Coburg
Kunstprojekt

Den Coburgern wachsen Flügel

Eine riesige digitale Installation am Schlachthofgelände zieht die Besucher mittels künstlicher Intelligenz in eine lebendige Engelsprojektion.
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Das Publikum  tritt in die digitale Installation am ehemaligen Coburger Schlachthof ein und verwandelt sich virtuell in Engel. Carolin Herrmann
Das Publikum tritt in die digitale Installation am ehemaligen Coburger Schlachthof ein und verwandelt sich virtuell in Engel. Carolin Herrmann
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Für einen Moment zum Engel werden - und damit womöglich gar ein großes Projekt der Stadt Coburg beflügeln helfen? Am ehemaligen Schlachthofgelände wurde am Wochenende mit künstlerischen Mitteln ein ganz spezieller Impuls gegeben. Bis in den Sommer hinein dürfen, sollen die Menschen der Stadt täglich ab Sonnenuntergang in ein aufwendiges digitales Kunstwerk eintreten - und sich freuen, staunen über die eigene Gestalt, die eine künstliche Intelligenz in fliegende, tanzende Engel verwandelt. Zumindest auf einer gigantischen Projektionsfläche neben der alten Schlachthof-Villa.

Sie hätten Oberbürgermeister Norbert Tessmer, den Leiter der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Stephan Horn, einige Stadträtinnen und Stadträte und sonstige Teilnehmer der Vernissage am Freitag sehen sollen, als sie zur Eröffnung der neuen "Coburg Interface Gallery" vor die Kamera traten und zu "Ephemeral Angels", zu flüchtigen, vorübergehenden Engeln wurden.

Die Kamera vermittelt die Bilder der vor ihr Agierenden an ein Computerprogramm, das wiederum den gefilmten Gestalten auf der zehn mal sechs Meter großen Leinwand riesige Engelsflügel verleiht. Kunst kann in andere Welten versetzten, und selbst aktiv dabei zu sein - vor allem, wenn es so einfach machbar ist - wirkt inspirierend, macht leicht. Interface bedeutet Schnittstelle. Das hier soll eine zwischen den Menschen der Gegenwart und den Möglichkeiten der Zukunft werden, die dieses Gelände birgt.

Neuen Raum gewinnen

Das ist der Zweck von Mariana Carranzas interaktivem digitalen Kunstwerk. Die WiFöG und das für das Areal im Süden vor der Coburger Altstadt zuständige Stadtumbaumanagement wollen die Coburger an einen Ort führen, von dem noch nicht gänzlich klar ist, was genau er werden soll, der als sehr großes städtebauliches Entwicklungsareal aber von größter Bedeutung für die Zukunft der Stadt ist.

Mariana Carranza ist Mitglied im Kuratorium zur Umgestaltung des Schlachthofgeländes. Sie und ihr Mann Stephan Wolf sind mit ihrer speziellen Konzeption bemüht, Aufmerksamkeit und neues Bewusstsein an Orte zu lenken, die neues Leben brauchen, Industriebrachen, in ihrer Lebenskraft versackte Stadtviertel. "Es geht nicht nur darum, welche Gebäude oder baulichen Elemente an einen Ort stehen oder gestellt werden", erklärt Stephan Wolf. "Es geht um Beziehungen."

Beziehungen herstellen

Und die eben regen Mariana Carranza und ihr (Computer-) Team an. Sie kreieren virtuelle Welten, in die der Betrachter selbst einsteigen kann. Ein intelligentes Computerprogramm erkennt Körper, Gesichter, Bewegungen und kombiniert sie im Coburger Fall mit Engelsflügeln. Die aus Uruquay stammende, in München lebende Künstlerin hat auch schon Hochhausfassaden in Hongkong auf diese Weise zum Leben erweckt.

Stephan Horn unterstrich die Bedeutung des gesamten, so nahe an der Innenstadt liegenden Areals. Dass die Hochschule mit ihrer "Creapolis" in der Schlachthofvilla eingezogen ist, sei bereits ein viele Möglichkeiten bietender Glücksfall. Creapolis ist ein "Maker Space", wie sie das heute nennen, eine für alle, nicht nur Studenten, offene Werkstatt, die vom 3D-Drucker und moderner Computerausstattung bis zur Säge, zur Schleif- oder auch der Nähmaschine alles bietet, was das Bastler- und Forscherherz begehrt, so der Leiter Markus Neufeld. Man muss sich dort nur registrieren lassen und kann loslegen. Mariana Carranca wiederum wird im nächsten halben Jahr Workshops anbieten, bei denen man lernen kann, mit der von ihr verwendeten künstlichen Intelligenz umzugehen. "Wir sind dem allen nicht ausgeliefert", sagt sie, "wir können lernen, KI selbst einzusetzen."

Oberbürgermeister Norbert Tessmer freute sich, dass gerade über die tristen Wintermonate hinweg an diesem Ort Leben einkehrt. "Hier soll sich ja Altes mit Neuem kreuzen. Auch wenn von außen bisher noch nicht viel zu sehen ist, im Hintergrund tut sich vieles."

Übrigens: Die Aufnahmen und Projektionen werden nicht gespeichert.

Coburg Interface Gallery "Ephemeral Angels" heißt eine interaktive Installation von Mariana Carranza, bei der das Publikum in Interaktion mit einem intelligenten Computerprogramm das Kunstwerk selbst mitgestaltet und immer neue audiovisuelle Bilder erzeugt.

 Das Projekt der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Coburg bildet den Auftakt zu einer Folge digitaler Kunstwerke, die den Prozess von Revitalisierung und Imagewandel des Areals alter Güterbahnhof | ehemaliger Schlachthof begleiten werden. Täglich von Sonnenuntergang bis 23 Uhr aktiv, Eintritt frei.

Mariana Carranza Die aus Uruquay stammende, in München lebende Künstlerin mit multidisziplinärem Hintergrund arbeitet seit 1988 mit neuen Technologien, wobei sie vor allem interaktive digitale Schnittstellen gestaltet, die menschliche Biosignale mit Raum, Bild und Ton verbinden. Ihre Projekte setzt sie mit dem Informatiker und Entwickler Patrick Raithofer und dem Architekten Stephan Wolf um. Zahlreiche internationale Auszeichnungen.



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