Meeder
30 Jahre Mauerfall

Busfahrer im Sperrgebiet zwischen DDR und BRD: Oberfranke wurde Zeuge schlimmer Demütigungen

Zittern, Schweigen, Schikane - Rudi Scheler hat von 1981 bis 89 in seinem Bus Menschen über die deutsch-deutsche Grenze gefahren. Er wurde nicht nur Zeuge schlimmer Demütigungen durch die Grenzpolizisten. Am Tag der Grenzöffnung war er der Erste, der Passagiere in den Westen fuhr. Vier Jugendliche hatten ein besonders Ziel.
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Rudi Scheler war Busfahrer im Grenzgebiet zwischen DDR und BRD.  Foto: Cindy Dötschel
Rudi Scheler war Busfahrer im Grenzgebiet zwischen DDR und BRD. Foto: Cindy Dötschel
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Er steuert seinen Bus über die Panzersperre und hält wenige Meter weiter. Ein Grenzpolizist salutiert und verlangt seinen Reisepass. Dann öffnet sich die Schranke, der Bus darf in einer der sieben Einfahrten halten. Rudi Scheler zieht Handschuhe über. Er beginnt, eine Klappe nach der anderen zu öffnen. Alles geschieht unter Beobachtung der Volks- und Grenzpolizisten.

"Es hätte ja sein können, dass sich in einer der Klappen über den Sitzen ein Mensch versteckt", erinnert sich Scheler. Ein sarkastischer Unterton klingt in seiner Stimme mit. Der 67-Jährige war Busfahrer. Regelmäßig fuhr er mit seinem Bus ins Sperrgebiet zwischen der ehemaligen DDR und der BRD.

"Von hier aus konnten sie bis zur Panzersperre alles überblicken." Schelers Blick schweift aus dem Fenster des ehemaligen Wachturms zu einem blauen Schild, das den Weg zur Autobahn weist. Vom ehemaligen Grenzübergang Eisfeld-Rottenbach ist nur noch der Wachturm geblieben. Eine Tankstelle steht dort, wo einst die Fahrzeuge kontrolliert wurden.

Die Dauer der Kontrollen war willkürlich

In der ehemaligen DDR fuhr ein Bus in Eisfeld los, Schelers Route begann in Coburg und führte über Lautertal bis zum Grenzübergang. Im Sperrgebiet stiegen die Passagiere um. "Aus dem Osten fuhren hauptsächlich Senioren mit. Jüngere Leute bekamen nur selten eine Genehmigung, wegen der Fluchtgefahr." Auch Wessis nutzten den Transfer, für Besuche bei Verwandten in der DDR. "In meinem Bus war es totenstill, streckenweise haben die Menschen am ganzen Körper gezittert", erzählt der Meederer.

Selbst sein Körper habe nach der Fahrt durch die Panzersperre Spannung angenommen, erst nach einigen Wochen gewöhnte er sich an die Prozedur von vier aufeinanderfolgenden Kontrollen.

Wie lange die Kontrollen dauerten, hing von den Grenzpolizisten und Zollbeamten ab. "Sie wussten genau, dass ich Sonntag um 12.40 Uhr Feierabend habe und um 15 Uhr Fußball spiele. Wenn ihnen etwas gegen den Strich ging, haben sie mich grundlos stehen lassen. Ich habe es oft nicht pünktlich geschafft." Einem Kollegen wurde die Schikane zu viel, er habe im Sperrgebiet Bananen gegessen und so provoziert, dass er in der DDR nicht mehr erwünscht war.

Schikane im Sperrgebiet

Scheler musste oft dabei zusehen, wie das Grenzpersonal Zivilisten demütigte. Drei Damen, die über 70 Jahre alt waren, mussten sich komplett ausziehen. "Eine Frau hatte eine Brosche, eine ein Medaillon und eine eine Strickzeitung dabei - die Sachen waren nicht beim Zoll angemeldet." Auch ein Paar aus München mit einem goldenen Mercedes ist Scheler im Gedächtnis geblieben. Sie sind aus dem Wagen gestiegen, was untersagt war. Die Grenzpolizisten hätten das Auto daraufhin komplett auseinandergebaut. In wieder einem anderen Fall habe ein Mädchen im Rollstuhl einen Anfall in seinem Bus bekommen. "Die Grenzpolizisten hatten ihr das Tagebuch weggenommen."

Trotz allem hat Scheler auch die ein oder andere positive Erinnerung an die Zeit. Zum Beispiel an einen Busfahrer aus der DDR, dem er immer Schnupftabak mitgebracht hat, oder an den Tag, an dem die Grenze geöffnet wurde. "Ich war der Erste, der nach der Öffnung der Grenze mit dem Bus nach Eisfeld fahren durfte", sagt Scheler stolz. Als die Nachricht kam, hatte er gerade Schicht. Abends bekam er die Erlaubnis, durch das Sperrgebiet nach Eisfeld zu fahren. Am Bahnhof hat Scheler vier Jugendliche mitgenommen, die nach Coburg in die Disco wollten. Die nächste Disco war allerdings erst im sieben Kilometer entfernten Meschenbach, das nicht auf Schelers Route lag. "Auf der Fahrt haben wir uns unterhalten, es war ein Traum."

