Coburg
Premiere

Coburger "Carmen"-Premiere: Tödliches Ende einer fatalen Liebe

Wie Gastregisseur und Bühnenbildner Alexander Müller-Elmau am Landestheater Coburg Bizets "Carmen" interpretiert.
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In der Neuinszenierung und im Bühnenbild von Alexander Müller-Elmau feiert die Oper "Carmen" von Georges Bizet" ihre Premiere am Landestheater Coburg.Foto: Sebastian Buff
In der Neuinszenierung und im Bühnenbild von Alexander Müller-Elmau feiert die Oper "Carmen" von Georges Bizet" ihre Premiere am Landestheater Coburg.Foto: Sebastian Buff
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Was eigentlich lieben Opernfans an Georges Bizets "Carmen"? Die vielen Hits, das klischeehafte spanische Ambiente? Oder vielleicht doch den tragischen Ausgang mit der erstochenen Titelheldin? Wer in "Carmen" vor allem bunte, nette Spanienklischees sucht, ist in der Coburger Neuinszenierung von Gastregisseur Alexander Müller-Elmau ganz sicher in der falschen Vorstellung. Wer freilich wissen will, warum der Soldat Don José zum Mörder seiner ehemaligen Geliebten Carmen wird, sollte sich rasch Tickets sichern für die nächsten Aufführungen am Landestheater.

Das Bühnenbild, die Kostüme

Wenn sich der Premierenvorhang im Landestheater öffnet, ist sofort klar: Diese Inszenierung will nichts zu tun haben mit den sattsam bekannten "Carmen"-Klischees. Das von Regisseur Alexander Müller-Elmau entworfene Bühnenbild zeigt ein kaltes, fast kahles Halbrund - ein stilisierter Raum, der bald als Stierkampfarena, bald als Gefängnishof und bald als Marktplatz erscheint. Hier spielt sich das Drama um Don José, Carmen und den Stierkämpfer Escamillo ab. Die Kostüme von Julia Kaschlinski sind zeitlos stilisiert und helfen dabei, die Figuren mit klaren Akzenten zu charakterisieren.

Das Regiekonzept

Mit dem Titel "Carmen" hat Bizet seine erfolgreichste Oper auf die Bühne geschickt und die Titelheldin als Femme fatale mit längst zu Schlagern gewordenen Melodien ausgestattet. Alexander Müller-Elmau aber erzählt dieses tödlich endende Liebesdrama ganz bewusst und aus guten Gründen aus der Sicht des Sergeanten Don José und kann sich dabei auf Prosper Mérimée und seine 1845 veröffentliche "Carmen"-Novelle berufen. Dass Don José auf fatale Weise Carmen verfallen ist und völlig aus der Bahn gerät, lässt Müller-Elmau effektvoll deutlich werden. Auch kleine Rollen profitieren von seiner insgesamt sorgfältigen Personenführung.

Die Darsteller

Milen Bozhkov singt und spielt den aus enttäuschter Liebe zum Mörder gewordenen Don José mit packendem Ausdruck, mit bisweilen gar erschreckender Intensität. Sein lyrischer Tenor zieht das Publikum mit enormer Ausdruckskraft, aber auch mit der Fähigkeit zu feiner Differenzierung in Bann. In der Titelpartie singt Emily Lorini die Carmen fernab von allen Rollenklischees - schlank in der Stimmführung, voller Leidenschaft im Ausdruck. Auch ihr Spiel gewinnt große darstellerische Kraft und Unerschrockenheit, auch wenn sie anfangs in einigen Szenen von der Regie doch ein wenig allein gelassen wirkt. Vielleicht ist das auch dem Umstand geschuldet, dass Emily Lorini diese Rolle erst während des Probenprozesses endgültig erarbeitet hat, da die ursprüngliche Premierenbesetzung (Kora Pavelic) krankheitsbedingt wenige Wochen vor der Premiere ausfiel.

Micaëla versucht, Don José mit ihrer bedingungslosen Liebe vor dem fatalen Einfluss Carmens zu retten - freilich vergeblich, auch wenn Olga Shurshina diese Rolle mit lyrischer Innigkeit insgesamt sehr nachdrücklich gestaltet. Für den jungen Bariton Marvin Zobel wird die Partie des Stierkämpfers Escamillo zur Traumrolle - stimmlich wie darstellerisch. Bestens besetzt sind zudem die weiteren Rollen der Soldaten, Schmuggler und des Wirts Lillas Pastia.

