Coburg
Mutmacherin

Coburger Seniorin mit flottem Deutschland-Rollator

Ruth Heinlein ist 89 Jahre und mit ihrem Rollator schneller unterwegs als manch jüngere Frau. Seit der Fußballweltmeisterschaft ist das Gefährt mit selbstgehäkeltem Bezug in den Deutschlandfarben geschmückt. Bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft feuert sie vor allem "ihren Philipp" an.
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Ruth Heinlein ist forsch unterwegs mit ihrem Rollator. (Foto: Helke Renner)
Ruth Heinlein ist forsch unterwegs mit ihrem Rollator. (Foto: Helke Renner)
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Im Supermarkt am Vorderen Floßanger winkt Martina Langer der alten Dame von der Kasse aus zu. "Sie ist lieb und freundlich. Meist ruft sie mir ,Schatzi‘ zu, wenn sie reinkommt", erzählt die Kassiererin. Und Ruth Heinlein kommt fast jeden Tag, manchmal auch mehrfach. Es ist ihre spezielle Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Sie kauft ein und ihr Sohn Ulrich kocht zu Hause. "Das macht er sehr gut", sagt die 89-Jährige und lacht. Dass sie so fit ist, hat sicher auch damit zu tun, dass sie von ihrer Wohnung Am Schießstand zum Supermarkt und wieder zurück läuft. Die Strecke ist etwas über einen Kilometer lang. Zum Beweis, wie gut sie sich mit ihrem Rollator bewegen kann, rennt Ruth Heinlein ein Stück über den Parkplatz.

Das tut sie auch gern zwischen den Regalen des Marktes. "Da geht das gut, weil der Boden so glatt ist." Die alte Dame lacht wieder - das tut sie gern und oft. "Ich habe nie den Humor verloren und nehme das Leben, wie es ist", sagt sie. Dabei ist die Liste ihrer Krankheiten lang, sie hat sie bei sich und zeigt sie bereitwillig. Vor allem ihre Beine wollen nicht mehr so richtig, seit sie am rechten Bein operiert wurde und am linken einen doppelten Oberschenkelhalsbruch hatte. Doch das hält Ruth Heinlein nicht auf. Schon im Krankenhaus habe sie schnell gelernt, mit dem Rollator zu laufen.

Ihre andere Leidenschaft ist das Stricken und Häkeln. Während der Fußball-Weltmeisterschaft hat es sie dann gepackt. "Ich habe mir jedes Deutschlandspiel angeschaut und meinen Philipp angefeuert." Denn Philipp Lahm ist ihr Lieblingsfußballspieler und Bayern München ihre Lieblingsmannschaft.


Aufsehen mit Häkelei

"Weil ich so aufgeregt war bei den Spielen, musste ich unbedingt etwas häkeln." Und was lag da näher, als die Deutschlandfahne? Damit hat sie die Sitzfläche und den Einkaufskorb ihres Rollators geschmückt - und viel Aufsehen erregt. "Mich fragen immer wieder Leute, wo ich die Sachen her habe und sind ganz erstaunt, dass ich das selbst gemacht habe", erzählt Ruth Heinlein. Ansonsten häkle und stricke sie auch gern für die Familie: Küchengardinen aus feinem Material oder Tagesdecken. "Ich probiere alles mal aus." Zwischendurch löst die 89-Jährige Kreuzworträtsel, um auch ihren Geist fit zu halten.

Medikamente? "Die brauche ich kaum", sagt Ruth Heinlein. Früher, als sie noch mehr Herzprobleme hatte, habe sie immer ihre Tabletten genommen. Inzwischen tue sie das nur noch, wenn sie "etwas merkt". Ansonsten hält sie es mit der Fröhlichkeit und mit dem Glauben. "Als ich im Krankenhaus lag, habe ich oft für meine Bettnachbarin gebetet, die Schmerzen hatte und immerzu am Klagen war." Mit ihrem Spruch "Gott hilft uns" habe sie auch andere Patienten aufheitern können.

Dabei ist ihr Leben nicht immer nur beschwingt gewesen. Mit 13 Jahren hat sie die Schule verlassen, mit 14 Jahren bei einem Bauern gearbeitet. Eine Zeit lang war sie bei der Firma Ros beschäftigt. "Da haben sie mich immer an die schwersten Maschinen gestellt, weil sich die Männer zu blöd angestellt haben", sagt die Seniorin und lacht wieder herzlich. Ihre letzte Arbeitsstelle hatte sie bei der Firma Goebel in Rödental. "Dort habe ich die Figuren zusammengebaut.

Vier Kinder hat Ruth Heinlein groß gezogen - an Arbeit hat es ihr nie gemangelt. Und auch jetzt im Alter will sie nicht herumsitzen, sondern aktiv bleiben, solange das geht. "Ich renne einfach gern mit meinem Rollator."
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