten eine Einheit.

Erwähnte Sesselmann über die Dauer der DDR (1949 - 1990): "Die DDR konnte sich nur so lange halten, wie das MfS (Ministerium für Staatssicherheit oder auch Stasi) funktionierte", folgerte Gehler daraus: "Die DDR konnte nur so lange bestehen, so lange die Sowjetunion bestand."

Diese untrennbare Verquickung zwischen der DDR und der Sowjetunion hob auch Sesselmann im Bericht über seine Lebenserfahrungen hervor. "Was immer die Partei (SED) für Wahrheit hielt, war Wahrheit!", betonte Sesselmann. Eine Abweichung der geäußerten Meinung über Wahrheit sei unmöglich gewesen. Weiter erzählte er, dass alles in der DDR kontrolliert worden sei, vom Faschingsverein bis hin, wer Westfernsehen schaue.


Angebliche Pressefreiheit

In der Ausstellung "Exit! - Reise ohne Rückkehr?" werden die verschiedensten Wege über Ausreiseantrag bis hin zur Flucht aufgezeigt. Es gab Fälle, in denen DDR-Bürger ihres Landes verwiesen wurden oder von der BRD freigekauft wurden. In der Ausstellung "Kommunismus in seinem Zeitalter" werden Plakate mit entsprechenden Botschaften einer neuen und besseren Welt, die durch den Kommunismus entstehe, aufgezeigt - bis hin zur Fantasterei, durch diese politischen Systeme werde ein neuer Menschentyp geschaffen, vorausgesetzt, das Volk unterwerfe sich der Meinung der herrschenden Klasse. Wer noch nicht wusste, dass es in der Verfassung der DDR eine Zusicherung der Pressefreiheit gab, darf sich in der Ausstellung "Rotstift - Medienmacht, Zensur und Öffentlichkeit in der DDR" eines Besseren belehren lassen. In Artikel 9 der DDR-Verfassung von 1949 steht: "Alle Bürger haben das Recht ... ihre Meinung frei und öffentlich zu äußern und sich zu diesem Zweck friedlich und unbewaffnet zu versammeln ... Eine Pressezensur findet nicht statt."

Dass sich diese hehren Wünsche oder Ziele in der DDR nicht verwirklichten, zeigte der Lauf der Geschichte. Wie es heute um die Pressefreiheit bestellt ist, kann jeder Interessierte im Rahmen einer Podiumsdiskussion mitverfolgen. Am kommenden Montag, 17. Juli, 18 Uhr, wird sie in der Kultur.werk.stadt Neustadt durchgeführt. Die Ausstellung wurde von Neustadts Drittem Bürgermeister Martin Stingl (SPD) offiziell eröffnet.
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