Von Alexander Wolz

Seit Dezember 2016 bin ich der Leiter des Staatsarchivs Coburg. Mit mir arbeitet ein Team von fünf engagierten und kompetenten Mitarbeitern. Zusammen tragen wir die Verantwortung für die Sicherung und Erhaltung von rund 400000 Archivalien. Untergebracht ist das Staatsarchiv im Zeughaus im Herzen der Innenstadt Coburgs und bildet damit einen architektonischen Blickfang in der Coburger Stadtsilhouette. Das Archiv selbst ist dahingegen - im Vergleich zu großen Archiven in Berlin, München oder Koblenz - eher klein. Und dennoch spielt es für die Stadt Coburg und die nähere Umgebung eine nicht unbedeutende Rolle.

Während das Jahr 2017 ganz ausschließlich unter dem Motto "Reformation" stand, hat sich für das Jahr 2018, ohne dass wir das geplant hätten, "Demokratie" als Leitthema herauskristallisiert. Im März 2018 nahm das Staatsarchiv Coburg am "9. Tag der Archive" teil, der in diesem Jahr unter dem Motto "Bürgerrechte und Demokratie" stand.

Wir nahmen dies zum Anlass, an zwei mutige Vorkämpfer zu erinnern, die Mitte des 19. Jahrhunderts von Coburg aus für Grundrechte, Freiheit und demokratischen Fortschritt stritten: Gustav Struve und Feodor Streit. Struve war aktiver Teilnehmer an der Revolution von 1848/49 und musste nach ihrem Scheitern in die USA auswandern.

Nach seiner Rückkehr nach Europa fand er Unterschlupf in der Vestestadt. Auch Streit war überzeugter Demokrat und warb für ein republikanisches Deutschland. Viele Monate brachte Streit wegen seiner politischen Einstellung im Gefängnis zu. Später wirkte er als Abgeordneter im Coburger Landtag und vertrat Coburg im "Deutschen Nationalverein", der damals einflussreichsten Organisation, die für ein geeintes Deutschland eintrat.

Im September 2018 veranstalteten wir eine größere Ausstellung aus Anlass des 200. Geburtstags von Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha. Mit einer außergewöhnlichen Bildung begabt, versuchte Ernst nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1844, das Land nach liberalen Grundsätzen umzuformen und zu regieren.

Fortschrittliche Verfassung

Das Staatsgrundgesetz für die Herzogtümer Sachsen-Coburg und Gotha von 1852 war eine der fortschrittlichsten Verfassungen in Deutschland in diesen Jahren. Ernst II. setzte sich für die Einheit Deutschlands ein, die er ebenfalls nach liberalen Prinzipien umsetzen wollte.

In unseren Beiträgen wollten wir daran erinnern, welche Kämpfe nötig waren, um einen demokratischen Rechtsstaat in Deutschland auf den Weg zu bringen und welche Opfer schon im 19. Jahrhundert erbracht wurden, um republikanische und liberale Gedanken im Volk zu verankern. Erst hundert Jahre nach dem Wirken Struves und Streits konnte die Demokratie in Deutschland dauerhaft gesichert werden.

Wir sollten uns heute daran erinnern, dass demokratische Spielregeln keine Selbstverständlichkeit sind, sondern täglich hart erstritten werden müssen - genau wie dies die liberalen Demokraten im 19. Jahrhundert getan haben.

Das Staatsarchiv Coburg möchte hierzu seinen Beitrag liefern. Und dies nicht nur durch publikumswirksame Veranstaltungen wie Ausstellungen, Vorträge oder Fernsehbeiträge, sondern auch durch seine alltägliche Arbeit. Die Archivierung rechtserheblicher Dokumente wie Baupläne oder Grundbuchunterlagen ermöglicht die Nachprüfbarkeit von Verwaltungshandeln, und sichert damit die Rechtsstaatlichkeit unserer Behörden.

Der offene und ungehinderte Zugang zu den Archivunterlagen ist integraler Bestandteil moderner Informationsfreiheit und schafft hiermit die Voraussetzung zur aktiven Teilhabe an unserer Demokratie.

HINTERGRUND

Netzwerk und Demokratiepartnerschaften

Netzwerk Das Netzwerk für Menschenrechte und Demokratie "Wir sind bunt: Coburg Stadt und Land!" hat es sich zum Ziel gesetzt, Weltoffenheit und Toleranz in der Region Coburg zu fördern. Es setzte sich über Religions- und Parteigrenzen hinweg aktiv für ein demokratisches und friedliches Miteinander ein und verfügt über eine Vielzahl engagierter Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die jederzeit für Unterstützung zur Verfügung stehen. Durch das Netzwerk sind die Stadt und der Landkreis Coburg im Themenbereich vernetzt. Es besteht derzeit aus mehr als 150 Institutionen und Privatpersonen. Die Sprecher des Netzwerks sind:Ilhan Birinci, Türkisch-Islamischer Kulturverein Coburg, Michael Busch, MdL, Alexandra Kemnitzer, Kreisrätin, Andreas Kleefeld, Evangelischer Dekan, Norbert Tessmer, Oberbürgermeister Stadt Coburg

Die beiden "Partnerschaften für Demokratie" in der Region Coburg verstehen sich samt ihrer Gremien als Teil von "Coburg ist bunt". Ein gemeinsames Selbstverständnis sowie gemeinsame Leitziele belegen diese ideelle Verbindung.

Stadt und Landkreis Coburg werden im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie Leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Gemeinsam mit Akteuren aus Zivilgesellschaft, Kommunalpolitik und Verwaltung entwickeln sie ihre "Partnerschaften für Demokratie".