Coburg
Auftritt

"Der Großinquisitor" in Coburg: der Fluch der Freiheit

Wie zwei Schauspieler des Landestheaters Dostojewskis Erzählung "Der Großinquisitor an ungewöhnlichem Ort in einen spannenden Theatertext verwandeln.
Artikel drucken Artikel einbetten
"Der Großinquisitor": Szene mit Valentin Kleinschmidt (links) und Thomas KaschelFoto: Simon Geistlinger
"Der Großinquisitor": Szene mit Valentin Kleinschmidt (links) und Thomas KaschelFoto: Simon Geistlinger
+17 Bilder

Die Geschichte ist ungeheuerlich. Sie erzählt davon, dass der auf die Erde zurückgekehrte Gottessohn im Spanien des 16. Jahrhunderts verhaftet und vom Großinquisitor unter Anklage gestellt wird. Ein beispielloser Vorgang, den Dostojewski in seiner Erzählung "Der Großinquisitor" schildert und den zwei Schauspieler des Landestheaters als Vorlage für einen ganz und gar ungewöhnlichen Theaterabend an ungewöhnlichem Ort gewählt haben. Denn diese Geschichte vom verhafteten Jesus - sie spielt in Coburg in einer seit Jahren leerstehenden ehemaligen Fleischerei: im "Schlick 29" im Steinweg.

Beamer und Dornenkrone

Ines Barthel, Absolventin der Hochschule Coburg, hat in dem bis zur Decke weiß gekachelten Raum nur wenige Zutaten benötigt, um die schaurige Atmosphäre der spanischen Inquisition des 16. Jahrhunderts in die Welt des 21. Jahrhunderts zu übersetzen - mit Video-Beamer, Mischpult und dekorativ drapierter Dornenkrone.

Aalglatter Vortragsreisender

Dostojewski Großinquisitor, der die Ketzer auf den Scheiterhaufen schickt und den zurückgekehrten Erlöser am liebsten gleich mit - er wird in der Lesart von Valentin Kleinschmidt zum aalglatten Vortragsreisenden, der seinem Publikum Erlösung verspricht vom Fluch der Freiheit.

Raffiniert und redegewandt

Der Großinquisitor als Regisseur blutiger Bestrafungen vermeintlicher Ketzer hat ausgedient. Doch sein Nachfolger ist keinen Deut besser. Er kommt redegewandt und raffiniert argumentierend daher. Thomas Kaschel spielt ihn als einen zynischen Verführer, wie sich der vermeintlich moderne Mensch, der Mensch des 21. Jahrhunderts, ködern lässt. Den Schreckensbildern des gnadenlos Kriege führenden Menschen stellt er Bilder überfließenden Wohlstandes gegenüber. Der verführerische Deal ist ganz einfach: Der Mensch, der auf die vermaledeite Freiheit verzichtet, wird mit vermeintlichem Frieden belohnt.

Zynische Quizshow

Das Verhör der zurückgekehrten Erlösers - Valentin Kleinschmidts Regie zeigt es als eine zynische Quizshow, in der der Regisseur selber als Jesus mit Dornenkrone agiert: ohne Chance, den Preis zu gewinnen.

Christus als Störenfried

Jesus Christus, der Erlöser - auch in dieser Lesart erscheint er zunächst ganz einfach als Störenfried, der mit seinen Wundern das Geschäft der Kirche gefährdet. Die Anklage klingt paradox und ist doch bitter ernst gemeint. Jesus habe mit seinem Handeln die Menschheit zum freien Willen und zum freien Handeln verführt und damit von Grund auf überfordert.

Ausdauernde Begeisterung

Mit dieser zynischen Schlussfolgerung freilich will Regisseur Kleinschmidt das Publikum nicht entlassen. Vielmehr tritt er in bester Theatermanier als Deus ex Machina dazwischen, bricht Dostojewskis Text auf und setzt einen flammenden Appell gegen den Verzicht auf Freiheit dagegen - Charlie Chaplins Rede aus "Der große Diktator".

Das Publikum ist beeindruckt und bejubelt ausdauernd die erste Theater-Premiere im einstigen Firmengebäude des ehemaligen Hofschlachters. Keine Frage: Das Landestheater Coburg hat im Schlick 29 einen außergewöhnlichen neuen Spielort gefunden.

Landestheater zu Gast in Schlick 29

Theater-Tipp "Der Großinquisitor" - Ein Abend nach der Erzählung von Fjodor Dostojewski; Inszenierung: Valentin Kleinschmidt; Bühne und Kostüme Ines Bartl; mit Thomas Kaschel

Valentin Kleinschmidt wurde 1992 in Dresden geboren. Nach dem Abitur realisierte er diverse freie Theater- und Filmprojekte und begann ein Studium der "Szenischen Künste" an der Universität Hildesheim. Nach einem Jahr wechselte er an die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" in Leipzig. Seit 2017/2018 ist Valentin Kleinschmidt festes Ensemblemitglied in Coburg und war beispielsweise in "A Spider Murphy Story", "Eine Weihnachtsgeschichte" und "Die Geschichte vom Soldaten" zu sehen. Thomas Kaschel wurde 1990 in Recklinghausen, NRW, geboren. Nach dem Abitur ging er nach Bochum. Dort assistierte, beleuchtete, baute, las und spielte er in zahlreichen Produktionen des preisgekrönten Off-Theaters "Rottstraße 5 Theater" und kellnerte nebenher. Neben dem Studium an der Folkwang Universität der Künste spielte er verschiedene Produktionen im Off-Theater "Rottstraße 5 Theater" in Bochum sowie Produktionen am Schauspielhaus Bochum und dem Schauspielhaus Dortmund. Das von Kay Voges (Schauspielhaus Dortmund) inszenierte Stück "Die Borderline Prozession" wurde zum Berliner Theatertreffen 2017 eingeladen.

Von 2015 bis 2017 war Thomas Kaschel Stipendiat der "Studienstiftung des deutschen Volkes". Seit 2017/2018 ist Kaschel festes Ensemblemitglied in Coburg und beispielsweise in "A Spider Murphy Story" und "Rico, Oskar und die Tieferschatten" zu sehen. Spielstätte Das Gebäude im Steinweg 29 in Coburg, in dem der ehemalige Hofschlachter Emil Schlick 1880 sein geschäftliches Domizil fand, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Nach der Insolvenz der Großmetzgerei Schlick stand das Gebäude mehr als zwei Jahrzehnte leer. Die Wohnbau Stadt Coburg (WSCO) eröffnete im "Schlick 29" 2016 eine Sanierungswerkstatt. Sie soll als Ort der Kommunikation und Kultur dienen und wird für Ausstellungen, Vorträge und Informations-Veranstaltungen genutzt.

Termine 12. April, 3. Mai, 20 Uhr, Schlick 29 (Steinweg 29, Coburg). - Tickets im Vorverkauf in der Tageblatt-Geschäftsstelle und an der Theaterkasse.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren