Coburg
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Coburger Hebamme plädiert: Aufs eigene Gespür vertrauen

Hebamme Dagmar Murmann-Patzek spricht über Angst, Intuition und die selbstbestimmte Rolle der Frau.
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Den Gebärhocker unterm Arm: Dagmar Murmann-Patzek auf dem Weg zur Hausgeburt. Foto: privat
Den Gebärhocker unterm Arm: Dagmar Murmann-Patzek auf dem Weg zur Hausgeburt. Foto: privat
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Sicher ist sicher: Pränataldiagnostik durch Messung der Nackentransparenz, Fruchtwasseruntersuchungen, Chorionzottenbiopsie, gezielte Ultraschallorgandiagnostik, fetale Zustandsdiagnostik, Doppleruntersuchungen, 3D-Sonographie. Wer heutzutage ein Kind in die Welt setzt, lernt eine ganze Menge neuer Begriffe. Begriffe, die zunächst Angst machen, obwohl sie Sicherheit versprechen.

"Angst ist aber der schlechteste Begleiter für eine schwangere Frau", weiß Dagmar Murmann-Patzek. Seit über 30 Jahren arbeitet die Coburgerin als Hebamme und vertritt eine klare Meinung: Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, sondern ein natürlicher Prozess. Die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen und drei Ultraschall-Screenings reichen völlig aus, wenn es keine auffälligen Befunde gibt.

Die Fokusierung aufs Kind empfindet die 57-Jährige als zu einseitig. Schließlich sei die Mutter das Sprachrohr des Kindes. "Die veränderten Bedürfnisse der Schwangeren werden oftmals stark vernachlässigt oder gar nicht von ärztlicher Seite wahrgenommen."

Sich absichern wollen, habe etwas mit der großen Verantwortung zu tun, die bei einer Geburt auf allen Beteiligten - allen voran den Ärzten im Kreißsaal lastet. Dagmar Murmann-Patzek würde sich einen gelasseneren Umgang wünschen. Dazu gehört, dass Frauen sich spüren, dass sie die Schwangerschaft nutzen, um ihre Intuition zu schulen und ihren Selbstwert zu erkennen.

Von der Frau zur Mutter

Im Prozess der Schwangerschaft und Geburt entwickelt sich die Frau zur Mutter. Dieser Übergang beinhaltet viele physische, psychologische, hormonelle, soziale und emotionale Veränderungen. "Schwangere bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung - neues Leben zu schenken - zu bestärken, ist meine Aufgabe", sagt die erfahrene Geburtshelferin. Doch wie viele Gebärende gehen mit dem nötigen Selbstvertrauen in ihre eigene Kraft, um die große Aufgabe der Geburt zu bewältigen? Versuchen nicht einige von ihnen, mit dem Betreten des Kreißsaals ihre Verantwortung an das geburtshilfliche Team abzugeben?

Dagmar Murmann-Patzek kennt viele Frauen, die eigenverantwortlich handeln und sich gegen eine Entbindung in der Klinik entscheiden.

Über 100 Hausgeburten

Als einzige Hebamme in Coburg bietet sie Hausgeburten an. Über 100 Frauen hat sie auf diesem Weg begleitet. "Auch nach über 20 Jahren hat die Faszination bei diesem besonderen Erlebnis dabei sein zu dürfen nicht abgenommen", sagt sie.

Jede Frau hat ihren eigenen Geburtsrhythmus - diesen unbeeinflusst aber trotzdem aufmerksam und mit viel Ruhe geschehen lassen zu können, sei ein großes Privileg in unserem oftmals hektischen Leben. Die Frau bestimmt selbst, wen sie bei der Geburt dabei haben möchte. Ob der Partner, Freundinnen, die Mutter oder vielleicht auch die älteren Kinder. Die Frau bestimmt, wo und wie sie ihr Kind gebären möchte - ob auf dem Gebärhocker, stehend oder im Planschbecken. "Erlebt habe ich alles, es ist jedes Mal ein ganz besonders empfindsames und sensibles Ereignis", schwärmt die Hebamme, die sich in diesen Momenten eingeladen und dankbar fühlt.

In der eigenen Kraft

"Daheim ist Frau nur Frau, selbstbestimmt und gewürdigt." Das schätzt Dagmar Murmann-Patzek, selbst Mutter dreier erwachsener Kinder und dreifache Oma, an dem geschützten Raum Zuhause.

Natürlich sei auch eine Hausgeburt ein Vorgang, der dokumentiert werden muss und zu dem unter anderem auch ein Aufklärungsbogen und eine Einwilligungserklärung gehören. "Jeder trägt seinen Teil der Verantwortung", sagt die erfahrene Hebamme. Und niemand kann einem die abnehmen, wenn etwas mal nicht so optimal läuft.

Eine Voraussetzung für einen guten Verlauf ist ein enges Vertrauensverhältnis zwischen der werdenden Mutter und der Hebamme. "Die Wellenlänge muss schon stimmen." Beide sollten in ihrer Kraft stehen, wenn es zur Entbindung kommt. "Für mich heißt das, dass ich auch für mich Verantwortung trage. Nur wenn ich stark bin und genug eigene Energie habe, kann ich die Frauen, die in der Stunde der Geburt an ihre Grenzen stoßen, darüber führen." Ständige Rufbereitschaft, Hausbesuche im Zwei-Stundentakt, 24-Stunden-Dienst als Beleghebamme und eine Reihe von Geburtsvorbereitungskursen - das ist selbst für eine erfahrene Hebamme manchmal zu viel. Berufung hin oder her.

Dagmar Murmann-Patzek hat sich Anfang des Jahres eine kleine Auszeit gegönnt. Auf einem Trip durch Thailand und Sri Lanka hat sie neue Energie getankt.

Einzigartiges Ritual - Betrachtung aus kulturhistorischer Sicht

Das Ereignis Geburt schafft einen intimen, rituellen und bedeutsamen Erfahrungsraum zwischen der Frau, der "Mit-Mutter"(midwife = Hebamme) und den Helferinnen. Die Geburt eines Kindes ist ein körperliches, emotionales, symbolhaftes und immer unmittelbares Ereignis der Menschwerdung, die Geburtshilfe eine ethische und sinngebende Interaktion zwischen Frauen - Geburtshilfe beinhaltet stets mehr als nur die technische Unterstützung somatischer Vorgange: Sie ist zeremonielle Begleitung eines einzigartigen "Körperrituals".

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