Die Chöre

Die vereinten Chöre sind in manchen "Carmen"-Produktionen nur klingende Staffage. In Müller-Elmaus Deutung aber werden Chor, Extrachor (Einstudierung Mikko Sidoroff) und Kinderchor (Einstudierung Daniela Pfaff-Lapins) des Landestheaters zu wichtigen Akteuren. Sie verleihen dem Geschehen auf der Bühne immer wieder eine fast beängstigende Wucht. Die Massenszenen formt Müller-Elmau zu eindringlichen Bildern von großer, bedrängender Intensität - am überzeugendsten in der Schluss-Szene.

Das Orchester

Eine Woche nach dem erfolgreichen London-Gastspiel präsentiert sich das Philharmonische Orchester bestens disponiert und gründlich vorbereitet und musiziert ebenso farbenreich wie prägnant in den Konturen - mit sicherem Stilgefühl, bei Bedarf aber auch mit großer Wucht.

Die musikalische Leitung

Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig findet eine interpretatorische Lesart, die bestens harmoniert mit dem Regie-Konzert Müller-Elmaus. Auch er hütet sich vor allzu bekannten Spanien-Klischees. Vielmehr achtet er auf Transparenz und klare Linienführung bei fein abgestufter Dynamik und garantiert Spannung bis zum blutigen Ende. Seine "Carmen" entfaltet die dramatische Wucht der Partitur mit schonungsloser Klarheit und Folgerichtigkeit.

Was bleibt

Auch wenn Alexander Müller-Elmaus Regie- und Bühnenbild-Konzept nicht in jeder Hinsicht gleichermaßen schlüssig wirkt: diese Coburger "Carmen" befreit das von der Rezeptionsgeschichte doch reichlich malträtierte Werk von manchem Ballast, von manchen Klischees und rückt die schonungslose Wucht von Szene und Musik in den Mittelpunkt - jenseits aller Hits zwischen Blumen-Arie und Torero-Lied. Beachtlich ausdauernder Beifall des Premierenpublikums, der sich auf die musikalischen Akteure konzentriert.

Rund um die Neuinszenierung von Bizets "Carmen" am Landestheater Coburg

Opern-Tipp "Carmen", Opéra-comique in drei Akten und vier Bildern von Georges Bizet, Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der Novelle "Carmen" von Prosper Mérimée - 9. Juni, 15 Uhr, 13. Juni, 19.30 Uhr, 16. Juni, 18 Uhr, 28. Juni, 3., 10. Juli, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Produktions-Team

Musikalische Leitung: Roland Kluttig; Chorleitung: Mikko Sidoroff; Leitung Kinderchor: Daniela Pfaff-Lapins; Inszenierung und Bühne: Alexander Müller-Elmau;

Kostüme: Julia Kaschlinski;

Dramaturgie: Dorothee Harpain

Besetzung

Don José, Sergant: Milen Bozhkov

Escamillo, Stierfechter: Marvin Zobel

Remendado: Peter Aisher

Dancaïro: Christian Huber

Zuniga Bartosz Araszkiewicz

Moralès: Michael Lion

Carmen: Emily Lorini/Kora Pavelic

Micaëla: Olga Shurshina

Frasquita: Dimitra Kotidou

Mercédès: Anne Heßling

Chor des Landestheaters Coburg

Kinderchor des Landestheaters Coburg, Extrachor des Landestheaters Coburg, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Die Handlung Der Mörder Don José wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung. In Rückblenden erinnert er sich an die schicksalshafte Begegnung mit der Zigeunerin Carmen, die anders als er die Freiheit der Liebe über alle Konventionen stellt. "Die Liebe ist ein wilder Vogel, den niemand zähmen kann", singt sie in ihrer berühmten Habanera. Auch Don José gelingt es nicht, sie zu zähmen - als Carmen ihn für den Stierkämpfer Escamillo verlässt, tötet er seine Geliebte aus Eifersucht.

Das Konzept Die Uraufführung von Georges Bizets (1838 bis 1875) Oper am 3. März 1875 gerät zum Skandal: Zwar ist Carmen als exotische Femme Fatale die ideale Projektionsfläche sinnlicher Lust, doch zugleich schockiert sie durch einen Liebes- und Freiheitsanspruch, der bis dato Männern vorbehalten war. Nichtsdestotrotz fasziniert und verführt die wohl begehrteste Frauenfigur der Operngeschichte das Publikum bis heute - nicht umsonst zählt "Carmen" mit ihren einprägsamen Melodien und ihrer archaisch-rauschhaften Musik zu den meistgespielten Opern aller Zeiten. Ausgehend von Prosper Mérimées 1845 veröffentlichten Novelle erzählt der Regisseur Alexander Müller-Elmau den (Stier-)Kampf der Liebe aus der Perspektive Don Josés und entwickelt ein psychologisch-albtraumhaftes Inszenierungskonzept jenseits aller Zigeunerromantik und Spanienklischees.

Vorverkauf Tageblatt-Geschäftstelle, Theaterkasse

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