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Coburg
Chronolgie

Das Urteil, die Tränen und immer wieder Linda

Mehr als 50 Zeugen wurden vernommen, um etwas Licht in diese verdammten elf Minuten des 8. April 2011 zu bringen. Am Donnerstag endete der "Linda-Prozess" mit einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und sechs Monaten für den 21-jährigen Jerry J.
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Unter anderem seine Mutter begleitete Jerry auf dem Weg in den Gerichtssaal. Fotos: Michael Gründel
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Die Übertragungswagen von ZDF, BR und Sat1 sind vor dem Justizgebäude in Position gebracht. Drinnen im Saal gibt es bereits um 15.15 Uhr kaum einen Platz mehr. Noch unterhalten sich die vielen Zuschauer. Mit gedämpften Stimmen und ernsten Mienen.

15.54 Uhr: Die Gespräche verstummen. Lindas Eltern und Lindas Schwester betreten durch einen Seiteneingang den Saal und werden von der Presseschar gefilmt und fotografiert. Die Mutter hat ein gerahmtes Foto von Linda dabei, das sie vor sich aufstellt; die Schwester trägt ein Sweatshirt mit dem Aufdruck "I love Linda".

15.55 Uhr: Die Presseleute wenden sich erstaunt von der Opferfamilie ab: So früh wie an keinem anderen Verhandlungstag erscheint der angeklagte Jerry J. im Saal. Er nimmt Platz und lässt fünf Minuten lang ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen.

16 Uhr: Das Gericht zieht ein, alle Menschen im Saal erheben sich. Vorsitzender Richter Gerhard Amend bittet die Kameraleute und Fotografen nach draußen und eröffnet die Sitzung.

16.02 Uhr: Zum Verkünden des Urteils stehen erneut alle auf. Amend sagt, dass Jerry J. wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und sechs Monaten verurteilt wird. Ein leises Raunen geht durch den Saal. Alle setzen sich wieder.
16.03 Uhr: Gerhard Amend erklärt, warum das Gericht so viel Wert auf Details gelegt und nicht weniger als acht Verhandlungstage benötigt hat. "Wir haben uns bemüht, die Wahrheit herauszufinden - obwohl der Angeklagte von Anfang an geständig war. Aber wir wollten auch klären, warum er sich am 8. April 2011 so verhalten hat und wieso es zu dieser Tat gekommen ist." Die Wahrheit, so der Vorsitzende Richter, sei "die Grundlage für ein gerechtes Urteil" Der Vater von Linda wird später sagen: "Es gibt keine gerechte Strafe für so etwas."

16.08 Uhr: Mit ruhiger Stimme beschreibt Gerhard Amend, wie sehr der Angeklagte mit den Worten gekämpft hat, als er sich zum genauen Tathergang äußern sollte: "Es ist ihm schwer gefallen, das Unaussprechliche zu verbalisieren." Der Vorsitzende Richter hat aber auch gespürt, wie enttäuschend manche Aussage für die Angehörigen von Linda war - "sie hätten sich vielleicht manchmal mehr erwartet". Denn, und das spricht Gerhard Amend deutlich an: Es gibt noch immer ein paar ungeklärte Fragen. So konnten am Tatort kaum Blutspuren gefunden werden, obwohl doch Linda nach der Hammer- und Messerattacke in Jerrys Wohnung fast vier Liter Blut verloren hatte.

16.12 Uhr: Als Amend die Tat schildert, bricht Lindas Mutter in Tränen aus. Die Schwester greift nach ihrer Hand.

16.15 Uhr: Um 21.28 Uhr gab es an jenem 8. April 2011 das letzte Lebenszeichen von Linda - eine SMS an eine Freundin. Um 21.39 Uhr rief Jerry J. seine Freundin an und sagte, dass es etwas später werde - dazwischen lagen elf Minuten. "Elf Minuten hat es gedauert, um eine Katastrophe sich zuspitzen zu lassen", bringt es Gerhard Amend auf den Punkt. "Elf Minuten, die das Leben von Linda und ihrer Familie zerstört haben - aber auch das Leben von Jerry."

16.18 Uhr: Bevor sich Gerhard Amend dem Täter widmet, stellt er fest, wie allgegenwärtig Linda während des gesamten Prozesses gewesen sei. "Linda war immer da im Gerichtssaal - durch ihre Eltern und ihre Schwester."

16.22 Uhr: Gerhard Amend erklärt, warum das Gericht die Auffassung vertrete, dass Jerry J. nach dem Erwachsenenstrafrecht zu verurteilen ist - obwohl er bei der Tat erst 20 Jahre und sieben Monate alt war. Zwar habe er eine schwierige Kindheit und auch Jugend gehabt - andererseits habe er bereits sehr eigenständig gelebt. Der Antrag der Verteidigung, einen weiteren Gutachter einzuschalten, wird abgelehnt.

16.25 Uhr: Jetzt geht es um das Strafmaß. Zugunsten des Angeklagten wertet das Gericht unter anderem, dass Jerry von Anfang an geständig war und auch vor Gericht Reue gezeigt hat. "Er will diese Straftat sühnen", so Amend. Doch negativ wirkt sich vor allem die Brutalität aus: Der Vorsitzende Richter erinnert daran, dass Jerry J. mindestens 13 Hammerschläge und neun Messerstiche ausgeübt hat - und das auf den Kopf einer "kleinen, jungen, schmalen Frau".

16.30 Uhr: Gerhard Amend richtet persönliche Worte an Lindas Familie und an Jerry. Dann weist er darauf hin, dass eine mögliche Revision gegen das Urteil binnen einer Woche einzureichen ist und schließt die Sitzung.

16.31 Uhr: Freunde und Angehörige,eine Pfarrerin sowie eine Mitarbeiterin des Weißen Rings laufen zu Lindas Familie. Man liegt sich in den Armen, es fließen Tränen. Jerry hat den Saal bereits verlassen.

16.35 Uhr: Obwohl das Urteil deutlich unter den von ihr geforderten 14 Jahren liegt, wird Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein wohl nicht in Revision gehen. "Es ist schwierig, eine Revision nur wegen der Höhe der Strafe zu führen", sagt sie in einer ersten Stellungnahme. In zwei zentralen Punkten - dass es Totschlag war und dass das Erwachsenenstrafrecht anzuwenden ist - sei das Gericht ja der Staatsanwaltschaft gefolgt.

16.40 Uhr: Karsten Schieseck, der Verteidiger von Jerry, will noch die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, ehe er und sein Mandant über eine Revision entscheiden. "Das Urteil war sehr einfühlsam begründet", sagt er. Dennoch sei er nach wie vor der Meinung, dass noch Jugendstrafrecht hätte angewendet werden müssen. Aber, immerhin: Das Gericht sei beim Strafmaß weit unter der im Erwachsenenstrafrecht möglichen Höchststrafe von 15 Jahren geblieben. Auf die Frage, wie Jerry das Urteil aufgenommen hat, teilt Schieseck mit: "Er war darauf vorbereitet."

16.45 Uhr: "Ich muss das erstmal setzen lassen", sagt der Vater von Linda, der sich in dieser weiteren schweren Stunde für ihn nicht nur sehr tapfer zeigt, sondern auch noch Worte des Respekts für Gerhard Amend und dessen Kollegen der großen Jugendkammer des Landgerichts übrig hat: "Das Gericht hat einen guten Job gemacht - da ziehe ich meinen Hut." Und auf eine weitere Nachfrage zu seiner Gefühlslage sagt er: "Linda wird immer da sein."
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