Coburg
Wirtschaft

Coburger Traditionsunternehmen Gaudlitz streicht Stellen

Der Coburger Kunststoffspezialist Gaudlitz kündigt gravierende Einschnitte am Standort Coburg an.
Artikel drucken Artikel einbetten
Gaudlitz-Stammsitz in der Callenberger Straße in CoburgFoto: Archiv/Ulrike Nauer
Gaudlitz-Stammsitz in der Callenberger Straße in CoburgFoto: Archiv/Ulrike Nauer

Das Coburger Traditionsunternehmen Gaudlitz ist in der Krise. Um die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Coburg zu sichern, kündigt das Unternehmen "eine konsequente Neuorientierung" an. "Um nachhaltig wettbewerbsfähig zu bleiben", stelle sich der Kunststoffspezialist "zukünftig neu auf", kündigte Gaudlitz am Dienstag an.

Wieviele der derzeit 283 Arbeitsstellen vom geplanten Abbau bedroht sind, wollte Gaudlitz-Geschäftsführer Niels Roelofsen zunächst nicht verbindlich sagen. Auf Nachfrage räumt er dann ein, dass sich der Abbau im Bereich um zehn Prozent bewegen könne.

Zur Begründung verweist Gaudlitz in einer Erklärung auf die Geschehnisse in der Automobilindustrie, von der nicht nur die Hersteller, sondern besonders auch die Zulieferbetriebe betroffen seien. Bislang habe man versucht, dem Kostendruck durch Optimierung von Prozessen zu begegnen. Das habe einige Jahre gut funktioniert. Dieses Potenzial sei nun aber ausgeschöpft, so Roelofsen.

Druck der Kunden

Nachdem am Dienstag zunächst die Führungskräfte und der Betriebsrat informiert wurden, schloss sich mittags eine Belegschaftsversammlung an. Der Druck der Kunden nehme stetig zu., beklagt das Coburger Traditionsunternehmen, das auf eine bisher über 80-jährige Firmengeschichte in der Herstellung hochpräziser Kunststoffteile und -baugruppen zurückblickt. "Unser Bestreben ist es, uns ein bisschen zu verschlanken und uns auf unsere Kernkompetenz zu besinnen", erklärt der Geschäftsführer und gibt sich zugleich grundsätzlich optimistisch. "Wir haben einen sehr guten Kern".

Harter Wettbewerb

"Die internationalen Wettbewerber produzieren zu deutlich niedrigeren Personalkosten als uns dies am Stammsitz Coburg von Gaudlitz möglich ist und bieten Konditionen, bei denen wir nicht mithalten können", sagt Geschäftsführer Niels Roelofsen in einer Mitteilung des Unternehmens. Der Stellenabbau sei "nicht schön, aber eine notwendige Maßnahme, um uns zukunftssicher zu machen", fügt Roelofsen im Gespräch hinzu.

Abläufe auf dem Prüfstand

"Wir werden unsere Vertriebsaktivitäten sowohl in unserem Kerngeschäft als auch in Branchen außerhalb der Automobilindustrie stärken", erklärt Niels Roelofsen, "und parallel werden wir unsere innerbetrieblichen Strukturen und Abläufe konsequent auf den Prüfstand stellen". Konkret werde daran gedacht, die Aktivitäten im Bereich Industrie- und Medizintechnik auszubauen.

Die Neuausrichtung solle möglichst schnell eingeleitet werden, "um das Unternehmen Gaudlitz in allen Bereichen am Standort zukunftsfähig auszurichten". Roelofsen kündigte deshalb "umgehend Gespräche mit der Arbeitnehmervertretung" an. Der Geschäftsführer gab sich zuversichtlich, dass das Unternehmen das Ziel der nachhaltigen Standortsicherung mit der geplanten Strategie erreichen werde: Wesentliche Teile des Unternehmens Gaudlitz und damit auch das Kerngeschäft sollen bleiben erhalten.

