Coburg
Diskussion

Coburger Pädagogen kritisieren heftig die Zentrale Ausländerbehörde

Sie würden viel tun für junge Flüchtlinge - wenn Behörden und Politik sie nur ließen. Coburger Pädagogen tun sich schwer mit Ablehnung und Abschiebung.
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Für einen professionellen Umgang mit Flüchtlingen, zum Wohl der Flüchtlinge und dadurch auch zum Wohle Deutschlands wollen sich die Diskussionsteilnehmer weiterhin beruflich und ehrenamtlich engagieren. Meißinger
Für einen professionellen Umgang mit Flüchtlingen, zum Wohl der Flüchtlinge und dadurch auch zum Wohle Deutschlands wollen sich die Diskussionsteilnehmer weiterhin beruflich und ehrenamtlich engagieren. Meißinger
Im Katholischen Gemeindezentrum St. Augustin kamen am vergangenen Mittwoch Vertreter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), verschiedener Schularten, Wohngruppen, der Handelskammern und Ehrenamtliche zusammen. Gemeinsam wollten sie sich über den Umgang und die Förderung von Flüchtlingskindern und Kindern mit Migrationshintergrund unterhalten und darüber sachlich diskutieren. Geladen hierzu hatten die GEW und der BLLV.

Der Wille, eine sachliche Diskussion zu führen, kam allerdings an seine Grenzen, als die einzelnen Berichterstatter von ihren persönlichen Erlebnissen, ihrem Einsatz und zerschlagenen Hoffnungen berichteten. Demagogie und Polemik waren dabei nicht zu hören, Kritik wurde allerdings in unterschiedlichen Richtungen geübt. Sowohl das Kultusministerium und sein teils schwerfälliger Lehrplan, die ZAB (Zentrale Ausländerbehörde) und der politische Wille im Umgang mit Flüchtlingen waren Gegenstand zahlreicher Kritiken. So berichteten einige Ehrenamtliche, dass sie Kinder in ihre Familien aufgenommen hätten. Da diese aus Afghanistan stammten, sei das zu Beginn kein Problem gewesen. Die Kinder oder jungen Männer hätten sich willig zur Integration, zum Erwerb der deutschen Sprache, zum Erlernen der deutschen Kultur gezeigt, hätten erfolgreich Schulabschlüsse abgelegt und von Betrieben sogar Zusagen zur Ausbildung erhalten. Dann allerdings sei die ZAB Bayreuth auf den Plan getreten. Denn dort hätten die Zustimmungen zur Ausbildung eingeholt werden müssen. Und es habe Ablehnungen gegeben vonseiten der ZAB. Das sei teilweise damit begründet worden, dass das Verfahren zur Anerkennung noch schwebend sei. Afghanistan sei als ein sicheres Land bezeichnet worden, Abschiebeeinschränkungen für Afghanistan seien entfallen.


Frust macht sich breit

Matthias Hanstein fragte in die Runde: "Welches Risiko gehen wir ein, wenn der junge Flüchtling eine Ausbildung macht? Welcher Nachteil entsteht uns denn?" Dem jungen Mann, den seine Familie unterstütze, seien durch die Ablehnung des ZAB Bayreuth Jahre verloren gegangen, sagte Hanstein.

