Coburg
Prozessauftakt

Coburger Vandalen wegen 157 Delikten vor Gericht

Sieben junge Männer stehen ab heute vor der Großen Jugendkammer vor Gericht - die Staatsanwaltschaft listet 157 Einzeldelikte auf.
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Müssen sich vor Gericht für 157 Einzeldelikte verantworten: Sieben junge Männer richteten dabei großen Schaden an.  Foto: Katja Nauer
Müssen sich vor Gericht für 157 Einzeldelikte verantworten: Sieben junge Männer richteten dabei großen Schaden an. Foto: Katja Nauer
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Sie sind verantwortlich für den Einbruch in die Rögener Hütte im Ortsteil Löbelstein: im Juli vergangenen Jahres wüteten sieben junge Männer aus Ebersdorf und Coburg in und vor den Gasträumen wie die Vandalen, warfen Blumentöpfe in Fenster, verstreuten Lebensmittel und öffneten die Zapfhähne. Im selben Monat war der Kindergarten Tausendfüßler im Hutholzweg Ziel ihrer Angriffe. Dort fluteten sie kurzerhand die Räume. Auch im Weidacher Schulhaus drehten sie den Wasserhahn auf. Gerade einmal einen Euro war der Farbstift wert, den sie dabei erbeuteten. Der Sachschaden allerdings belief sich auf über 12 000 Euro. Auch ungezählte Pkw-Aufbrüche gehen auf ihr Konto.
Nun müssen sich die jungen Männer im Alter von 15 bis 22 Jahren vor der Großen Jugendkammer als Schwurgericht verantworten. Immerhin 157 Einzeldelikte legte Oberstaatsanwältin Ursula Haderlein den Bandenmitgliedern zur Last, 61 Zeugen sollen geladen werden. Die beiden "Köpfe" der Bande sowie ein 17-jähriger Mittäter sitzen derzeit in verschiedenen Jugendvollzugsanstalten ein und wurden in Fußfesseln vorgeführt.

Lange Liste von Straftaten

Die jungen Leute ließen kaum eine Straftat aus: Fahren ohne Führerschein, Pkw-Aufbrüche, Diebstahl, Schmierereien mit Penissymbolen und Hakenkreuzen, Einbruch in Gartenhäuser, Vereinsheime, Imbissbuden, Gaststätten und öffentliche Einrichtungen, Brandstiftung und sogar gewaltsamer Raub listet die Anklageschrift auf. Die Beute stand oft in keinem Verhältnis zu dem Schaden, den die Täter dabei anrichteten.
Der Angeklagte B. wurde von seinem Anwalt, Thomas Weckbrodt, gut auf sein Auftreten vor Gericht vorbereitet. Er will auf die FOS gehen und weiterstudieren, war nicht mit auf Klassenfahrt in Berlin. "Ich schäme mich und gönne mir den Urlaub nicht." Er ergänzt: "Ich rauch' nicht, ich trink' nicht, ich bin ein Artiger." Staatsanwältin Haderlein kontert jedoch trocken: "Deswegen sitzen wir ja hier."

Angeblich Gedächtnislücken

Schnell stellt sich heraus, dass aufgrund der Vielzahl von aufgebrochenen Fahrzeugen die Angeklagten sich an einzelne Fälle schlicht nicht mehr erinnern können. Allein in der Nacht des 12. November 2011 nahm die Bande in Niederfüllbach elf Autos aufs Korn. Nicht nur der Hauptangeklagte verweist bei vielen Fällen, mit denen die Staatsanwältin ihn konfrontiert, auf Gedächtnislücken, was seine Beteiligung betrifft. Auch sein Kompagnon hat erhebliche Erinnerungsprobleme. Mit diesem Duo hat alles begonnen, das wird in der Verhandlung unter Vorsitzendem Richter am Landgericht, Gerhard Amend, schnell deutlich.
Spätestens im Herbst 2011 stießen die weiteren Angeklagten, die sich teilweise bereits seit der Kindheit kennen, dazu. Einer von ihnen ist zum Zeitpunkt der Taten erst 13 Jahre alt. Teilweise stammen die jungen Leute aus zerrütteten Verhältnissen in prekärer finanzieller Situation. Nur einer der Angeklagten kann eine fundierte Ausbildung und ein geregeltes Einkommen vorweisen. Mit ihren Straftaten versuchte die Bande, sich finanziell über Wasser zu halten."Hat einer mal gesagt: Ich steige aus?", will Gerhard Amend wissen. "Man muss ja nicht immer einbrechen", äußert sich einer der Jugendlichen, "wir haben das nicht immer geplant."
Ein anderer nennt seine Vorgehensweise schlicht Blödsinn und Kurzschlussreaktion. "Ich habe gesehen, dass die Besitzerin der Rögener Hütte fast geweint hat, das war kein Blödsinn", kontert Amend schroff, der es auch als "feigen Übermut" bezeichnet, das Auto des Ahorner Bürgermeisters in den Weiher zu fahren. An dem F ahrzeug entstand Totalschaden.
In sechs Landkreisgemeinden und in Coburg verübten die jungen Männer ihre Straftaten. Dazu sagt der Vorsitzende Richter: "Die Leute haben Angst gehabt, ihr Auto draußen stehenzulassen, Angst, dass in ihre Wohnungen eingebrochen wird. Haben Sie sich darüber nie Gedanken gemacht?"
Wenn die Bande "keinen Bock mehr auf Zocken" hatte, so einer von ihnen, hätten sie sich kurzfristig entschieden, wo es hingehe. Einer habe immer Handschuhe, andere Brecheisen dabei gehabt. Jeder habe seinen Teil dazu beigesteuert und geschaut, wo es etwas zu holen gab. "Da hatte ich Glück, dass Sie nicht bei mir waren. Wissen Sie, wo ich wohne?", fragt Gerhard Amend ironisch.
Einige der jungen Angeklagten sehen sich als Mitläufer und Schmierensteher, stoßen dabei jedoch auf Unverständnis bei Richter und Staatsanwältin. Indirekt machen die Angeklagten auch den Leichtsinn der Menschen für ihre Taten verantwortlich. "Man ist einfach durch die Straße gelaufen und hat nebenbei an den Türen gezogen. Wenn der Kofferraum auf war, ist man halt durch den Kofferraum reingegangen." Ein anderer ergänzt: "Zu fünfzig Prozent war immer ein Auto offen." Der Einbruch in den Kindergarten Tausendfüßler sei nicht geplant gewesen. "Da war ein Fenster gekippt und das haben wir dann aufgehebel t", sagt einer der Angeklagten.
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