Coburg
Ausstellung

Das Ende kam für die jüdischen Anwälte schnell

"Anwalt ohne Recht" zeigt im Landgericht Coburg das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte nach 1933 in Deutschland auf.
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Landgerichtspräsident Anton Lohneis   und Stadtheimatpfleger Hubertus Habel  mahnen. Das Recht am Galgen. Da amüsierte sich der preußische Justizminister Hans Kerrl in einem Referendar-Ausbildungslager sehr.  Carolin Herrmann
Landgerichtspräsident Anton Lohneis und Stadtheimatpfleger Hubertus Habel mahnen. Das Recht am Galgen. Da amüsierte sich der preußische Justizminister Hans Kerrl in einem Referendar-Ausbildungslager sehr. Carolin Herrmann
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Dass ich mir einen Rechtsanwalt meiner Wahl nehmen kann, der mich verteidigt, schützt, der verhindert, dass ich einfach irgendwo beiseite geschafft werde - das ist doch mein gutes Recht! Das ist doch selbstverständlich. - Tatsächlich?

Es ist nicht allzu lange her, dass in Deutschland das Recht so gedreht wurde, dass keiner mehr Rechtssicherheit hatte, der den Nationalsozialisten unliebsam war. Einer der komplett ausgeschalteten Gruppen waren die jüdischen Rechtsanwälte, auf deren Schicksal eine Wanderausstellung der Bundesrechtsanwaltskammer Berlin aufmerksam macht, nicht nur, weil das Werk der Nazis durch Vergessen nicht vollendet werden darf. "Gegenwärtig spitzt sich die Lage in vielen Ländern der Erde zu", ruft Anton Lohneis, Präsident des Landgerichtes Coburg, ins Bewusstsein. In China, im Iran und gar nicht so weit entfernt in unseren osteuropäischen Nachbarländern sind politisch unliebsame Rechtsanwälte zunehmend Repressalien ausgesetzt.

Seit Verhängung des Ausnahmezustandes in der Türkei wurden 1500 Anwälte strafrechtlich verfolgt, Hunderte sitzen in Arrest, zum Teil im Geheimen, ergänzt Frank Zeitner, Vorstandsmitglied der Rechtsanwaltskammer Bamberg. Zusammen mit seinem Coburger Kollegen Wolfgang Hörnlein, dem örtlichen Vorsitzenden des Anwaltsvereines, präsentierten die Justizvertreter die Ausstellung im Landgericht Coburg.

Wir brauchen frei Anwälte

Eine freie, unabhängige Anwaltschaft ist ein wesentlicher Pfeiler von Rechtsstaatlichkeit. Insofern ist es keine Höflichkeitsfloskel, wenn sich die örtlichen Justizvertreter gegenseitig vertrauensvolle, gute Zusammenarbeit bestätigen.

Die eindrückliche Ausstellung im allgemein zugänglichen Sitzungssaal-Trakt des Landgerichtes in der Ketschendorfer Straße ruft in knapper Schilderung, Porträts und schrecklichen Bildern der Erniedrigung eine Reihe namhafter, ermordeter jüdischer Rechtsanwälte in Erinnerung. "Das war auch ein massiver Verlust an guten Leuten für die deutsche Justiz insgesamt", sagt Lohneis. Der Heimatpfleger der Stadt Coburg, Hubertus Habel, hat ergänzend dazu einen Blick auf die Situation der Coburger Rechtsanwälte nach 1933 geworfen, auch wenn das die Ausstellung selbst nicht abbildet. Die in Hubert Fromms Buch "Die Coburger Juden" dokumentierten Biografien seien Lehrstücke für die Gegenwart, wie schnell Hass und Neid ein funktionierendes, respektvolles Miteinander zerstören können.

Moriz und Martin Baer gelang die Flucht aus Deutschland. Ihr Kollege Kuno Hirsch und seine Frau wurden im KZ Theresienstadt ermordet. Vor der physischen Vernichtung kam die systematische wirtschaftliche. Die Kanzleien der drei jüdischen Anwälte mussten schließen. "Besonders widerlich finde ich", sagt Wolfgang Hörnlein betroffen, "dass es keinerlei Solidarität aus der eigenen Kollegenschaft gab. Im Gegenteil."

Patenschaften übernehmen

Gerade weil das schreckliche Geschehen keineswegs weit entfernt ist, hat Hörnlein eine Initiative gestartet. Die örtlichen Anwaltsvereine in Deutschland sollen Patenschaften übernehmen für bedrohte Kollegen, denen durch Publizität oder finanzielle Unterstützung geholfen werden könnte.

Sie müssen womöglich gar nicht so weit blicken. Auch hier bei uns war - und ist es womöglich immer noch - eine türkisch-stämmige Rechtsanwaltin im Zuge der NSU-Prozesse massiver Bedrohung ausgesetzt. Gerade weil unsere (relative) Sicherheit ein schnelles Ende haben kann, wünscht sich der Präsident des Coburger Landgerichts, dass sich vor allem auch jüngere Menschen und Schulklassen mit der Problematik auseinander setzen.

Die Ausstellung Anwalt ohne Recht - Schicksale jüdischer Rechtsanwälte in Deutschland nach 1933. Im Landgericht Coburg, Ketschendorfer Straße, bis 24. Juli, Montag bis Donnerstag, 8 bis 16 Uhr, Freitag 8 bis 12 Uhr

Die Coburger Situation Drei der 17 Rechtsanwälte im Jahr 1933 waren Juden, die Brüder Dr. Moritz und Dr. Martin Baer sowie Kuno Hirsch. Sie waren zugleich Notare. Die Baers hatten Sozialdemokraten gegen die Nazis verteidigt. Ihnen gelang 1938 die Emigration nach Argentinien und in die USA. Kuno Hirsch war Stadtverordneter der Deutschen Demokratischen Partei. Er wurde 1943 in Theresienstadt ermordet. "Stolpersteine" vor ihren Coburger Wohnhäusern erinnern an sie, ihre Biografien sind in Hubert Fromms Buch "Die Coburger Juden" nachzulesen.

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