Coburg
Jahrestag

Coburg feiert die Einheit - und diskutiert über Soljanka

Manch Geschichte rund um die deutsche Teilung ist sprichwörtlich "schwere Kost". Zum Glück gab es bei der Mauerfall-Veranstaltung in Katharina von Bora auch Soljanka. Am klassischen Ost-Gericht scheiden sich jedoch die Geister.
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Obwohl Soljanka nicht jedermanns Sache ist: Bettina Rösch bekam für ihre in Katharina von Bora servierte Kreation sehr viel Lob.Foto: Oliver Schmidt
Obwohl Soljanka nicht jedermanns Sache ist: Bettina Rösch bekam für ihre in Katharina von Bora servierte Kreation sehr viel Lob.Foto: Oliver Schmidt
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Was braucht es für eine richtig schöne Soljanka? Vor allem sauer eingelegtes Gemüse, allen voran Gewürzgurken. Bei der fleischigen Variante des typischen Ost-Gerichts empfiehlt sich außerdem Jagdwurst - und je nach Geschmack sowie der aktuellen Situation auch noch alles, was sich sonst so in der Küche findet. Schließlich gilt Soljanka auch als klassisches Reste-Essen. Was aber bitteschön niemals fehlen sollte: ein Klacks Schmand obendrauf.

Was braucht es für eine richtig schöne Jubiläumsfeier zu "30 Jahre Mauerfall"? Vor allem Menschen, die sich dankbar erinnern wollen. Davon hatten sich am Samstag in der ohnehin sehr aktiven Kirchengemeinde Katharina von Bora (KvB) sehr viele eingefunden. Dazu gab es Musik und Worte, die zum Nachdenken anregten. Und natürlich gab es auch Soljanka, die nach dem Gottesdienst beim gemütlichen Beisammensein gereicht wurde.

Bodo Chudasch ist ein Freund klarer Worte. Er, der 1989 bei der Nationalen Volksarmee der DDR seinen Dienst verrichtete, hatte im Gottesdienst gesagt: "Mir ging damals ganz schön der Arsch!" Denn: "Das hätte auch anders ausgehen können." Doch zum Glück wurde es eine friedliche Revolution. 30 Jahre später fand sich Bodo Chudasch jetzt in Coburg wieder, spielte mit seinem Musikerkollegen Sven Müller so wunderschöne Balladen wie "Brüder" (von der West-Band Pur) oder "Jugendliebe" (von der Ost-Sängerin Ute Freudenberg) und gönnte sich anschließend eine Soljanka. Bodo Chudasch blieb aber auch beim Essen ein Freund klarer Worte. "Ich bin kein Soljanka-Fan", gab er ganz offen zu und verriet auch den Grund dafür: "Ich habe das als Kind so oft essen müssen!" Für die in KvB servierte Soljanka hatte er aber ein Lob parat: " Doch, ich muss sagen: die schmeckt gut!" Das freute allen voran natürlich Bettina Rösch, die dem Kirchenvorstand angehört und die Soljanka zubereitet hatte. Wie bitte? Eine Wessi-Frau? Da musste Bodo Chudasch schmunzeln: "Da hat aber bestimmt ein Ossi mitgemischt!"

Rezept aus dem Erzgebirge

Nun ja, zumindest indirekt: "Ich hatte seit 1975 ein Patenkind im Erzgebirge, das ich auch regelmäßig besuchen konnte", erzählt Bettina Rösch. "Und bei jedem Besuch gab es Soljanka!" Bettina Rösch verzieht dabei das Gesicht und sagt ganz ehrlich: "Ich mag eigentlich bis heute keine Soljanka." Für die Jubiläumsfeier hatte sie übrigens auch noch eine Knackwurst hineingeschnippelt - "das wurde im Erzgebirge immer so gemacht!"

Das schmeckte auch Mario Liedler, der aus Jena stammt und heute mit dem Pfarrer von Katharina von Bora, Detlev Juranek, in Coburg zusammenlebt: "Frau Rösch macht das richtig gut!" Juranek selbst musste krankheitsbedingt die Leitung des Gottesdienstes abgeben - Pfarrer Peter Meyer von St. Markus sprang ein. Für die Predigt in Form einer "Kanzelrede" war mit dem Bürgermeister von Lauscha, Norbert Zitzmann, ohnehin ein Gast engagiert.

Detlev Juranek, eingehüllt in einen dicken Schal, ließ es sich aber nicht nehmen, im Gemeindesaal vorbeizuschauen. "Ich esse jetzt mal eine Soljanka", sagte er lächelnd, "vielleicht geht's mir danach ja besser!"

Ausstellung eröffnet

Bei der Veranstaltung zum 30. Jahrestages des Mauerfalls wurde in der Kirchengemeinde Katharina von Bora (Heimatring) auch eine kleine Ausstellung eröffnet. In ihr berichten Menschen aus der Gemeinde, wie sie die Wendezeit erlebt haben. Unter anderem sind auch noch einmal alle Tageblatt-Artikel zu sehen, die 2014 beim Projekt "Grenzerfahrung" entstanden sind. Damals wanderten - aus Anlass von "25 Jahre Mauerfall" - Tageblatt-Redaktionsleiter Oliver Schmidt sowie Thomas Apfel von Radio Eins die ehemalige innerdeutsche Grenze entlang. Sie hatten viele spannende Begegnungen mit Menschen, die ihnen zum Teil sehr bewegende Geschichten erzählten.

Besonders in Erinnerung geblieben ist den beiden Journalisten eine ältere Frau im thüringischen Dorf Mogger. Sie kam gerade mit dem Bus aus Sonneberg zurück; dort hatte sie eingekauft - und zwar so viel (beziehungsweise: so wenig), wie eben in die kleine Tasche an ihrem Rollator passte. Erst wollte die Frau gar nichts erzählen über "damals". Aber dann kam sie doch ins Plaudern. Und ihre Geschichte berührte die beiden Journalisten sehr: "Meine Schwester floh 1946 nach Neustadt. Bis 1989 durften wir uns nicht sehen. Man kann also also sagen: Wir wurden als Kinder getrennt und als Omas hatten wir uns wieder." Es war mucksmäuschenstill in Mogger geworden - Schmidt und Apfel suchten nach passenden Worten. Die Frau hingegen suchte plötzlich nach etwas ganz anderem: "Ich möchte ihnen etwas zur Stärkung für die weitere Wanderung mitgeben", sagte sie und kramte in ihrer Tasche. Schließlich schenkte sie den beiden eine Packung Studentenfutter - lächelte und lief langsam weiter.

Studentenfutter hat Ehrenplatz

"Ich hatte ein schlechtes Gewissen", gibt Oliver Schmidt zu. "Diese alte Frau hat Strapazen auf sich genommen, um ein bisschen einzukaufen - und dann schenkt sie uns auch noch einen Teil dieses Einkaufes." Deshalb stand der Redakteur vor einem Gewissenskonflikt: Darf er das Studentenfutter einfach so naschen? Oder sollte damit etwas Besonderes geschehen? Die Antwort, die sich Schmidt gegeben hat, ist noch heute in seinem Büro in der Tageblatt-Redaktion zu sehen: Die Packung Studentenfutter hat einen Ehrenplatz bekommen. "Sie erinnert mich täglich an diese ältere Frau, an unsere spannende Wanderung entlang der ehemaligen Grenze - und damit natürlich auch insgesamt an die deutsche Teilung und den Mauerfall."

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