Coburg
Dachbodenfund

Coburgs königliches Privileg

Eine zufällig wieder aufgefundene Urkunde belegt, wie eng das Verhältnis des Coburger Herzogshauses zur Stadt war.
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Fünf Unterschriften waren nötig, damit die Stadt Coburg Trauerfeiern im herzoglichen Mausoleum abhalten konnte. Dafür reiste das Dokument 1860 quer durch Europa. Foto: Simone Bastian
Fünf Unterschriften waren nötig, damit die Stadt Coburg Trauerfeiern im herzoglichen Mausoleum abhalten konnte. Dafür reiste das Dokument 1860 quer durch Europa. Foto: Simone Bastian
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Die Sache, um die es geht, klingt simpel: Die Stadt Coburg darf für Trauerfeiern auf dem Glockenbergfriedhof das Vestibül des herzoglichen Mausoleums nutzen. Das wurde 1860 in einer Urkunde so festgehalten. Im Deutsch der damaligen Zeit klingt das etwas gestelzter: "Demnach ist es Unser Wille, dass das vor der eigentlichen Begräbniskapelle befindliche Vestibül insofern dem allgemeinen Nutzen der Stadt Coburg diene, als bei allen in dem Friedhof stattfindenden Beerdigungen, Leichenbegleitungen der Eintritt in dieses Vestibül - sofern dasselbe nicht gerade für ein fürstliches Leichenbegräbnis in Anspruch genommen ist - zum Zweck der Abhaltung und Anhörung von Begräbnisreden gestattet sein soll."

Das Besondere an dieser Urkunde: Sie ist von fünf Mitgliedern des Herzogshauses unterzeichnet, vier davon stehen für die damaligen Linien des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha: Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha als Chef des Stammhauses, Prinzgemahl Albert als Oberhaupt von Saxe-Coburg in England (heute Haus Windsor), König Leopold I. für die belgische Linie und August von Sachsen-Coburg und Gotha für die Kohary-Linie. Die fünfte Unterzeichnerin ist Victoire Herzogin von Kent, die Mutter von Queen Victoria, Alberts Gemahlin.

Damit diese fünf Persönlichkeiten alle unterzeichnen konnten, reiste das Schriftstück quer durch Europa: Von Gotha , wo Herzog Ernst II. am 5. März 1860 unterschrieben hatte, nach Laeken (Belgien, 15. März) zu Leopold I, König der Belgier. Dann über den Ärmelkanal nach Osborne, zu Albert (20. März), von da zu Victoire nach Frogmore (21. März) und schließlich einmal quer durch Europa nach Wien zu August (4. April).

Wie das Schriftstück transportiert wurde, ist nicht überliefert. Überraschend dürfte es für die Stadt damals nicht gewesen sein. Das Mausoleum war bewusst so errichtet worden, dass die Vorhalle (das Vestibül) für solche Feiern genutzt werden konnte. Denn auf dem damals "neuen" Friedhof gab es noch keine geeigneten Gebäude. Das erste, was die Stadt errichtete, war das Wohnhaus der Friedhofsgärtner, die Aussegnungshalle von Louis Martinet folgte erst 1865.

Von da an wurde das Mausoleum vermutlich nicht mehr genutzt. Aber man erinnerte sich an die Urkunde: 1953 und 1968 wurden an der Aussegnungshalle Renovierungen vorgenommen. Unter Berufung auf die Urkunde von 1860 teilte die Stadt damals jeweils der Herzoglichen Hauptverwaltung mit, dass das Mausoleum für Trauerfeiern in Anspruch genommen werde. Es steht ohnehin auf städtischem Grund: 1925 stellte der Stadtrat zu Coburg fest, dass hier ein Erbbaurecht bestehe.

Auch in den zurückliegenden drei Jahren fanden Trauerfeiern im Mausoleum statt, weil die Aussegnungshalle umgebaut und saniert wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde auch der Dachboden ausgemistet, und dabei fand sich in einem Ordner übers Mausoleum die bedeutsame Urkunde

Sie wurde nun dem Stadtarchiv übergeben, wo sie konservatorisch behandelt werden soll, wie Kulturamtsleiter Klaus Anderlik sagte. Der Ordner mit dem Schriftverkehr in Sachen Mausoleum birgt aber noch andere interessante Geschichten: 1950 bot die Herzogliche Hauptverwaltung das Mausoleum der Stadt an. Die hätte es auch übernommen, wollte es aber vorher instandgesetzt haben, da die Stadt dann künftig für den Unterhalt zuständig gewesen. Die Kosten für die Sanierung wurden auf rund 24000 DM geschätzt. Davon hätte die Herzogliche Hauptverwaltung 11200 DM übernehmen sollen. Dieser Betrag war aber offenbar zu hoch: Mit Schreiben vom 8. Dezember 1950 teilte der Generaldirektor der Herzoglichen Hauptverwaltung mit, dass diese nicht in der Lage sei, "die angegebenen Aufwendungen zur Beseitigung der Schäden am Mausoleum zu bewirken". Die notwendigsten Reparaturarbeiten werde die Herzogliche Hauptverwaltung im darauffolgenden Frühjahr vornehmen lassen.

