Seßlach
Geschichte

Bustour an die ehemalige Grenze

Wie sah das Leben an der innerdeutschen Grenze aus? Teilnehmer einer Gedenkfahrt erinnern sich unter anderem an bange Momente bei der Einreise.
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Rosemarie Späth hat ein Foto von der Grenzöffnung in Erlenbach mitgebracht.  Fotos: Bettina Knauth
Rosemarie Späth hat ein Foto von der Grenzöffnung in Erlenbach mitgebracht. Fotos: Bettina Knauth
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Zu "Grenzgängern" wurden in der vergangenen Woche Menschen auf Einladung des Regionalmanagements der Coburg Stadt und Land aktiv GmbH: Bei zwei identischen Bustouren warfen sie - aus Anlass des 30. Jubiläums der Grenzöffnung - einen Blick hinter die Kulissen historischer Orte entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Erster Programmpunkt der Rundtour war die Gedenkstätte "Innerdeutsche Grenze - Grenzübergangsstelle Eisfeld-Rottenbach": Im früheren Grenzturm schilderte der Eisfelder Museumsleiter Heiko Haine nicht nur das unbarmherzige Prozedere bei der damaligen Einreise in die DDR und den Aufbau einer der "bestbefestigten innerdeutschen Grenzübergänge überhaupt", sondern berichtete auch aus seiner Familiengeschichte. "Ursprünglich bildete der Rennsteig die Grenze", berichtete Haine. Dass sie dann wanderte und fränkisches Gebiet durchschnitt, sei einem Gebietstausch zwischen den Besatzungsmächten in Berlin geschuldet gewesen.

Der Eisfelder beschrieb, wie die Befestigungsanlagen von einem nur 1,20 Meter hohen "Gartenzaun" mit nur gelegentlichen Patrouillen entlang der 1378 Kilometer langen Grenze zu einem hochgesicherten Bollwerk ausgebaut wurden, das Schmuggel, Grenzgänge und Fluchtversuche unterband. Der frühere BGS-Beamte Klaus Edler (Dörfles-Esbach) hatte viele Fotos von den Grenzanlagen mitgebracht.

Erst nach dem Tod seines Vaters erfuhr Haine aus dessen 700 Seiten starker Stasi-Akte, dass er zwei Mal zu flüchten versuchte. Was Haines Vater bei seiner Flucht erlebt hat, kann jeder Besucher mit Hilfe der simulierten Anlage im Keller des Grenzturms nachvollziehen: Hat der Flüchtende erst einmal das Signal ausgelöst, hüllen ihn die Scheinwerfer in taghelles Licht, eine Stimme fordert zum Stehenbleiben auf, Hundegebell ertönt und ein Schuss fällt. Eine beklemmende Erfahrung.

Mitreisende erzählen von eigenen "Gänsehaut-Erfahrungen" beim hier seit 1973 möglichen "Kleinen Grenzverkehr", schon wegen der Unnahbarkeit der Kontrolleure von der Staatssicherheit. Margit Hoffmann aus Grub am Forst erlebte, welche Probleme die Einweisung auf "Spur Eins" bedeutete. In einer Garage wurde das Auto komplett auseinandergenommen und musste vom Besitzer selber wieder zusammengesetzt werden. Sie sagte: "Die wenigsten in der DDR ahnten, was wir Westler durchmachten, um zu Besuch zu kommen."

Ärger gab es schon, wenn bei der Vorkontrolle noch der West-Radiosender eingestellt war. Bei "Spur Nummer Drei" wurde zwar kein Fahrzeug zerlegt, aber unbemerkt der abgenommene Ausweis auf einem Förderband weiter transportiert und komplett dokumentiert. Das habe ihn an dieser menschenverachtenden Grenze am meisten erschreckt, sagte Haine.

Beim Mittagessen im Landgasthof Wacker (Gauerstadt) berichtete der ehemalige bayerische Grenzpolizist Bernhard Guske von seinen Erfahrungen bei der Grenzöffnung. Er erinnerte sich an leer gekaufte Geschäfte und frierende Besucher, die im Stau in ihren Trabis vom Roten Kreuz versorgt wurden, an Bauwagen und Notstrom-Aggregate an der Grenze. Viele Besucher aus dem Osten baten um Straßenkarten, weil sie aus Mangel an Papier über keine verfügten.

"Wenn wir die Lehren aus der Vergangenheit vergessen, dann wiederholt sich die Geschichte", mahnte der langjährige Seßlacher Bürgermeister Hendrik Dressel, den die Reisegruppe am Ummerstädter Kreuz traf. In seiner Begleitung befanden sich der ehemalige Grenzpolizist Willi Beetz und der frühere DDR-Grenzaufklärer Walter Bauer.

Das Symbol der Teilung

Zwei, die sich einst beobachteten und erst nach der Grenzöffnung trafen. Die ehemaligen Kontrahenten erinnerten an die 1,6 Millionen Landminen, die entlang der Grenze verlegt waren. Als wären der drei Meter hohe Streckmetallzaun, Kfz-Graben, sechs Meter Spurensicherungsstreifen, Kolonnenweg und der zwei Meter hohe Signalzaun nicht schon Sicherung genug gewesen. 1952 wurde die Sperrzone eingerichtet, in deren Folge in der "Aktion X" (später "Aktion Ungeziefer" genannt) "politisch nicht unbedenkliche" Personen (Haine) deportiert und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht wurden. Für Dressel ist das 1963 von geflohenen Deportierten errichtete Kreuz "das Symbol der Teilung Deutschlands". Als Mosaikstein zeige es deren Tragik und Trauer.

Von Ummerstadt wanderte ein Teil der Gruppe weiter zur Gedenkstätte Billmuthausen, mitten durch den ehemaligen Schutzstreifen. Das laut Dressel einst "wunderbar funktionierende Dorf" mit Gutshof, Kirche, Mühle, Post und Einkaufsmöglichkeit wurde 1978 platt gemacht. "Die Bewohner haben sich schon gewehrt, doch sie hatten keine Chance", schilderte Bauer. Nach den Zwangsaussiedlungen hätten die Zurückgebliebenen stillgehalten, in dem Bewusstsein, dass es auch sie jederzeit treffen könnte, sagte Hans-Jürgen Dinter, Leiter des Zweiländermuseums in Streufdorf, der letzten Station. Hier informiert derzeit die Sonderausstellung "Grenzenlos" mit vielen Bildern von Zeitzeugen über die Grenzöffnung im Rodachtal.

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