Coburg
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Coburger Kinderarzt: Beim Impfen aufklären lassen, dann abwägen!

Der Coburger Kinderarzt Wolfgang Hüttner ist Mitglied im Verein Ärzte für Individuelle Impfentscheidung. Was sich dahinter verbirgt.
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Soll ich oder soll ich nicht? Impfen ist keine leichte Entscheidung. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Soll ich oder soll ich nicht? Impfen ist keine leichte Entscheidung. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Impfen - Selbstbestimmung oder Bürgerpflicht? Die in Deutschland empfohlenen Schutzimpfungen werden seit langer Zeit von allen beteiligten Seiten in hohem Maße emotional und polarisierend diskutiert. Dies macht eine differenzierte, sach- und erkenntnisorientierte Auseinandersetzung mit diesem Thema nahezu unmöglich.

Diese Erfahrung machten auch die Coburger. 2001 rückte die Vestestadt und der Landkreis in den Fokus, nachdem 1191 Masernfälle innerhalb von acht Monaten registriert wurden. Im Gegensatz zu anderen Landkreisen, wo die Durchimpfungsrate bei 90 Prozent lag, waren in Coburg nur 77 Prozent geimpft.

Vertreter des Vereins Ärzte für Individuelle Impfentscheidung forderten eine individuelle und ergebnisoffene Beratung, die sie in der derzeitigen Impfpraxis allerdings gefährdet sehen. Von Kinder- und Jugendärzten werde vielfach erwartet, die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) auf jedes Kind in gleicher Weise anzuwenden.

Die beiden Coburger Kinderärzte Dr. Wolfgang Hüttner und Dr. Karl Fromme sind Mitglieder des Vereins Ärzte für Individuelle Impfentscheidung, der für die Abwägung in jedem Einzelfall plädiert. Es müsse zwischen den Risiken der jeweiligen Erkrankung und dem mit der Impfung verbundenen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit abgewogen werden. Dies gelte insbesondere auch für Kinder hinsichtlich ihrer immunologischen und neurologischen Reifung.

"Die aktuell geforderte Impfpflicht missachtet diese Verantwortlichkeit des Einzelnen. Sie ignoriert das Ausmaß unserer Unkenntnis immunologischer und epidemiologischer Auswirkungen von Schutzimpfungen und Impfprogrammen genauso wie Tatsache, dass die nationalen Impfempfehlungen schon in Europa teilweise deutlich voneinander abweichen. Vor allem aber steht eine Impfpflicht - ohne legitimierende epidemiologische Notsituation - im Widerspruch zum unserer Gesellschaft zu Grunde liegenden Menschenbild mit dem Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit", heißt es auf der Homepage des Vereins.

Wolfgang Hüttner, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, hat uns Fragen zum Thema beantwortet.

Herr Hüttner, Sie gehören dem Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung an. Was muss man sich unter einer individuellen Impfentscheidung vorstellen? Ist nicht jede Impfentscheidung individuell? Wofür braucht es den Verein?

Dr. Wolfgang Hüttner: Generell besteht in der Bundesrepublik Deutschland keine Impfpflicht. Somit könnte von vorneherein jede Impfentscheidung individuell sein. Die "Ständige Impfkomission"(Stiko) aktualisiert einmal jährlich ihre allgemeinen Impfempfehlungen und versucht dabei das Allgemeinwohl mit den Gefährdungen des Einzelnen abzuwägen. Um hier den betroffenen Eltern bei der Vielzahl der empfohlenen Impfungen beizustehen, gibt es den Verein Ärzte für individuelle Impfentscheidung.

Soll ich mein Kind impfen oder nicht? Viele Eltern ringen mit der Entscheidung. Im Hinblick auf mögliche Impfschäden einerseits und Komplikationen beim Durchleben einer Kinderkrankheit andererseits. An die Masern-Diskussion vor ein paar Jahren sei an dieser Stelle erinnert. Was raten Sie unsicheren Eltern?

Die Pflicht eines jeden impfenden Arztes ist es, die Eltern über die Impfung aufzuklären, den zu Impfenden auf dessen Gesundheitszustand zu untersuchen und auf mögliche Risiken hinzuweisen und gegebenenfalls zu überwachen (möglicher Atemstillstand nach HPV-Impfung).

Welche Verantwortung trägt der Arzt, der ein Kind impft? Wo liegt die Verantwortung der Eltern?

Die Verantwortung wird den Eltern bei den Standardimpfungen primär erst mal abgenommen. Sollte es zu einem Impfschaden kommen, haftet das Gesundheitswesen.

Müssen Kinder vollständig geimpft sein, um in einer Kindertagesstätte aufgenommen zu werden?

Für die Aufnahme in eine Kindertagesstätte gibt es primär keine Impfpflicht. Es liegt aber im Ermessen der einzelnen Einrichtung eine Hausordnung mit eben diesen Pflichten für die Aufnahme zu erstellen.

Wie hat sich das Impfverhalten in den vergangenen Jahren verändert? Und welche Rolle spielt dabei der gesellschaftliche Druck?

Das Impfverhalten hat sich in den letzten Jahren schon allein durch die Verfügbarkeit der Impfstoffe und deren Kombinationen verändert. Manche Eltern haben vor der Vielzahl der empfohlener Impfungen Angst und lassen ihre Kinder gar nicht impfen! Hier ist in den letzten Jahr ein Anstieg zu beobachten. Das ist eine weitere Aufgabe der individuellen Impfberatung, um wenigstens Tetanus/ Diphtherie/ und Polio anzuraten.

Gibt es Impfungen, die jedes Kind in Deutschland auf alle Fälle haben sollte? Was empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO)?

Die STIKO empfiehlt für das erste Lebensjahr Tetanus 4x/Diphtherie 4x/ Kinderlähmung 4x/ Keuchhusten 4x / HepatitisB 4x/ HämophilusB 4x/ Pneumokokken 3x/ Rotaviren 2x oder 3xje nach Impfstoff

Ab 2.LJ. Masern/Mumps/Röteln/Windpocken 2x- MeningokokkenC 1x HPV ab 9.LJ 2x.

Bei Unsicherheit in der Impfentscheidung rate ich den Eltern zur Impfung. Gerade bei der Masernerkrankung ist die Sicherheit und Kraft der Eltern gefragt, die Krankheit zum Wohle des Betroffenen begleiten zu können.

Die Fragen stellte Christiane Lehmann.

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