Coburg
Literaturtage

Coburg liest: Was wir sind

Zum Abschluss von "Coburg liest" 2018 sorgte der österreichische Schriftsteller Franzobel für ein intensives Publikumsgespräch.
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Franzobel bei "Coburg liest". Carolin Herrmann
Franzobel bei "Coburg liest". Carolin Herrmann
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Diese Frage musste zum Abschluss der Österreich-lastigen Coburger Literaturtage 2018 aber wirklich gestellt werden: Gehört der schräge Humor, über den wir uns vom Roman-Marathon bis zur Autorengala mit Franzobel am Freitag Abend amüsierten, zum österreichischen Nationalcharakter?
Franzobel, dieser sehr produktive, vielseitige, satirisch böse, als Romanautor ungemein wuchtige Schriftsteller hatte im Gebäude der Wohnbau aus seinem neuen Roman "Das Floß der Medusa" gelesen und das Drastische dieser historischen Tragödie um den Untergang der französischen Fregatte Medusa 1816 nicht vermieden. Nach 13 Tagen waren von den 147 auf ein schnell zusammengezimmertes Floß Geflüchteten nur 15 gerettet worden. Sie hatten kannibalistisch überlebt.
Franzobel schießt den Schrecken der Erkenntnis über die Bösartigkeit des Menschen tief in die Seelen seiner Leser. Da kennt er kein Pardon. Wobei der Skandal weniger in den aus der Not geborenen Verhaltensweisen lag. Sondern in der Vertuschung und Ignoranz der Gesellschaft im Nachhinein, dass keiner hören will, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, wie schnell eine Gesellschaft in den Status der Barbarei kippt, warnt Franzobel.


Die Situation im Mittelmeer

Doch selbst in diesem Roman gibt es immer wieder humoristisch gezeichnete Situationen. Manches an diesem sehr tiefschürfend recherchierten Fall war so grässlich und grotesk zugleich, dass man es nur noch mit Humor als letztem Mittel ertragen konnte.
Die Brisanz dieses Stoffes - das ließ auch das an die Lesung anschließende, intensive Gespräch mit dem Publikum unter Moderation von Norbert Berger spürbar werden - liegt in dem nicht zu verdrängenden Wissen über das, was sich seit 15 Jahren im Mittelmeer abspielt. Franzobel braucht gar keinen direkten Bezug dazu herzustellen.
Unmittelbar politisch kritisch wird er aber in seinem neuen Buch, aus dem er im zweiten Teil des Abends las - sehr wohl, um die Kurve zum Erträglichen zu nehmen. Zu seiner und unserer Entspannung schreibt er nämlich wieder einen Kriminalroman um seinen schrulligen Kommissar Groschen. Der diesmal mit seiner Frau zum Wiener Opernball geht. Das wird ein satirisches Schlachtfest! All die Gesichter wie aufgeweichter Kuchen, die entcoffeinierten Gestalten, Kleider, welche die Intelligenz beleidigen dieses Dschungelcamp der Österreicher. Der Krimi soll nächstes Jahr erscheinen, zum Opernball. - Humor der Österreicher?
Also sagt Franzobel zum Sprachabgrund zwischen Deutschen und Österreichern: Was ein Deutscher sagt, sei eins zu eins zu nehmen. "Beim Österreicher kann man davon ausgehen, dass die Hälfte anders gemeint ist, als gesagt." - Das wiederum muss einem doch mal gesagt werden. Jede der vier Leseabende von "Coburg liest" 2018 war gut besucht, was wieder zu insgesamt rund 450 Besuchern führte. Keine Frage, da wird gleich die 16. Runde für 2019 vorbereitet, wie die Buchhändlerin Irmgard Clausen ankündigte.


Der Autor

Franzobel wurde 1967 in Vöcklabruck, Oberösterreich als Franz Stefan Griebl, Sohn eines Chemiearbeiters, geboren. Er absolvierte die Höhere Technische Lehranstalt für Maschinenbau in Vöcklabruck und studierte in Wien Germanistik und Geschichte. Nebenbei war er als Komparse am Wiener Burgtheater tätig. Seit 1989 ist er als freier Schriftsteller tätig. Er hat zahlreiche Theaterstücke, Prosatexte und Lyrik veröffentlicht, die in der Spannung zwischen Strukturen und Experiment stehen. So arbeitete er beispielsweise mit automatisierter Übersetzung, unter anderem im Periodikum Rampe. Seine großen Romane sind dagegen eine Mischung aus phantastischem Realismus, Sprachspiel und Wiener Volksstück. Franzobel stellt "seine Welt" als skurril, voller Humor und Anspielungen auf die Zeitgeschichte dar.

Sein Werk ist von den Dadaisten, der Wiener Gruppe und Heimito von Doderer beeinflusst. Selbst hat er sich einmal als literarischer Aktionist bezeichnet, der vor allem das Konzept des Individualanarchismus verfolgt. Er schreibt auch für Kinder. Übersetzungen seiner Werke liegen bislang in 23 Sprachen vor. wp
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