Arbeitskosten senken

Der Fahrplan ist klar. Gaudlitz werde "in den nächsten Monaten mit externer Unterstützung die Organisation in der Produktion und in der Verwaltung untersuchen und optimieren". Ziel sei eine deutliche Verbesserung der Produktivität und eine deutliche Senkung der Arbeitskosten.

Gaudlitz, so der Geschäftsführer weiter, habe in seiner langen Unternehmensgeschichte schon einige schwierige Situationen erfolgreich gemeistert und blicke positiv in die Zukunft. Vor rund einem Jahr gab es negative Schlagzeilen um Gaudlitz in Coburg. Die IG Metall warf der Geschäftsführung von Gaudlitz vor, sie missachte die Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats und verweigere sich Verhandlungen.

2009 noch 370 Mitarbeiter

Für Gaudlitz gilt ein Haustarifvertrag, der nach Darstellung der IG Metall in Entgelt und Arbeitszeit schlechter sei als der Manteltarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie. Im vergangenen Jahr war von einer Verunsicherung in großen Teilen der Belegschaft die Rede gewesen. Allein 30 Beschäftigte bei Gaudlitz hätten innerhalb des vergangenen Jahres gekündigt und bei Konkurrenzfirmen angeheuert, hieß es im Juli 2018. Dennoch gab sich Roelofsen optimistisch, mit der Gewerkschaft eine möglichst sachliche und schnelle Lösung zu finden, um das Unternehmen zu verschlanken. Schon für den Nachmittag habe er sich mit dem Betriebsrat verabredet, um das weitere Vorgehen zu besprechen, erklärte Jürgen Apfel, Geschäftsführer IG Metall Coburg.

Schon vor rund zehn Jahren hatte Gaudlitz mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Noch im Jahr 2009 zählt der Stammsitz in Coburg 370 Mitarbeiter. Als Grund für den Abbau eines Teils der Arbeitsplätze nannte das Unternehmen damals die schwache Auftragslage der Automobilindustrie, mit der ein Großteil des Umsatzes erwirtschaftet wurde.jb

Zur Geschichte des Unternehmens

Oskar Gaudlitz

gründete das Unternehmen zur Duroplastverarbeitung 1937 im Kanonenweg. Nach seinem Tod 1945 führen seine Kinder Elisabeth und Karl das Unternehmen weiter. Sie etablieren 1949 den eigenen Werkzeug- und Formenbau und bauen 1955 ein neues Werk an der Callenberger Straße. 1958 kommt die Verarbeitung von Thermoplast-Kunststoffen dazu, 1970 entsteht das markante fünfstöckige Betriebsgebäude mit dem Buntglasfenster. Auch in den Folgejahren expandierte das Unternehmen: 1986 wurde das Ausbildungszentrum eingerichtet, 1991 die neue Halle für die Thermoplastverarbeitung eingeweiht. 2004 ging das Werk in Wuxi (China) in Betrieb, 2007 folgte die Produktionsstätte in Dacice (Tschechien).

Eigentümer

1992 verkaufte die Familie Gaudlitz das Unternehmen an die Wasag Chemie AG mit Sitz in Essen, die sich damals neu ausrichtete. Die Wasag war ein führender Sprengmittelhersteller gewesen, 2001 wurde die Wasag mit der zur H & R-Gruppe gehörenden Schmierstoffraffinerie Salzbergen GmbH verschmolzen. Inzwischen führt der H&R-Konzern Gaudlitz als eigenes Unternehmen in der Sparte Kunststoffe. Die H&R selbst hat bei ihrer Gründung 1919 als Schwerpunkt den An- und Verkauf von Weißölen und Vaseline. Schon bald gesellen sich eigene Raffinerien und die Entwicklung von chemischen Produkten aus Rohöl dazu - inzwischen werden laut H&R-Homepage über 800 Produkte hergestellt und verarbeitet.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren