Coburg
Interview

Coburger Festival "Klanggrenzen": Wo Musik auf Zauberei trifft

Was das Festival "Klanggrenzen" in diesem Jahr in Coburg zu bieten hat.
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Seine vierte Auflage in Coburg erlebt in diesem Jahr das interdisziplinäre Kammermusikfestival Klanggrenzen.Foto: Jochen Berger
Seine vierte Auflage in Coburg erlebt in diesem Jahr das interdisziplinäre Kammermusikfestival Klanggrenzen.Foto: Jochen Berger
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Spannende Begegnungen zwischen Musik, bildender Kunst, Kabarett und Zauberei verspricht die vierte Auflage des Kammermusikfestivals "Klanggrenzen" in Coburg. Als Mitglieder des Aramis-Trios sind der Geiger Martin Emmerich, der Cellist Heiner Reich und der Pianist Fabian Wankmüller zugleich die Organisatoren der Veranstaltungsreihe, die vom 24. bis 9. Juli stattfindet.

2019 erlebt das Festival "Klanggrenzen"seine vierte Auflage. Wie haben sich Ihre Erwartungen, mit denen Sie 2016 gestartet sind, bislang erfüllt oder verändert?

Fabian Wankmüller: Ehrlich gesagt wurden alle unsere Erwartungen übertroffen; als kleines Beispiel: Für die ersten beiden Konzerte des diesjährigen Festivals waren die Tickets innerhalb von zwei Wochen nach der ersten Vorankündigung ausverkauft! Wir konnten bereits jetzt ein Stammpublikum für die "Klanggrenzen"gewinnen, haben zahlreiche Schüler und Schülerinnen in unsere Konzerte gelockt, haben ein weltoffenes und bunt durchmischtes Publikum in unseren Konzerten und konnten unser Festival auf professionelle Beine stellen. Mittlerweile planen wir sehr weit im Voraus: Für 2020 sind bereits alle Konzerte und Spielorte klar und wir denken schon über 2021 nach. Dies verschafft uns den nötigen Rückhalt, als verlässlicher Partner aufzutreten.

Martin Emmerich: Und genau das ist wohl auch der Grund dafür, dass viele Unterstützer uns seit Beginn die Treue halten. An erster Stelle seien die Stadt Coburg, das Landestheater Coburg und die Musikfreunde Coburg erwähnt, sowie alle anderen Kooperationspartner, Sponsoren und Stiftungen. Was wir an Zuspruch und Lob für unser außergewöhnliches Festival bekommen, ist atemberaubend. Wir scheinen mit den "Klanggrenzen" einen Nerv getroffen zu haben.

Erstmals gastiert Markus Becker in Coburg, einer der führenden Pianisten seiner Generation. Wie ist die Idee zu seinem Konzert im Kunstverein einstanden?

Heiner Reich: Markus Becker wagt wie kaum ein anderer Pianist Grenzüberschreitungen. Mit seinem Soloprogramm "Kiev/Chicago", das wir beim Festival erleben dürfen, stellt er dem bekannten Werk "Bilder einer Ausstellung" von Mussorgskij Jazz gegenüber. Jazz hat viel mit gelebter Kunst zu tun, mit Positivem, mit Freizeit, damit, den Sorgen des Alltags zu entfliehen. Diese Bar-Stimmung, dieses Direkte wollten wir unbedingt bei unserem Festival haben. Der klassische Teil des Konzerts beschreibt ganz plastisch und direkt Bilder mit Musik. Wir wagen in diesem Konzert also nicht nur die Kombination Klassik-Jazz, sondern auch die Verbindung Programmmusik/Kunstausstellung.

Musik und Tanz, Musik und Film, Musik und Malerei: das Publikum hat schon viele Kombinationen erlebt. In diesem Jahr kommen gleich zwei Kombinationen hinzu. Dazu zählt zunächst die Verbindung Musik und Zauberei. Wie sind Sie auf diese Variante gekommen?

