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Coburg
Begegnung

Coburger Podiumsdiskussion mit Ex-Ministerpräsident: Flüchtlingsdrama auf der Opernbühne

Wie die Teilnehmer der Podiumsdiskussion "Sichtweisen" in der Coburger Reithalle mit Günther Beckstein das Thema Heimat und Fremde ausloten.
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Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Günther Beckstein war prominenter Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Heimat und Fremde" in der Coburger Reithalle.Foto: Jochen Berger
Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Günther Beckstein war prominenter Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Heimat und Fremde" in der Coburger Reithalle.Foto: Jochen Berger
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Kluge und bedachtsame Spielplan-Gestalter können viele kluge Überlegungen anstellen, spannende Stücke auswählen und werden dann doch von der Wirklichkeit überholt, von der brutalen Macht des Faktischen überrumpelt.

Bestes Beispiel ist die geplante Neuinszenierung von Bohuslav Martinus Flüchtlingsoper "Griechische Passion". Dass dieses Werk plötzlich vor dem Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzungen auf der griechischen Insel Lesbos geradezu brennend aktuell erscheinen würde, hätte sich Coburgs Intendant Bernhard F. Loges bei der Gestaltung des Spielplans für die laufende Saison kaum vorstellen mögen.

Theater und Wirklichkeit

Plötzlich aber wurde sichtbar, wie eng Theaterspielen und Wirklichkeit verzahnt sein können. Bei der zweiten Veranstaltung der Reihe "Sichtweisen", vom Landestheater gemeinsam mit der Hanns-Seidel-Stiftung organisiert, ging es mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Beckstein um das spannungsgeladene Thema Heimat und Fremde.

Jagd auf Flüchtlingshelfer

Die Ereignisse auf der griechischen Insel Lesbos, wo aufgebrachte Bürger vor wenigen Tagen Jagd auf Flüchtlingshelfer machten, hatte sogar ganz unmittelbare Auswirkungen auf den Abend in der Reithalle. Denn der vorgesehene Moderator, der aus Coburg stammende ARD-Korrespondent Christian Limpert, musste kurzfristig absagen, weil er aktuell von den Geschehnissen auf Lesbos zu berichten hatte.

"Eine absolute Schande"

Die Zustände auf Lesbos mit weit mehr als 20000 Flüchtlingen bezeichnete Beckstein als "eine absolute Schande auch für Europa". Die jetzige Eskalation der Situation sei Ausdruck dessen, "dass die Politik in den letzten Jahren versagt hat."

Gefährdete Nächstenliebe

Hat die Europäische Union mit ihrem Verhalten im Falle von Lesbos ihre Werte verkauft? Bewusst provokant stellte Moderatorin Margarethe Stadlbauer diese Frage in den Raum. Für Dekan Kirchberger sind Werte keine Besitztümer, sonder etwas, "das wir uns immer wieder neu erarbeiten müssen". Und von allen Werten sei die Nächstenliebe am meisten gefährdet.

Tibor Torells Visionen

Gast-Regisseur Tibor Torell, der bereits zwei Inszenierungen am Landestheater zur Premiere gebracht hat, probt derzeit an Martinus "Griechischer Passion". Als Regisseur aus Tschechien, der seit 18 Jahren in Deutschland arbeitet, ist das Thema Heimat und Fremde für ihn keine lediglich theoretische Fragestellung. Torell belebte die Diskussion mit zwei Visionen. Wie würde das Thema Heimat definiert, wenn alle Menschen für fünf Jahre ihre Heimat verließen und in der Fremde leben würden? Und welche Auswirkungen auf politische Entscheidungen hätte es, wenn Politiker verpflichtet wären, zunächst in die Fremde zu gehen, bevor sie sich in ihrer Heimat um politische Verantwortung bewerben dürften?

Fataler Fanatismus

Bohuslav Martinus Oper "Die griechische Passion" (Premiere am Ostersamstag, 11. April) erzählt von den fatalen Auswirkungen von Fanatismus - bis hin zum Mord. Denn während sich die Einwohner eines kleinen griechischen Dorfes auf ihr traditionelles Passionsspiel vorbereiten, sucht eine Gruppe von griechischen Flüchtlingen Unterschlupf, deren Dorf von den Türken zerstört wurde. Doch ihr Wunsch stößt bei den meisten Dorfbewohnern auf Ablehnung.

Viele Nationalitäten auf der Bühne

Bei dieser Produktion am Landestheater werden mindestens 20 Nationalitäten gemeinsam auf der Bühne stehen, erklärte Torell und beschrieb damit die Einrichtung Theater als Ort, an dem Miteinander über Nationalitätsgrenzen hinweg funktionieren kann.

Christ und Politiker

Als bekennender Christ und zugleich Politiker mit langjähriger Verantwortung als Minister und am Ende seiner Karriere kurzzeitig als Ministerpräsident lotete Günther Beckstein das Spannungsfeld zwischen Verantwortung und Nächstenliebe aus: "Politik hat die Aufgabe, Tragödien zu vermeiden, muss aber auch die Folgen bedenken."

Gesellschaftlich relevant

Mit Blick auf die anstehende Premiere von Martinus "Griechischer Passion" bekannte sich Loges zur Verpflichtung, "gesellschaftlich relevantes Theater zu machen. Denn "Theater ohne Auseinandersetzungen ist tot."

"Kanzel & Rang I"

Die gesellschaftliche Relevanz von Theater soll auch eine neue gemeinsame Veranstaltungsreihe des Landestheaters mit den Kirchengemeinden in und um Coburg verdeutlichen. Unter dem Titel "Kanzel & Rang I" ist ein umfangreiches Rahmenprogramm rund um die Premiere von Martinus Oper geplant.

"Ich bin Optimist, ich will in Martinus "die griechische Passion" die Hoffnung, nicht die Tragödie zeigen", versprach Regisseur Tibor Torell.

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