Coburg
Gastbeitrag

Coburger Mitdenker - von Spannungsfeldern in der Schule

Wie wollen wir der Digitalisierung in den Schulen begegnen? Ursula Kick-Bernklau, Schulleiterin am Arnold-Gymnasium, gibt Antworten.
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Von Ursula Kick-Bernklau, Schulleiterin am Arnold-Gymnasium Neustadt

Ich glaube an das Pferd. Das Auto ist nur eine vorübergehende Erscheinung.", soll Kaiser Wilhelm II um 1900 gesagt haben, bevor er wenig später selbst zu einem glühenden Anhänger des Autos wurde.

Weiß man, wie holprig der Beginn der Entwicklung des Automobils war, so ist die Aussage nicht verwunderlich. In der Retrospektive aus heutiger Sicht erscheint sie jedoch geradezu lächerlich.

Der Mensch stand immer schon zwischen Tradition und Moderne; er muss sich stets neu orientieren zwischen diesen Extremen. Werte, Überzeugungen und Handlungsmuster bewahren und als Traditionen von Generation zu Generation weitergeben ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Kultur. Doch auch neue Ideen, kreative Prozesse, Innovation und Erneuerung sind für jede Gesellschaft von elementarer Bedeutung.

Fluch und Segen

Die wohl größte Herausforderung heute ist die Digitalisierung. Es gibt kaum einen Bereich des Lebens, der nicht in irgendeiner Weise davon betroffen wäre. Unsere digitale, vernetzte Welt ist Fluch und Segen zugleich: Wir alle genießen die Vorteile unseres Smartphones, schätzen es, wenn Freunde und Familie immer erreichbar sind und wir jede Frage sofort mit Hilfe einer Suchmaschine beantworten können.

Wir lieben die neuen Möglichkeiten, die sich durch die neuen Medien bieten. Und zugleich beklagen wir die ständige Erreichbarkeit, die Gefahren physischer und psychischer Art, die mit dem erhöhten Medienkonsum einhergehen, das Suchtpotenzial, die Problematik mit dem Datenschutz, die Sorge um unsere Arbeitsplätze und vieles mehr.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer geht provokativ sogar soweit zu sagen, dass übertriebener Medienkonsum zu "digitaler Demenz" führe und "cyberkrank" mache. Computer, Smartphone, Internet, soziale Medien und künstliche Intelligenz sind ein integraler Bestandteil unseres Lebens geworden, und wir sind freiwillig und aktiv an dieser Entwicklung beteiligt und können sie auch nicht mehr zurückschrauben, ohne zum Außenseiter zu werden.

Wenn wir also Kollateralschäden befürchten, dann müssen wir diese Entwicklung in die richtigen und sinnvollen Bahnen lenken. Und das muss vor allem auch in den Schulen geschehen.

Schule ohne Digitalisierung ist weltfremd, denn es wäre naiv zu glauben, wir können sie noch verhindern. Schließlich müssen wir unsere Lernenden auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorbereiten.

Grenzen beim Lernen

Aber wir müssen mit Augenmaß vorgehen. Wir wissen heute, dass Lernerfolg sich keineswegs automatisch durch digitale Medien einstellt. Diese können - zumindest anfänglich - die Motivation der Lernenden steigern, sie sind unersetzlich bei Informationsbeschaffung, bei Speicherung und Verarbeitung von Wissen, sie sind bestens geeignet für individuelles Feedback über den Lernerfolg.

Aber sie haben ihre Grenzen. Denn wahre Bildung im humanistischen Sinn geht weit über die Informationsvermittlung hinaus und braucht immer den menschlichen Bezug und Dialog. Und dabei kommt der Lehrperson eine Schlüsselrolle zu. Das wissen wir nicht erst seit der Hattie-Studie.

Die Lehrkraft muss nicht nur Inhalte vermitteln, sondern eine Beziehung mit dem Lernenden aufbauen und dessen personale und soziale Kompetenzen fördern. Sie muss adäquate Herausforderungen bieten, damit sich beim Lernenden Flow einstellen kann. Sie muss vielfältige Lernangebote, sicher auch mit Hilfe digitaler Medien, machen - tatsächlich lernen aber kann nur der Schüler selbst. Schulisches Lernen erfordert nun mal Motivation, Selbstdisziplin, Engagement und Fleiß. Eine positive Lernumgebung sowie die Erfahrung, dass Lernen Freude bereiten kann, sind dabei natürlich hilfreich.

Wenn die digitalen Medien dazu beitragen, umso besser. Wichtig ist, dass Kinder im Unterricht lernen, dass diese nicht nur der Unterhaltung und der Kommunikation dienen, sondern Arbeitsgeräte für professionelle Nutzung sind. Kompetenzen dafür müssen schon in der Schule grundgelegt werden.

In diesem Spannungsfeld zwischen Tradition und Digitalisierung wird es umso wichtiger, dass wir die Jugendlichen zu starken Persönlichkeiten und autonomen Individuen erziehen, die kritisch hinterfragen,

die sich auch mit den ethischen Fragen der Digitalisierung beschäftigen und medienmündig sind.

Denn sie werden in der Zukunft verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben müssen. Traditionen geben Sicherheit. Veränderungen machen zunächst Angst. Zum Thema Auto soll Henry Ford gesagt haben: "Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde."

Ursula Kick-Bernklau ist Oberstudiendirektorin und Schulleiterin am Arnold-Gymnasium.

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