Scherneck
Landwirtschaft

Dem Itzgrund droht die große Mäuseschwemme

Die Bauern zwischen Bamberg und Coburg machen sich Sorgen: Weil sie kein Gift mehr einsetzen dürfen, fressen ihnen Mäuse das Grünfutter weg.
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So könnte es gehen:  Frank Weber (Vierter von rechts) zeigt, wie mit einer Legeflinte Mäusegift gefahrlos für den Rest der Tierwelt im Itzgrund in  Löcher und Gänge gelegt werden kann. Aber selbst diese punktuelle Bekämpfung ist laut  Gesetzeslage nicht mehr erlaubt.Foto.Berthold Köhler
So könnte es gehen: Frank Weber (Vierter von rechts) zeigt, wie mit einer Legeflinte Mäusegift gefahrlos für den Rest der Tierwelt im Itzgrund in Löcher und Gänge gelegt werden kann. Aber selbst diese punktuelle Bekämpfung ist laut Gesetzeslage nicht mehr erlaubt.Foto.Berthold Köhler
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Hermann Greif, oberfränkischer Bezirkspräsident beim Bayerischen Bauernverband (BBV), wählt drastische Worte zur Situation im Itzgrund: "Das Gleichgewicht der Kräfte ist nicht mehr gewährleistet." Auf den Itzwiesen zwischen Coburg und Bamberg haben die Mäuse das Kommando übernommen. Die Bauern stehen da und können nur zuschauen, wie Hektar um Hektar braun wird. Dabei sollte dort wertvolles Grünfutter wachsen.

Eines wird beim Ortstermin neben der Kreisstraße Richtung Scherneck schnell deutlich: Die Landwirte stehen der diesjährigen Mäuseplage hilflos gegenüber. Sie dürfen nicht eingreifen. Weil der Itzgrund Natur- und Vogelschutzgebiet ist, darf dort nach einer Vorgabe des Berliner Verbraucherschutzministeriums kein Mäusegift ausgebracht werden. Nicht einmal Zinkphosphid, das mit einer Legeflinte direkt in die Mäuselöcher gelegt wird und damit keine Gefahr für andere Tiere darstellt.

Das weiß selbst der Fachmann keinen Rat

Und nun? Selbst ein Fachmann wie Reinhard Ostermeier (Pflanzenschutzberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Bayreuth) kann nur mit den Schultern zucken. Klar, ein bisschen was ginge schon. Sitzstangen für Greifvögel aufstellen, zum Beispiel. Zwei Stück pro Hektar können viel helfen, weiß Ostermeier. Aber das Problem nicht lösen, relativiert Wolfgang Schultheiß, der mehrere Itzwiesen bewirtschaftet. Da erhält der stellvertretende BBV-Kreisobmann Zustimmung von Präsident Greif: "Vögel funktionieren nicht, wenn das Problem zu groß ist." Und das es zu groß ist, zeigt die Maus, die just in dieser Sekunde vor Wolfgang Schultheiß in eines der abertausend Löcher huscht. Ein kräftiges Itz-Hochwasser könnte ihr und vielen anderen Mäusen den Garaus machen - aber das ist ja nicht in Sicht.

Für die Bauern - die den Itzgrund bewirtschaften und damit zu dem machen, was er ist - entwickelt sich die Mäuseplage zum wirtschaftlichen Problem. Sebastian Schultheiß (Gossenberg) geht schon jetzt davon aus, dass heuer der dritte Schnitt ausfallen wird. Schlimmer noch: "Auch der erste Schnitt im kommenden Jahr wird deutlich weniger ertrag bringen." Und jener erster Schnitt ist bekanntlich der wichtigste, weil nährstoffreichste, für die Bauern.

Als vor vier Jahren das Mäuseproblem im Itzgrund das letzte Mal eskalierte, bekamen die Landwirte eine Ausnahmegenehmigung zum Einsatz von Legeflinte und Giftködern. Heute geht das nicht mehr. Martin Flohrschütz, der Coburger BBV-Kreisobmann, kann das nicht verstehen. Denn hier gehe es nicht darum, großflächig die chemische Keule rauszuholen, sondern um punktuell in einer Notlage einzugreifen. 50 bis 60 Hektar Wiesen im Itzgrund seien jetzt schon von Mäusen fast kahl gefressen, Tendenz steigend. Und das bisschen Grün, was noch übrig geblieben ist (jede Menge Ampfer), taugt nach dem Mähen nur noch für den Kompost. Warum, erklärt Hermann Greif: "Das, was den Mäusen nicht schmeckt, schmeckt auch den Kühen nicht."

Sie kommen zu Tausenden

Der oberfränkische Bauernpräsident fordert deshalb, dass die Politik in Berlin einen Schwellenwert festlegen muss, bei dem der Einsatz von Mäusegift erlaubt wird. Dieser könnte über die von Reinhard Ostermeier beschriebene Lochtretmethode bestimmt werden. Die funktioniert einfach, aber zeitaufwändig: Auf einer Fläche von 16 auf 16 Metern müssen sämtliche Löcher zugetreten werden. Sind 24 Stunden später fünf bis acht Löcher wieder offen, müsste man eigentlich eingreifen. Da muss Sebastian Schultheiß lachen, weil er weiß: Dieser Wert wird im Itzgrund derzeit auf jeden Fall geknackt.

Sebastians Vater Wolfgang wird des derweil Angst und Bange, wenn er auf den Herbst schaut. Ein Mäusepaar kann schließlich rechnerisch in einer Saison mehrere Tausend Nachfolger bringen - da helfen selbst die vielen Greifvögel, Störche und Krähen nicht, bei denen (Jung-)Mäuse auf der Speisekarte stehen. Der stellvertretende BBV-Kreisobmann fühlt sich mit seinem Problem von der Politik im Stich gelassen: "Die in Berlin leben in der Welt ihrer Papiere und haben keine Ahnung, was hier los ist." Ob der gestrige Ortstermin helfen wird, noch eine irgendwie geartete Ausnahmegenehmigung zu bekommen, bezweifelt am Ende sogar Hermann Greif. Aber einfach nur stumm zuschauen kann und will der BBV-Bezirkspräsident auch nicht: "Wir müssen wenigstens öffentlich den Finger in die Wunde legen."

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