Coburg
Premiere

Da bleibt der Gänsknochn im Hals stecken

Fitzgerald Kusz' Kultstück "Schweig, Bub!" wurde am Landestheater erstmals inszeniert. Vieles ist satirisch komisch, das Thema geht aber unter die Haut.
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Durchaus bedrohlich: "Schweig, Bub!" am Landestheater Coburg. Henning Rosenbusch
Durchaus bedrohlich: "Schweig, Bub!" am Landestheater Coburg. Henning Rosenbusch
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Großgrüngeblümelt bis unter die Decke, Schrankwand wie ein riesiges Brett vorm Kopf, und statt Perspektive gibt es nur noch rituell sich drehende Innenschau. Fränkische Schau aufs Kleinbürgerliche der 70er Jahre. Die 80er waren auch nicht anders. Und ob es heute anders ist, von der Dekoration des Lebens abgesehen, darf bezweifelt werden. Familie im engeren und im weiteren Sinne, fest verstrickt und verknotet in sich selbst. An großen Festen muss es sich erweisen, ob das Netz noch hält oder alles auseinanderfliegt.

Das kann, wie bei Fitzgerald Kusz' Kultstück "Schweig, Bub!", in Nürnberg von 1976 bis 2009 über 700 Mal gespielt, lustig aussehen. Ist es aber nicht.

Oh, geschmunzelt werden darf viel in der ersten Coburger Inszenierung der Kleinbürger-Satire durch Schauspielchef Matthias Straub, die im Prinzip aber durchaus übertragbar ist auf die anderen gesellschaftlichen Schichten. Straub und sein Bühnenbildner Till Kuhnert belassen die Szenerie im Ursprünglichen, verschonen uns mit die Vorstellung nur einschränkenden "Aktualisierungen". Die Premiere im vollen Haus, in Anwesenheit des Autors, wurde mit anhaltendem Applaus bedacht.

Carola Volles aber hat den Figuren Muppet-Show-mäßig treffend ausladendes Format verpasst, dem unablässigen fränkischen Schmausen entsprechend. - Wir nehmen geruchstechnisch teil von der Leberknödelsuppe über den Braten bis zu den Brodwörschden beim endlich die Leiber sprengenden Abendessen. Aber so ist das bei Konfirmation oder Kommunion im Fränkischen.

Kerstin Hänels hüftwallende Tante Anna unter mächtig trockenhaubengeblasener Dauerwelle auch familienpsychologisch entsprechenden Raum einnehmend - och Goddla, Herr Pfarrer, der übrigens erst kommt, wenn alles zu spät ist. Und dieses Luder von barbie-gelockter Hannelore, bombig. Das Sicherheit gebende Standardgerede, die Sprüch', die Witze - mit zunehmendem Alkoholkonsum können sie nicht verhindern, dass sich die Ehe-Höllen auftuen.

Die Sache mit dem Dialekt

Matthias Straub verhindert, dass die Abgründe gar zu lässig durch Gelächter übersprungen werden, etwa wenn Vater Hans (Nils Liebscher), eines Irrtums überführt, seinen Frust prompt schlagkräftig am Bubn auslassen will. Wenn die gegenseitigen Beschimpfungen zwar witzig sind, das Verletzende dabei aber bitter spürbar wird.

Der Bub selbst, Lean Fargel, ist und bleibt rundum hilflos und spielt, dem Titel des Stückes entsprechend, seine an den Rand gedrängte Rolle. (Derart ausführlich eklig unterm Tisch popeln müsste er aber nicht.)

Womit wir beim Dialekt wären. Nein, der funktioniert trotz beachtlicher Anstrengung des Ensembles nicht wirklich. Das fränkisch Sprechen wirkt so manches Mal recht bemüht, bei Solvejg Schomers sonst witzig aufmüpfender Hannelore sogar arg gestelzt. - Aber darum geht es gar nicht bei diesem Blick in die Seelen der sogenannten einfachen, deswegen nicht minder eingebildeten Leut'.

Thomas Straus, ja tatsächlich Franke, tut sich als Onkel Willi natürlich leicht. Außerdem wird der in seiner Fratzenkunst ohnehin immer schneidender und entlarvender. Friederike Pasch geht auf in ihrer Rolle als die Klöß' ranschaffende Mutter Gretl, deren angstmachende eigentliche Aufgabe es ist, den eskalierenden Vater in Schach zu halten. Der reagiert larmoyant. Eva Marianne Berger als aus Frankreich reigeschlafte Gerda spaziert gekonnt ständig auf Messers Schneide zwischen den eigenen Ansichten und ihrem Bemühen, sich dem Geltenden anzupassen. Niklaus Scheibli als ihr Mann Manfred, der Duckmäuser, ist ihr keine Hilfe.

So erliegen wir allmählich der gekonnt inszenierten Bühnensauferei und der hämisch lachenden Beklemmung.

Landestheater Coburg Schweig, Bub! Volksstück von Fitzgerald Kusz. Inszenierung Matthias Straub, Bühne Till Kuhnert, Kostüme Carola Volles

Dramaturgie, Carola von Gradulewski. Darsteller: Lean Fargel, Nils Liebscher, Friederike Pasch, Thomas Straus, Kerstin Hänel, Eva Marianne Berger, Niklaus Scheibli, Solvejg Schomers

Weitere Vorstellungen, 16., 19., 24., 31. Oktober, 6., 8. November, 19.30 Uhr, 10. November, 15 Uhr

Fitzgerald Kusz wurde 1944 in Nürnberg geboren. Sein erfolgreichstes Stück "Schweig, Bub!" wurde 1976 am Schauspiel Nürnberg uraufgeführt und bis 2009 über 700 Mal gespielt. Es wurde in 13 Dialektversionen übersetzt und liegt in acht Fernsehaufzeichnungen vor. Für die Coburger Inszenierung hat der Autor sein Stück nochmals komplett überarbeitet.

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