Coburg
Auswahl

Coburger Rückert-Preis öffnet Fenster nach Indien

Fünf Autorennamen stehen in diesem Jahr auf der Kandidatenliste des Coburger Rückert-Preises.
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Friedrich-Rückert-Denkmal in NeusesJochen Berger
Friedrich-Rückert-Denkmal in NeusesJochen Berger
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Literatur kann Brücken schlagen - das beweist der Coburger Rückert-Preis seit 2008. "Der Rückert-Preis öffnet Fenster in die Welt", ist Coburgs Oberbürgermeister Norbert Tessmer fest überzeugt. In diesem Jahr, in dem der Rückert-Preis der Literatur Indiens gewidmet ist, wird das nach Tessmers Überzeugung besonders greifbar. Schließlich seien bereits jetzt viele große Coburger Firmen mit Standorten in Indien vertreten.

Fünf Namen auf der Shortlist

Intensiv hatte die dreiköpfige Jury unter Vorsitz von Claudia Ott um die Auswahl der Nominierten gerungen. Das Resultat einer dreitägigen Klausursitzung der Jury ist eine Liste mit fünf Autorennamen - drei Frauen und zwei Männer: Jacinta Kerketta, Sara Rai und Geetanjali Shree sowie Perumal Murugan und Uday Prakash.

Diese Auswahl spiegelt zumindest in Ansätzen die Vielfalt indischer Literatur der Gegenwart wider. "Die Literatur auf dem indischen Subkontinent ist mindestens so vielfältig wie die Literatur Europas", ist Jury-Mitglied Reinhold Schein überzeugt.

Entscheidung Mitte Februar

Und bezogen auf den Namensgeber des Preises betont Schein: "Friedrich Rückert wäre beeindruckt - als Übersetzer hätte er eine Menge zu tun." Voraussichtlich Mitte Februar soll die Entscheidung über die Preisvergabe bekannt gegeben werden, erklärt Klaus Anderlik als Leiter der Schul- und Kulturamtes.

Indologe der ersten Stunde

"Friedrich Rückert ist einer der Indologen der ersten Stunde", verdeutlicht Ines Fornell die Bedeutung des Gelehrten. Rückert habe maßgeblich dazu beigetragen, diese Wissenschaft in Deutschland zu etablieren.

Als Jury-Vorsitzende hat Claudia Ott bei der Vorstellung der Nominierungen noch die Beschreibung der ungewöhnlichen Methode parat, mit deren Hilfe Friedrich Rückert sich die indische Literatursprache Sanskrit aneignete - indem er ein mehr als 1000-seitiges Sanskrit-Lexikon eigenhändig abschrieb.

Die Nominierungen für den Coburger Rückert-Preis 2019

Jacinta Kerketta (Jasinta Kerketta) wurde 1983 im Dorf Khudpos am Rande des Saranda-Waldgebiets an der Grenze zwischen Jharkhand und Odisha geboren. Sie ist Angehörige eines Adivasi-Volkes. Als Adivasi ("Ureinwohner") werden die indigenen Völker Indiens bezeichnet, die bereits vor der indoarischen Einwanderung (ca. 3000 v.Chr.) dort lebten. Die Adivasi sprechen jeweils ihre eigenen regionalen Sprachen als Muttersprachen, schreiben jedoch in der Regel in den großen Literatursprachen Indiens. So auch Kerketta, die in Hindi schreibt. Kerketta ist seit 2013 als freischaffende Journalistin tätig, darüber hinaus arbeitet sie in der Bildungs- und Sozialarbeit in Adivasi-Dörfern. Jacinta Kerketta ist eine Frau mit starkem sozialen Empfinden und großem ökologischen Bewusstsein. Diese beiden Hauptthemen beherrschen auch ihre Lyrik. In "Glut" beschreibt sie Alltags- und Naturszenen aus einer gefährdeten Umwelt, immer im Schatten der Bedrohung durch Bergbaukonzerne, denen bereits viele Siedlungen zum Opfer gefallen sind. Ihre Gedichte sind gefühlvoll und lebensnah und trotzdem voll trotzigem Widerstandsgeist, ohne sich politisch zu geben.

Veröffentlichungen von Jacinta Kerketta:

"Glut". Gedichte Hindi-Deutsch. Ü: Brigitte Komarek-Chhabra und Johannes Laping, Draupadi 2016.