Genauso geht es Familie Schulz aus dem Coburger Landkreis. Auch sie kümmert sich um einen jungen und integrationswilligen jungen Mann aus Afghanistan. Hier lehnte die ZAB Bayreuth ebenfalls ab, dass dieser eine Ausbildung machen kann. Rainer Kissing von der IHK zu Coburg - Bereich Ausbildung - teilte mit: "Wir haben in der Region schon Fachkräftemangel. Wir haben junge Leute, die es gerne machen möchten und sich ausbilden lassen möchten, kriegen es aber nicht hin. Das ist Wahnsinn!" An anderer Stelle des offenen Gespräches betonte Kissing: "Die Bereitschaft der Unternehmen zur Ausbildung ist da. Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit." Schon mehrfach hätten junge Flüchtlinge einen Ausbildungsvertrag erhalten und seien dann trotzdem abgeschoben worden. Das ZAB Bayreuth verweigere des Öfteren derartige Ausbildungsverträge und drohe den Unternehmen bei Nichtbefolgung der Anordnung mit Strafen bis zu 500.000 Euro. Kleinere Betriebe könnten dieses Risiko nicht eingehen, obwohl sie dringend Lehrlinge suchten. Auch im Handwerk ergebe sich das gleiche Bild. Kissing wies darauf hin: "Die Misere fing erst an, als das ZAB Bayreuth gegründet wurde und nur auf Papierform reagiert." Alles werde strikt durchgesetzt und man berufe sich auf die Anweisungen.


"Wir schaffen Integration, wenn die Politik das zulässt"

Auch zahlreiche Lehrkräfte, zum Beispiel Studiendirektor Rolf Sander von der Beruflichen Oberschule Coburg, Susanne Gerhardt von der Melchior-Franck-Schule Coburg (Grundschule), Studienrätin Inga Welsch (Berufsschule), Kerstin Franke von der Rückertschule Coburg (Mittelschule) und andere hoben die Bereitschaft und das Engagement der Lehrkräfte hervor. Jürgen Behling vom GEW teilte mit, dass an den unterschiedlichsten Schulen Übergangs- oder Integrationsklassen gebildet worden seien. In diesen Klassen stehe der Erwerb der deutschen Sprache im Mittelpunkt. Nach Möglichkeit sollen die Maßnahmen zu einem Schulabschluss führen. Rolf Sander wies darauf hin, dass es enorm wichtig sei, auch Mathematikunterricht und kulturelle Bildung weiterzugeben. Behling betonte: "Wir brauchen in den Schulen mehr Personal. ... Man erlebt Kinder und Jugendliche, die dieses Angebot annehmen und gewaltige Fortschritte in der Integration erreichten und die eine klare Perspektive für ihre Zukunft brauchen. Man engagiert sich hier gerne und erfährt, dass Integration gelingt, wenn man sie unterstützt, die Probleme benennt und entsprechende Lösungsmöglichkeiten gemeinsam entwickelt. Wenig hilfreich empfinden wir es, wenn die Politik polemisch geführten Diskussionen nachgibt und Steine in den Weg legt. Wir schaffen Integration, wenn die Politik das zulässt."

Immer wieder sagten Gesprächsteilnehmer, ihr Eindruck sei, die Politik schiele auf den rechten Rand der Gesellschaft und tue im Moment alles, um die anstehenden Wahlen zu gewinnen. Das ZAB Bayreuth wurde als "härtester Entscheider" bezeichnet. Trotz dieses eisigen Gegenwindes in der Flüchtlingsfrage sind die Diskussionsteilnehmer entschlossen, sich hier weiter zu engagieren. Behling, Kissing und alle anderen möchten das große Engagement der Ehrenamtlichen in geeignete Bahnen lenken und gemeinsam aktiv bleiben.

Hintergrund:
Die Regierung von Oberfranken erklärt auf ihrer Homepage https://www.regierung.oberfranken.bayern.de/wir_ueber_uns/organisation/bereich1/sg11/index.php die Aufgaben der ihr untergeordneten Zentralen Ausländerbehörde: Sie hat nach § 3 ZustVAuslR (Verordnung über die Zuständigkeiten zur Ausführung des Aufenthaltsgesetzes und ausländerrechtlicher Bestimmungen in anderen Gesetzen) insbesondere folgende Aufgaben: möglichst frühzeitige Feststellung und Sicherung der Identität der Ausländer; Rückkehrberatung und Rückkehrförderung; Betrieb von Ausreiseeinrichtungen; Vollzug aufenthaltsbeendender Maßnahmen
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