Coburg
Premiere

Coburger Erstaufführung: Gefangen im Käfig des obszönen Reichtums

Was passiert, wenn ein entführter Milliardär und sein Entführer über den Sinn des Lebens diskutieren? So erlebt das Publikum Stephan Kaluzas "30 Keller".
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"Masse Mensch Macht": Stephan Kaluzas Schauspiel "30 Keller" feierte Premiere am Landestheater Coburg. Szene mit Bernhard Leute (links) und Nils Liebscher.Foto: Sebastian Buff
"Masse Mensch Macht": Stephan Kaluzas Schauspiel "30 Keller" feierte Premiere am Landestheater Coburg. Szene mit Bernhard Leute (links) und Nils Liebscher.Foto: Sebastian Buff
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Die Situation ist beklemmend und bizarr zugleich. Ein entführter Milliardär und sein Entführer diskutieren in einem einsamen Keller über Macht und Ohnmacht. Sie diskutieren über die Macht des Geldes und die tatsächliche oder vermeintliche Ohnmacht des Einzelnen in Zeiten der Globalisierung.

Entführer Milliardär Meisner

Der entführte Milliardär Meisner (Bernhard Leute) und sein unerschütterlich, geradezu verblüffend höflicher Entführer Ronaldo (Nils Liebscher) - sie sind die ungewöhnlichen Protagonisten eines ungewöhnlichen Premierenabends im Landestheater Coburg.

Erstaufführung

"30 Keller" hat der Stücke schreibende, Bühnenbilder entwerfende und eigene Stücke inszenierende (Foto-)Künstler Stephan Kaluza sein Kammerspiel um Macht und Geld genannt, das seine bereits im Vorfeld eifrig diskutierte Coburger Erstaufführung erlebte.

Masse Mensch Macht

Denn eigentlich sollte dieses Theaterstück Teil eines doppelten Premierenabends werden. Weil das zunächst ebenfalls als Coburger Erstaufführung geplante Drama "3 D" über das Thema Missbrauch im familiären Umfeld eine Woche vor der Premiere von Theaterleitung und Produktionsteam kurzfristig abgesetzt wurde, war das Entführungsdrama "30 Keller" unter dem Etikett "Masse Mensch Macht" nun allein auf großer Bühne zu erleben.

Kammerspiel auf großer Bühne

Ein Kammerspiel auf fast leerer großer Bühne vor mäßig gefüllten Zuschauerreihen, zwei Protagonisten im verbalen Schlagabtausch - daraus könnte trotz allem ein spannender, packender Theaterabend werden. Und äußerlich wird es tatsächlich ein spannender Theaterabend.

Effektvoll gebündelt

Multi-Künstler Stephan Kaluza beweist feines Gespür dafür, wie sich Effekte arrangieren und bündeln lassen. So hat der Bühnenbildner Stephan Kaluza dem Regisseur Stephan Kaluza einen Kubus auf die Drehbühne bauen lassen, der sich in jeder Inszenierung über die Entführung eines reichen Mannes verwenden ließe. Nicht gülden, sondern silbrig funkelnd ist dieser Käfig, der mit seinen Plexiglaswänden auch als Spiegel taugt.

Wohlerzogener Entführer

Dazu gibt es noch ein symbolschwer einsetzbares Krankenbett, einen passenden Servierwagen wie aus Klinikbeständen und eine fahrbare Tafel, an der Entführer und Entführter bei teuren Weinen und erlesenen Zigarren gediegen disputieren können über den Sinn einer wahrlich ungeheuerlichen Entführung. Denn der wohlerzogene Entführer verlangt die ungeheuerliche Summe von zehn Milliarden Dollar Lösegeld keineswegs zur eigenen Bereicherung. Dieses Lösegeld und das von 29 weiteren entführten Multi-Milliardären soll nicht auf nebulöse Konten transferiert, sondern öffentlichkeitswirksam als Bargeld über den Weltmeeren abgeworfen und damit der Vernichtung anheim gegeben werden.

300 Milliarden Dollar Lösegeld

"Nichts ist radikaler als die Vernichtung", schwadroniert der Entführer in seinem schicken Rollkragenpullover (Kostüme: Ana Tasic) angesichts des Geldregens von insgesamt 300 Milliarden Dollar.

Krise des Kapitalismus

Das Schauspiel "30 Keller" (Atlantic Zero)" gebärdet sich als Kammerspiel, das eine Parabel sein will - Parabel über die Krise des Kapitalismus.

Bedeutungsschwer

Als Regie führender Autor weiß Stephan Kaluza, wie sich sein Text bedeutungsschwer anrichten lässt. Bedeutungsvoll soll klingen, was Meisner und Ronaldo miteinander verhandeln. Doch was tatsächlich bedeutungsvoll und was nur behauptet bedeutungsschwer daher kommt - das ist an diesem Abend mit pausenlosen eineinhalb Stunden Spieldauer nicht immer genau zu trennen

Spannungsvoll oder Leerlauf?

Bedeutungsschwer lässt Kaluza den Entführer die Tafel decken - langsam und formvollendet. Ist das aber wirklich spannungsvoll oder nur stilvoll kaschierter Leerlauf? Nils Liebscher und Bernhard Leute spielen jedenfalls - manchen Versprechern zum Trotz - engagiert und präzis. Und nachdem das Lösegeld gezahlt ist, darf der entführte Milliardär zurück in die Freiheit - oder sich wahlweise noch ein wenig im Krankenbett ausruhen.

Freundlicher Beifall

War die gesamte Entführung also nur der schlimme Traum eines reichen Mannes auf dem Operationstisch, den er nicht mehr verlassen wird? Das lässt Regisseur Stephan Kaluza effektvoll offen. Sein Lohn: ungetrübt freundlicher Beifall von mäßiger Ausdauer.

Vielseitiger Künstler zu Gast in Coburg

Stephan Kaluza, 1964 geboren, studierte Kunst und

Kunstgeschichte. Anschließend ergänzte er diese Studien an

der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität,

Düsseldorf. Der Autor ist sowohl im Bereich der Bildenden Kunst

als auch in der Literatur tätig. In seinen Bildstücken inszeniert er

Theaterstücke und Performances zu stillstehenden, simultan erlebbaren Bildern. Seine Arbeiten waren bereits in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Seit 2006 publiziert Stephan Kaluza Theaterstücke. Kaluza lebt in Düsseldorf.

Ausstellungs-Tipp Stephan Kaluza "Demarkationen" (Fotoprojekt), Kunstverein Coburg (bis 10. Februar)

Produktionsteam Inszenierung und Bühne: Stephan Kaluza; Kostüme Ana Tasic; Dramaturgie Carola von Gradulewski

Darsteller "30 Keller (Atlantic Zero)"

Meisner: Bernhard Leute

Ronaldo: Nils Liebscher

Erster Maskierter, Bohm: Thomas Straus

Zweiter Maskierter, Jansen: Anna Röser

Weitere Vorstellungen 25. Januar, 15., 20., 21., Februar, 7., 19. März, 10. April, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Karten im Vorverkauf in der Tageblatt-Geschäftsstelle und an der Theaterkasse



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