Die Jugendlichen waren seelig

Scheler hat seinen Bus in der Betriebsstelle in Coburg abgestellt, getankt und die Jugendlichen mit seinem privaten Auto nach Meschenbach gefahren. "Sie waren seelig und haben sich 100 Mal bedankt", berichtet er. Sein Bruder hat an diesem Tag seinen 50. Geburtstag gefeiert, Scheler ist zu spät gekommen.

Heute fährt er regelmäßig an dem Ort vorbei, wo seine Busfahrt bis vor 30 Jahren im Sperrgebiet endete. "Ich erinnere mich noch genau an die Gebäude und den Verlauf der Straße." Er blickt aus dem Fenster des Grenzturms nach links. Dorthin, wo sein Bus früher täglich durchsucht wurde.

Interview: Tägliche Passkontrollen auf dem Weg zur Arbeit

Nach der Öffnung der Grenze arbeitete Christiane Lehman, Redakteurin beim Coburger Tageblatt, in der Redaktion des Südthüringer Tageblatts. 30 Jahre später erinnert sie sich:

Warum sind ausgerechnet Sie nach Sonneberg? Hatten Sie andere Voraussetzungen als Ihre Kollegen?

Christiane Lehmann: Die Wahl fiel damals auf mich, wahrscheinlich auch, weil ich jung und hochmotiviert war. Das Thema hatte mich seit meiner Kindheit begleitet, da meine Großeltern aus dem Grenzstreifen von Neuhaus-Schierschnitz nach Coburg geflüchtet waren. Die DDR war in unserer Familie sehr präsent. Ich kannte aus Erzählungen praktisch jeden kleinen Ort im Landkreis Sonneberg.

Wurde in der Sonneberger Redaktion anders gearbeitet als in Coburg?

Oh ja. Wir hatten ja nicht einmal ein gut funktionierendes Telefon. Bei meinem ließ sich die 2 nicht drücken. Und die Verbindung nach Coburg lief über ein Funktelefon im Format eines Kofferradios. Mehr schlecht als recht, würde ich sagen, weil der Kontakt oft unterbrochen wurde oder gestört war.

Aber auch inhaltlich lief alles anders. Die Menschen waren überhaupt nicht gewohnt, dass ihre persönliche Geschichte von Interesse ist. Terminjournalismus kannten sie nicht. Wir bekamen also kaum Einladungen zu Veranstaltungen oder Sitzungen. Das heißt, wir waren immer auf der Suche nach Themen - und die lagen tatsächlich zuhauf auf der Straße. Das hat viel Spaß gemacht und war unglaublich spannend. Irgendwie war da Pioniergeist bei uns allen spürbar und wir wurden zu Geschichts-Schreibern.

Gab es, als ihr das erste Mal nach Sonneberg gegangen seid, noch Kontrollen? Wie lief das Überqueren der nicht mehr vorhandenen Grenze ab?

Natürlich gab es noch Kontrollen. Zum Glück hatte mein Kollege Rainer Lutz ein Visum für den kleinen Grenzverkehr, mit dem er gleich nach der Grenzöffnung im November 1989 einreisen konnte. Wir haben im Mai 1990 die Redaktion in Sonneberg bezogen. Die Wiedervereinigung war erst am 3. Oktober. Das heißt, wir passierten die Grenze zur DDR. Ich musste täglich meinen Ausweis vorzeigen. Zum 1. Juli 1990 wurden die Kontrollen an der innerdeutschen Grenze aufgehoben. Die Fragen stellte Cindy Dötschel.

Hintergrund Das Grenzmuseum Eisfeld-Rottenbach

Anlässlich des 25. Jahrestages der Grenzöffnung wurde am 9. November 2014 das neu gestaltete Museum beim ehemaligen Grenzübergang Eisfeld-Rottenbach eröffnet. Das Museum befindet sich in einem ehemaligen Grenzturm. Ausgestellt werden sowohl altes Fotomaterial als auch Dokumente. Anhand eines Modells bekommen die Besucher des Museums ein Bild davon, wie es um den Wachturm herum vor der Wende aussah. Mit Scheinwerfern, Hundegebell und Lautsprecheransagen der Wachposten wird im Keller des Turms der Weg über die Grenze simuliert.

Historischer Raum Oerlenbach

Im historischen Raum Oerlenbach können Schulklassen und Besuchergruppen sich anhand eines Modells ein Bild davon machen, wie die ehemalige innerdeutsche Grenze aufgebaut war. Vor Ort werden Exponate, wie beispielsweise Uniformen der Grenzpolizisten, Karten, Einsatzpläne, Fahnen, Schilder und Teile des Grenzzauns ausgestellt. Der historische Raum wird von Erwin Ritter und Hilmar Heppt, die beide bei der Bundespolizei arbeiten und bereits während des Kalten Kriegs im Dienst waren, betrieben. Grenzpatrouillen zählten zu Ritters Aufgaben.

Gedenkstätte Point Alpha bei Fulda

Zu der Gedenkstätte Point Alpha gehört unter anderem der 1,4 Kilometer lange "Weg der Hoffnung", der an die innerdeutsche Grenze erinnert. Der Weg befindet sich auf dem Todesstreifen der ehemaligen DDR-Grenzanlagen und ist mit 14 Skulpturen versehen. Anhand einer App können sich die Besucher über die einzelnen Stationen informieren. Bei der Gedenkstelle Point Alpha wurde der Point-Alpha-Preis 2005 für Verdienste um die Deutsche Einheit vor 10 000 Gästen an Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und Georg Bush senior verliehen.

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