Emmerich: Ganz ehrliche Antwort? (lacht) Da sind gar nicht wir drauf gekommen... Ich war beim Sommerkonzert der Musikfreunde Neustadt "Klanggrenzen" verteilen. Eine nette junge Dame hat mir einen Flyer abgenommen, hat ihn studiert und war sofort höchst interessiert. Das war die Sängerin Nora Lentner, die ja gebürtige Coburgerin ist. Sie hat uns eigeninitiativ anschließend ein fertiges Konzept zur Verbindung von Musik und Zauberei präsentiert, das so gut und so schlüssig war, dass wir ihr sofort das Konzert angeboten haben.

Zum Abschluss des Festivals wagen Sie gar den Brückenschlag zwischen Kabarett und Musik als Benefizabend in der alten Pakethalle. Was war der auslösende Gedanke?

Reich: Brückenschläge sind ja unser Spezialgebiet (lacht)... Wir selbst sind in unseren Konzerten gerne mal auf der melodramatischen Schiene unterwegs. So ist zum Beispiel unser Programm Schicksalsschläge für eine Matinée am Sonntag vormittag um 11 Uhr natürlich recht starker Tobak. Um diesem Trend entgegenzuwirken haben wir seit unserem ersten Festival 2016 versucht immer auch zu unterhalten, nicht nur zu provozieren und zu schockieren.

Emmerich: Lachen ist gesund, und unserer Ansicht nach ein ganz wesentlicher Aspekt der Kunst. Für unsere sonstigen Konzertkonzepte muss ich aber dennoch mal eben eine Lanze brechen: es ist wie im Kino. Man muss sich in die alternativen Filme reintrauen. Nur sehr selten ist man hinterher enttäuscht, dass man der Sprung ins kalte Wasser gewagt hat.

Wankmüller: Und gerade bei einem Benefizkonzert, bei dem behinderten Kinder geholfen werden soll, möchten wir explizit auch Familien ansprechen, in dieses ungeheuer witzige Programm zu kommen. Der Eintritt ist frei... Am Tag nach dem Konzert wird das SeppDeppSeptett ihre wahnwitzigen Märchenadaptionen sogar nochmals in einem Sonderkonzert für sknapp 250 Kindergartenkinder wiederholen.

Neben den öffentlichen Konzerten gibt auch in diesem Jahr wieder ein Education- Programm. Wie hat sich die Resonanz auf dieses Angebot entwickelt?

Emmerich: Das müssten Sie jetzt eigentlich meine Frau fragen... Bei ihr laufen nämlich alle Fäden diesbezüglich zusammen. Die reinen Zahlen sprechen für sich. In den ersten Jahren haben wir pro Jahr mit etwa 750 Kindern gearbeitet; inzwischen wäre es kein Problem, die 1000er-Marke zu knacken. Das liegt unter anderem daran, dass sich die Schulen inzwischen bei uns schon etwa ein Jahr im Voraus melden, dass sie wieder dabei sein möchten.

Wankmüller: Nur zu gerne möchten wir unser Angebot hier ausweiten, stoßen aber schlicht an personelle und finanzielle Grenzen. Wir drei Vorstände können zusammen mit den restlichen "Klanggrenzen"-Ehrenamtlern auch nur 24 Stunden pro Tag für die Kunst leben.

Reich: Wir freuen uns natürlich riesig, wenn aufgrund der education-Konzerte ein paar Schüler und Schülerinnen auch in die großen Konzerte kommen. Deshalb dürfen bei uns Kinder und Jugendliche umsonst in die Konzerte!

Sie treten in diesem Jahr mit Musikern des Philharmonischen Orchesters in dem Programm Musik und Religion im Rathaussaal auf. Wie verträgt sich die Aufgabe als Künstler mit der Arbeit als Organisator und Kultur-Manager der Klanggrenzen"?

Wankmüller: Gar nicht... Wir versuchen ja mit allen Mitteln Menschen dazu zu bewegen über ihren privaten Tellerrand zu blicken. Wir selbst dürfen da dann aber nicht die Ausnahme bilden; genau deshalb haben wir uns ja vor einigen Jahren völlig ohne Vorkenntnisse ins kalte Wasser gestürzt und sind zu Teilzeit-Kultur-Managern geworden.

