Coburg
International

Coburger Bratwurst und russischer Schmand

Der russische Supermarkt in Wüstenahorn bringt vielen osteuropäischen Mitbürgern ein bisschen Heimat nach Coburg.
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240 verschiedene russische Pralinen sind der Stolz von Johannes Schumacher. Christiane Lehmann
240 verschiedene russische Pralinen sind der Stolz von Johannes Schumacher. Christiane Lehmann
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Gefühlte 20 Jahre kauft Rita Ignatov im Prima-Markt in der Scheuerfelder Straße ein. "Der Schmand und die Leberwurst - das schmeckt wie daheim", schwärmt sie und strahlt übers ganze Gesicht. Tatsächlich gibt es den Supermarkt erst seit elf Jahren. Johannes Schumacher hat damals den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und bis heute nicht bereut. Sein Konzept, osteuropäische Waren im großen Stil anzubieten, ging auf.
1993 kam er mit seinen Eltern aus Russland nach Coburg. Nach der Schule absolvierte er eine Metzgerlehre bei Alfred Schlick. Danach wechselte er nach Schwabach zu "Monolit", einem russischen Großhandelsunternehmen. "Aber mich zog es nach Coburg zurück", sagt er, mittlerweile selbst Familienvater.
An der Kasse im Supermarkt sitzt seine Mutter. Gerade hat sie noch die riesigen Wassermelonen halbiert. Im Geschäft duftet es nach dem frisch aufgeschnittenen Fruchtfleisch. Ein Gang durch die Reihen ist ein bisschen wie Urlaub im Osten. Wobei - auf den Preisschildern stehen die Übersetzungen der Etiketten samt Inhaltsstoffe in deutsch.
Auf den ersten Blick ist alles etwas größer als in einem deutschen Supermarkt: Die Kartoffeln, die rote Bete-Knollen, die Gläser mit den eingelegten Tomaten, den Kohlblättern und Gurken. Auch die Wurst liegt als Kiloware abgepackt im Kühlregal.
"Die Russen lieben große Portionen", erklärt Schumacher. Dabei sind es nicht nur die Russen, die dort finden, was sie für ihre traditionelle Küche benötigen. Das Sortiment umfasst 1500 Artikel aus ganz Osteuropa: Honigtorten aus Tschechien, Salami aus Polen, eingelegte Kohlblätter nach rumänischem Rezept, um nur ein paar Beispiele zu nennen. "Es kommen auch Chinesen, die kaufen dann gern die unausgenommenen Garnelen, oder Syrer, aber da wird's schwierig, weil sie kein Schweinefleisch essen und streng darauf achten, dass auch nirgends Gelatine drin ist", sagt der Supermarktchef.
Die Fleisch- und Fischtheke lockt viele deutsche Kunden an. Darauf ist Schumacher ein bisschen stolz. Denn zum einen verkauft er sehr viele Coburger Bratwürste - nach dem Schlickschen Rezept, wie er sagt - und zum anderen sind es die etwas größeren Steaks, die zum Konzept gehören. "Bei uns hat ein Steak so zwischen 300 und 400 Gramm. Am Anfang wollten die Leute, dass ich sie kleiner schneide, mittlerweile kommen sie genau deswegen!" Er spießt ein Stück Schweinekamm auf und riecht daran. "Herrlich, wie das duftet - nach Mango!"
Seine Gewürze bezieht Schumacher von "Raps" in Kulmbach, das Obst und Gemüse holt er vier Mal die Woche am Großmarkt in Nürnberg.
Die frischen Fische werden donnerstags geliefert. Doch es sind weniger die frischen Fische, die die Blicke auf sich ziehen - eher die geräucherten und getrockneten. Da liegen die Sprotten, Makrelen und Hechte in der Auslage. Und Schumachers russisches Herz schlägt höher. "Die Deutschen essen Chips zum Bier, wir - schon die Kinder - knuspern getrockneten Fisch", sagt er und lacht verschmitzt. Tatsächlich gibt es im Regal daneben kleine Fischertütchen, in denen winzige Fische als Knusperware angeboten werden. Der russische Kaviar steht im Kühlschrank. Die Auswahl ist derzeit nicht besonders groß. Die Nachfrage steige um die Weihnachts- und Osterzeit.
Salzig, sauer und pikant ist die eine Seite, der ganze Stolz des 38-Jährigen ist jedoch von eher süßer Natur: 240 verschiedene Sorten russische Pralinen liegen lose in Fächern. Jeder kann sich seine Favoriten selbst zusammenstellen. Ob mit Waffel oder Füllung, nussig oder fruchtig. Im nächsten Gang liegen die Tüten mit dem russisch Brot und anderen Plätzchen. Lebkuchen mit Kondensmilchfüllung sind eine russische Spezialität, die das ganze Jahr über gegessen wird. Genau wie Dill, der in dicken Büscheln im Eimer steht. Der Coburger Lothar Jensch kommt gerne immer wieder, wie er sagt. Die Gewürze und Kartoffeln möchte seine Frau nicht missen.

Den Einkaufswagen voller 1,5 Liter Flaschen russische Malzlimonade hat Michael Belenky. Er ist Stammkunde bei Prima und lobt auch die süßen Torten aus Tschechien. "Schmecken echt gut", sagt er und kauft weiter ein.
Die Waren sind nicht nach Ländern sortiert. Das habe er anfangs gemacht, mittlerweile stehen die eingelegten Gemüse beieinander - egal aus welchem Land sie kommen. "Dadurch probiert jeder auch mal was vom anderen und findet es vielleicht sogar gut", sagt Schumacher und ist froh, dass sein Konzept aufgeht: Verständigung geht durch den Magen.


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