Coburg
Probenbesuch

Coburg freut sich auf die Erstaufführung von Brittens "War Requiem"

Benjamin Brittens "War Requiem" gilt als eine der wichtigen sakralen Kompositionen des 20. Jahrhunderts. Am 24. November erlebt das Werk seine Erstaufführung in der Morizkirche - als Koproduktion zwischen dem Coburger Bachchor und dem Landestheater.
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Konzentriert probt der Coburger Bachchor für die Erstaufführung von Benjamin Brittens "War Requiem". Das Werk erklingt am 24. November in der Morizkirche. Fotos: Jochen Berger
Konzentriert probt der Coburger Bachchor für die Erstaufführung von Benjamin Brittens "War Requiem". Das Werk erklingt am 24. November in der Morizkirche. Fotos: Jochen Berger
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Manche Wünsche brauchen einfach etwas länger Zeit, bis sie in Erfüllung gehen. Schon als Student der Kirchenmusik war Peter Stenglein fasziniert von Benjamin Brittens "War Requiem". Viele Jahre später kann sich Stenglein nun als Kirchenmusikdirektor und Kantor an St. Moriz endlich den Wunsch erfüllen, dieses Werk zu dirigieren. Am Sonntag, 24. November, leitet er die Coburger Erstaufführung dieser im Dezember 1961 vollendeten Totenmesse. Die Aufgabe am Dirigentenpult teilt sich Stenglein bei diesem ungewöhnlichen Werk mit Lorenzo Da Rio. Der Chordirektor und Kapellmeister des Landestheaters wird bei diesem Konzert das Kammerorchester und die beiden männlichen Vokalsolisten dirigieren.

Akribische Probenarbeit

Schon seit April bereitet Stenglein den Coburger Bachchor auf diese Aufführung vor.
"Im Vergleich zur h-Moll-Messe ist das für den Chor zwar weniger zu singen", sagt Stenglein, aber "die Schwierigkeit hier liegt im Zusammenklang." Das "War Requiem" ist zwar noch gut verankert in der Tonalität, bietet aber in Harmonik wie Rhythmik manche Herausforderung für den Chor.


Akribisch arbeitet Stenglein deshalb beim Probenendspurt im "Haus Contakt" an der rhythmischen Präzision und an der prägnanten Aussprache. Besonders heikel sind einige polyphone Passagen - etwa die zweite Chorfuge auf den Text "Quam olim Abrahae". "Lass sie, oh Herr, vom Tode hinübergehen zum Leben, das du einstens dem Abraham verheißen und seinen Nachkommen", heißt es an dieser Stelle sinngemäß in der deutschen Übersetzung.

Schrecken des Krieges

Heikel ist hier besonders der häufige Wechsel der Taktarten. "Dieser erste Einsatz muss auswendig gehen. Da müssen wir Blickkontakt haben - das ist ganz wichtig", fordert Stenglein deshalb und lässt den Chor zunächst bewusst in langsamem Tempo singen. Stück für Stück setzt sich so die Fuge zusammen, gewinnt Kontur und rhythmische Präzision.

Noch fehlt an diesem Probenabend die instrumentale Dimension des Werkes, aber selbst bei dieser Chorprobe wird schon die packende Ausdruckskraft dieses Werkes spürbar, das zum Gedenken an die Zerstörung der Kathedrale von Coventry durch deutsche Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg entstand und zum klingenden Symbol der Versöhnung wurde. Außergewöhnlich bereits die Dramaturgie des "War Requ iems". Schließlich kombinierte Britten den tradierten Text der lateinischen Totenmesse mit Gedichten des britischen Lyrikers Wilfred Owen, der 1918 sein Leben im Ersten Weltkrieg verlor.


Owens Verse beschreiben den Schrecken des Kriegs mit schonungsloser Härte und schenken zugleich Hoffnung - Hoffnung auf Versöhnung, die am Schluss des Werkes anklingt ("Let us sleep now" - "Lass uns jetzt schlafen"). Schon die von Benjamin Brittens selbst dirigierte Erstaufnahme des Werkes unterstrich in der Besetzung der Solostimmen diesen Gedanken der Versöhnung mit der russischen Sopranistin Galina Wishnewskaja, dem britischen Tenor Peter Pears und dem deutschen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau.


Mehr als ein halbes Jahrhundert lang nach der Uraufführung am 30. Mai 1962 in Coventry musste das Coburger Publikum auf die Erstaufführung in der Vestestadt warten. Dabei gibt es sogar eine sehr frühe Verbindung zwischen einem der Uraufführungs-Interpreten und Coburg. Denn im Dezember 1971 gastierte der Tenor Peter Pears, Lebensgefährte Benjamin Brittens, beim Coburger Bachchor. Bei der Aufführung von Bachs "Weihnachts-Oratorium" zur Wiedereröffnung der damals renovierten Morizkirche sang Pears den Part des Evangelisten.

"Volksgemurmel im Himmel"

Textverständlichkeit - darum geht es Peter Stenglein bei seiner Probenarbeit gleich in doppelter Hinsicht. Der Chor soll nicht nur präzis und deutlich artikulieren, sondern die Musik stets auch von der Aussage des Textes her in ihrem Ausdruck erfassen und interpretieren. Immer wieder benutzt Stenglein anschauliche Vergleiche zur Erklärung. So ist im Sanctus mit der Huldigung an Gott Zebaoth die Rede davon, dass Himmel und Erde Gottes Ruhms voll seien ("Pleni sunt coeli et terra gloria tua").


Britten hat diese Stelle als chorischen Sprechgesang gestaltet. Stenglein nennt das anschaulich "Volksgemurmel im Himmel", um seine gestalterischen Vorstellungen deutlich werden zu lassen. Wenn aus diesem chorischen Gemurmel dann der Sanctus-Jubel hervorbricht, zählt dies zu den vielen packenden Stellen eines ungewöhnlichen Werkes.


Ein Werk und seine Interpreten


Konzert-Tipp Benjamin Britten "War Requiem" Sonntag, 24. November, 16 Uhr, St. Moriz; Coburger Bachchor, erweiterte Jugendkantorei St. Moriz, Celeste Siciliano (Sopran), Jan Korab (Tenor), Martin Trepl (Bariton), Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Leitung: Peter Stenglein und Lorenzo Da Rio. - Eintrittskarten im Vorverkauf beim "Coburger Tageblatt" sowie an der Theaterkasse.

Benjamin Britten
, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, begann 1960 mit den Planungen für sein "War Requiem", das dem Gedenken an die Opfer des Krieges sowie an die zerstörte Stadt Coventry gewidmet ist. Die Uraufführung des "War Requiem" im Mai 1962 und die im Anschluss veröffentlichte Aufnahme unter Leitung des Komponisten wurden zu Benjamin Brittens größtem Erfolg.
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