Reich: Und als ausübende Künstler ist es für uns natürlich leicht, für unsere eigenen Kollegen zu planen, da wir genau wissen, was ein Künstler vor dem Konzert braucht und womit er sich ganz bestimmt nicht beschäftigen will.

Emmerich: Ganz genau: Wir nehmen unseren Wissensvorsprung aus Künstlerperspektive mit und nutzen ihn, aber vertragen können sich die beiden Tätigkeiten nicht wirklich. Weder ein Kultur-Manager mit Bohèmien-Flair, noch ein quadratisch-praktischer Künstler können funktionieren; wir versuchen, die goldene Mitte zu treffen.

Nach dem Festival ist vor dem Festival: wie soll es mit den "Klanggrenzen"2020 weitergehen - auch unter dem Aspekt Kooperationen wie in diesem Jahr mit der Gesellschaft der Musikfreunde und dem Landestheater Coburg?

Emmerich: Mit beiden genannten sind wir bereits wieder auf einem guten Weg die gemeinsamen Veranstaltungen fortzusetzen. Mit den Musikfreunden werden wir unser Aramis Trio mit dem neuen jungen Hornisten des Landestheaters Jonathan Baur verstärken und zum wunderschönen Brahms Horntrio einen Streetartkünstler erleben, der das Gehörte live in Bilder umsetzt.

Reich: Die Bilder kann man nach dem Konzert dann sogar ersteigern!

Emmerich: Und mit dem Theater setzen wir wieder ein Konzert der theatereigenen neuen Kammermusikreihe um. Dabei kann man den zweiten "Music Slam" erleben; dieses Mal unter dem Titel "(V)erklärte Nacht!".

Wankmüller: Selbstverständlich sind wir aber auch immer für neue Kooperationen offen. Wir freuen uns sehr auf unseren geplanten Gastauftritt bei Hinz und Kunz in der Disco, sind im Gespräch mit den Designtagen und hoffen immer auf neue Synergien und gemeinsame Ideen! Die Fragen stellte Jochen Berger

Rund um das Festival "Klanggrenzen 2019" in Coburg Das Programm Vom 24. Juni bis 11. Juli sind fünf verschiedene Programme an sechs Veranstaltungstagen geplant.

24., 25. Juni Wein.Weib.Gesang - Musik und Wein: Operetten mit alkoholischen Texten und einer Weinprobe - Stefanie Ernst (Gesang und moderation), Roland Fister (Klavier); 19.30 Uhr, Weinhandlung Oertel

5. Juli Klassik.Jazz.Kunst - Musik und Bildende Kunst - Markus Becker (Klavier), 19.30 Uhr, Kunstverein Coburg; Bilder einer Ausstellung - Klassik verschmilzt mit Jazz und Kunst

7. Juli "Schicksalsschläge - Musik und Religion" - Aramis-Trio: Martin Emmerich (Violine), Heiner Reich (Violoncello), Fabian Wankmüller (Klavier); Daniela Steinmetz (Violine), Annemarie Birckner (Viola), Andreas Hilf (Viola), Andreas Fuchs (Moderation); Kooperation mit der Kammermusikreihe des Landestheaters Coburg; 11 Uhr, Rathaussaal

9. Juli "Zauber.Kunst.Lied - Musik und Magie"; Nora Lentner (Gesang), Klara Hornig (Klavier), Dorian Schneider (Zauberei), 19.30 Uhr, Pfarrzentrum St. Augustin

11. Juli "Acht.Auf.Einen.Streich - Musik und Kabarett", Pia Stahl, Aileen Jenter, Jonathan Baur (Horn), Robin Nikol, Valentin Erny, Sebastian Gröller (Trompete), Michael Rast (Tuba), Felix Fritschi (Akkordeon); 19.30 Uhr, Benefizkonzert bei freiem Eintritt in der Alten Pakethalle (Weitere Infos online auf www.klanggrenzen.de)

Tickets für das Festival "Klanggrenzen" gibt es im Vorverkauf in der Tageblatt-Geschäftsstelle.red

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