"Tiefe Wurzeln". Gedichte Hindi-Deutsch. Ü: Vijay K. Chhabra, Brigitte KomarekChhabra, Johannes Laping, Draupadi 2018.

Perumal Murugan (Perumalmurukan) wurde 1966 als Sohn eines Kleinbauern in der Nähe von Tiruchengode, Tamil Nadu, geboren. Er studierte tamilische Literatur, wurde 1988 an der University of Madras promoviert und arbeitet bis heute als Professor für tamilische Literatur an staatlichen Hochschulen. Infolge der Anfeindungen und Drohungen seitens hindunationalistischer Kreise, die sich durch seinen Roman "Zur Hälfte eine Frau" beleidigt fühlten, hatte Murugan zeitweise aufgehört zu schreiben und sich als Schriftsteller für "gestorben" erklärt; erst nach seinem erzwungenen Orts- und Stellungswechsel und einem Gerichtsurteil zu seinen Gunsten im Jahr 2016 fand er zur schriftstellerischen Tätigkeit zurück. Im Jahr 2017 nahm er am Internationalen Literaturfestival in Berlin teil. Der Roman "Zur Hälfte eine Frau" präsentiert ein allgemein verbreitetes menschliches Problem, nämlich das Thema Kinderlosigkeit, vor einem authentisch gezeichneten Hintergrund des ländlichen Tamil Nadu. Damit gelingt ihm eine Balance, mit der er Leser weltweit ansprechen kann.

Veröffentlichungen von Perumal Murugan

Zur Hälfte eine Frau. Roman. Aus dem Tamilischen übersetzt von Torsten Tschacher. Draupadi Verlag, Heidelberg 2018.

Uday Prakash (Uday Prakas) wurde 1952 in Sitapur in Madhya Pradesh geboren. Nach seinem Studienabschluss in Hindi-Literatur arbeitete als Dozent, Journalist, Herausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und Dokumentarfilmer. Seit 1993 ist er freier Schriftsteller. Er publizierte Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Essays. Viele seiner Arbeiten wurden für die Bühne bearbeitet und von namhaften nationalen und internationalen Ensembles aufgeführt. 2015 gab Prakash aus Protest gegen das Schweigen der indischen Literaturakademie (Sahitya Akademi) zum Mord an einem Schriftstellerkollegen seinen Preis der Akademie zurück. Uday Prakash zählt zu den bekanntesten und meistdiskutierten Autoren Indiens. Er fesselt seine Leser durch spannende Geschichten mir feiner Ironie. Prakash ist vor allem unter der jungen Generation populär, weil er viele der drängenden Probleme des modernen Indiens thematisiert, wie Kastengeist, Lobbyismus und Korruption.

Von Uday Prakash liegen mehrere Titel in deutscher Übersetzung vor, u.a. "Das Mädchen mit dem gelben Schirm"; "Doktor Wakankar", "Mohandas. Die Mauern von Delhi"; "Der goldene Gürtel".

Sara Rai (Sara Ray) wurde 1956 in Allahabad/Uttar Pradesh geboren. Sie ist die Enkeltocher von Dhanpat Rai Shrivastava (1880-1936), besser bekannt als Premchand, einem Klassiker der Hindi- und Urdu-Literatur. Ihr Vater war Herausgeber der Literaturzeitschrift Kahani. Auch ihre Mutter schrieb Kurzgeschichten auf Hindi. In diese Familie mit großer literarischer Tradition hineingeboren zu werden, machte es ihr nicht leichter, selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Vielmehr wirkte der Druck, an Premchand gemessen zu werden, eher als eine Barriere. Deshalb trat sie auch erst relativ spät mit eigenen Werken an die Öffentlichkeit. Sara Rai ist freie Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Hindi ins Englische.

Sara Rais Geschichten haben einen eigenen Zauber. Man taucht tief ein in die Welt der Erinnerungsbilder und Reflexionen ihrer Protagonisten. Ihre Stärken liegen in genauer Beobachtung, Empathie und präziser, differenzierter Sprache. Sara Rai fasst auch heiße Eisen an: so etwa das Thema sexualisierte Gewalt. Ihre meist einsamen "Helden" springen in inneren Monologen von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück ins Jetzt. Sie sind mit großer psychologischer Einfühlung gezeichnet und sind dem Leser in hohem Grade präsent.

Veröffentlichung von Sara Rai

Im Labyrinth. Erzählungen. Aus dem Hindi von Johanna Hahn. Draupadi 2019.