Das Mausoleum - ein europäisches Familienprojekt

Im Inneren des Mausoleums verkündet eine steinerne Tafel, dass das Gebäude "von den Häuptern der sämmtlichen Linien" des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha erbaut worden sei. Allerdings finanzierten nicht alle zu gleichen Teilen: Als sicher gilt, dass Herzog Ernst II. und Prinz Albert je ein Drittel der Kosten übernahmen. Den Rest teilten sich vermutlich Leopold I., König der Belgier, und August von Sachsen-Coburg-Koháry.

Bestattet sind im Mausoleum Herzog Ernst I. und seine beiden Gemahlinnen, Herzogin Louise (geschieden 1826, gestorben 1831) und Herzogin Marie (gestorben 1860). Louise liegt gegen ihren Willen in Coburg: Herzog Ernst II. ließ den Sarg aus Pfeffelbach (Saarland) 1846 überführen, weil dort die Kirche einzustürzen drohte.

Ernst II. und Herzogin Alexandrine haben hier die letzte Ruhe gefunden, ebenso Herzog Alfred und Herzogin Maria von Rußland. Auch ihr Sohn Prinz Alfred ruht in der Gruft rechts vom Hauptsaal. Auch die Begründer der Koháry-Linie, Prinz Ferdinand von Sachsen-Coburg-Saalfeld und Gemahlin Maria Antonie Gabriele Koháry liegen im Mausoleum un d nicht, wie zu vermuten wäre, in der Kohary-Gruft der Kirche St. Augustin.

Der letzte Herzog Carl Eduard ließ im Zweiten Weltkrieg für seine Familie eine neue Grablege bei Schloss Callenberg anlegen. Als erster wurde dort sein Sohn Prinz Hubertus bestattet, der im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen war. Auch Carl Eduard, seine Gemahlin Victoria Adelheid, Prinz Friedrich Josias und seine Frau sind inzwischen dort bestattet. Das Mausoleum wurde letztmals 1920 für die Beisetzung von Herzogin Maria, die Witwe von Herzog Alfred, benutzt.

Weitverzweigte Familie

Durch geschickte Heiratspolitik hatte es das Haus Sachsen-Coburg-Saalfeld Anfang des 19. Jahrhunderts geschafft, familiäre Beziehungen zu führenden Adelshäusern aufzubauen: Die Schwester von Herzog Ernst I., Prinzessin Juliane, heiratete in die Zarenfamilie ein, ihr Bruder Leopold ehelichte die englische Kronprinzessin Charlotte Auguste. Die starb jedoch bei der Geburt des gemeinsamen Kindes - sonst wäre vielleicht Leopold heute der berühmte Prinzgemahl, und Königin Victoria (seine Nichte) wäre nicht geboren worden. Denn Victoire von Kent war ebenfalls eine Coburger Prinzessin. Ihr Bruder Leopold sorgte dafür, dass die junge Witwe den Herzog von Kent heiratete. Die gemeinsame Tochter Victoria sollte englische Königin werden.

Leopold war 1831 König der Belgier geworden und sorgte dafür, dass die verwandtschaftlichen Beziehungen gepflegt wurden. Er hatte sowohl zu Viktoria als auch zu seinem Coburger Neffen Prinz Albert ein enges Verhältnis. Die beiden heirateten 1840. Beide sind 1819 geboren, was nächstes Jahr mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert werden soll.

Ein weiterer Bruder von Ernst I. und Leopold I., Prinz Ferdinand, heiratete in Wien die ungarische Erbin Maria Koháry. Um die Hochzeit zu ermöglichen, wurde Prinz Ferdinand katholisch und die Familie Koháry geadelt. Der erste Sohn aus dieser Ehe, Prinz Ferdineand von Sachsen-Coburg-Koháry, wurde 1836 König von Portugal und begründete die Linie Coburg-Branganza. Sein nächstjüngerer Bruder August wurde daraufhin Oberhaupt der Linie Coburg-Koháry und Vater des späteren bulgarischen Zaren Ferdinand. Der verbrachte nach seiner Abdankung 1918 seine restlichen Jahre hauptsächlich in Coburg.



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