Geetanjali Shree (Gitañjali Sri) wurde 1957 in Mainpuri, Uttar Pradesh, geboren. Sie wuchs in verschiedenen Städten Nordindiens auf, da ihr Vater als Verwaltungsbeamter mehrfach versetzt wurde. Sie studierte Geschichte und arbeitete nach ihrer Promotion in der Forschung zur indischen Unabhängigkeitsbewegung. Sie schrieb Romane, Kurzgeschichten und Bühnenfassungen von Texten anderer Autoren für ein Theater in Delhi. Ihr erster Roman "Mai" zeigt das Beziehungsgeflecht in einer typischen Mehrgenerationenfamile; der zweite Roman "Unsere Stadt in jenem Jahr" hat Geetanjali Shree Anerkennung als herausragende Autorin eingebracht. In diesem Werk setzt sie sich mit den von Zeit zu Zeit aufflammenden gewalttätigen Unruhen zwischen Hindus und Muslimen auseinander.

Veröffentlichungen von Geetanjali Shree

"Mai". Ein Roman. Aus dem Hindi von Reinhold Schein. Draupadi 2010.

"Weißer Hibiskus". Erzählungen. Aus dem Hindi von Anna Petersdorf. Draupadi 2010.

"Unsere Stadt in jenem Jahr". Roman. Aus dem Hindi von André Penz. Draupadi 2013.

"Im leeren Raum". Roman. Übersetzt von Nivedita Menon und Georg Lechner, Lotus Werkstatt 2018.

Rund um den Coburger Rückert-Preis

Friedrich Rückert Der 1788 in Schweinfurt geborene Dichter und Professor für Orientalistik lebte bis zu seinem Tod 1866 in einem Gutshof in Neuses in Coburg, den er 1838 erworben und zielstrebig zum Stammsitz der Familie ausgebaut hatte. Dazu gehörte auch ein Gartenhaus, das der Dichter auf dem Goldberg errichten ließ. Dieses idyllisch inmitten von Wiesen, Feldern und Obstbäumen gelegene Häuschen wurde zum Refugium des unermüdlich arbeitenden Mannes. Hier übersetzte er die "Hamasa", eine Sammlung von mehr als tausend arabischen Gedichten. In Neuses schrieb Rückert Dramenzyklen nach klassischen und biblischen Vorlagen. Hier entstanden aber auch politische Gedichte und Kampflieder, die Rückert als Verfechter eines deutschen Nationalstaates unter der Führung Preußens ausweisen. Rückert-Preis 2019 Der nächste Coburger Rückert-Preis ist der indischen Dichtung gewidmet. Verliehen wird er am Donnerstag, 16. Mai - dem 231. Geburtstag des Dichters und Gelehrten. Die Entstehung Seit 2008 verleiht die Stadt Coburg den mit 7500 Euro dotierten Coburger Rückert-Preis. Die Stadt folgte damit einer Initiative von Oskar Ohler, dem Ehrenvorsitzenden des Coburger Literaturkreises. Der Hintergrund Der Coburger Rückert-Preis wandert durch die Regionen, aus deren Sprachen Rückert übersetzte. Er wird verliehen an Autorinnen aus dem arabischen, iranisch/afghanischen, türkischenm, indischen und anderen für Rückert relevanten Sprachräumen. Jury 2019 Unter dem Vorsitz von Claudia Ott gehören Ines Fornell und Reinhold Schein der Jury des Coburger Rückert-Preises 2019 an. 2008 (Preisträger arabisch) Alaa al-Aswani, der bereits mit seinem Debüt-Roman "Der Jakubijan-Bau" zum meistgelesenen arabischen Autor der Gegenwart avancierte. 2010 (Preisträger persisch) Essma'il Choi gilt mit seinem Gedichtauswahlband "Am Fenster der Erinnerung" als einer der letzten lebenden Repräsentanten der zweiten Blüte der persischen Lyrik. 2013 (Preisträger arabisch) Niha Siris, dessen Roman "Ali Hassans Intrige" eine SAtire auf den Führerkult in einer arabischen Diktatur ist und die Zustände in Syrien unmittelbar vor der Revolte spiegelt. 2016 (Preisträgerin türkisch) Sema Kaygusuz machte sich früh einen Namen als Erzählerin in der Türkei. Sie legte fünf Bände mit Kurzgeschichten und zwei Romane vor.red



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