Coburg
Premiere

Braucht der deutsche Türke einen Extragrill?

Die sarkastische Komödie "Extrawurst" sorgt kurz nach ihrer Hamburger Uraufführung auch in der Coburger Reithalle für entlarvendes Vergnügen.
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Worum geht es hier eigentlich? Um Existenzielles in jedem Fall. Thomas Straus und Solvejg Schomers in "Extrawurst". Henning Rosenbusch
Worum geht es hier eigentlich? Um Existenzielles in jedem Fall. Thomas Straus und Solvejg Schomers in "Extrawurst". Henning Rosenbusch
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Wenn alles um die Wurst kreist - das wissen die Coburger, die Oberfranken an sich - kann das Leben existenziell werden. Das gesellschaftliche Leben, insbesondere das Vereinsleben. Weil die Bratwurst so wichtig ist, zögert der Tennisclub nicht, ein paar Tausender für den XQ 3010 hinzulegen. Einstimmig beschlossen bei der Mitgliederversammlung, der die Theaterbesucher auf ihren Bierbänken in dieser so witzigen wie tiefgründigen Reithallenproduktion unmittelbar angehören. Vorsitzender Heribert Bräsemann (Thomas Straus) hat die Tagesordnung straff durchgezogen. Und ab ans Buffet. -

Denkste! Es geht um die Wurst, um die "Türkenwurst". Die hartnäckige Melanie (Solvejg Schomers) besteht darauf, für das einzige muslimische Vereinsmitglied, Erol (Florian Graf), einen eigenen Grill anzuschaffen, weil weder er noch seine Wurst aus religiösen Gründen Schweinedampf einatmen sollten. Erol -Anwalt, bester Tennisspieler des Vereins, was soll bei ihm überhaupt noch das Gerede von Integration - will zwar keine Extrawurst. Doch das verhindert nicht, dass sich die Vereinsmitglieder in eine so aberwitzige wie entlarvende "Diskussion" um alles und jedes, Deutschsein, Türke bleiben, Aufklärung, Gottesbilder, Kopftücher, Nazis, Mann und Frau an sich, männliche Konkurrenz, verstricken.

Kommt das Wort Grillwurst im Koran überhaupt vor? Wie lange hat Erol Melanie, die Frau des zwanghaft witzigen Pseudoaufklärers Torsten (Nils Liebscher), nach dem letzten Sieg tatsächlich umarmt? "Deutschland ist eine Oase für dämliche Kanaken und Schmarotzer", brüllt irgendwann nicht der naziverdächtige, immer weiter stänkernde Matthias (Frerk Brockmeyer), sondern Erol.

Am Ende wird es handgreiflich. Der Protokollant (Boris Stark) oben auf seinem Schiedsrichterstuhl ist am Ende seiner Nerven.

Und, was sagst Du dazu?

Die Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, gerade erst uraufgeführt am Hamburger Ohnsorg Theater, ist sozusagen saugut. Wer je Mitglied irgendeiner Organisation, Verein, Partei, Elternbeirat, war, kennt die Dynamik vom guten Willen zur Aggression. Die Autoren bilden die Kommunikationsmechanismen und emotionalen Purzelbäume dermaßen pointiert und treffend ab, dass die Zuschauer in allem Gelächter ganz schön schlucken müssen. Wie jeder jedem das Wort im Munde herumdreht, wie alles misstrauisch hinterfragt und böswillig falsch aufgefasst wird, das ist allein schon hanebüchen genug, im normalen Leben wie in dieser sarkastischen Komödie. Wenn dann noch unter der Oberfläche von Höflichkeit und Gutmenschentum fest zementierte Vorurteile, versteckte Heucheleien und Prägungen wider alle Vernunft sichtbar werden, gibt es kein Halten mehr für das gedeihliche Miteinander.

Wenn ein solch brisantes, aktuelles Thema so witzig und geschickt in ein gut eineinhalbstündiges Stück verpackt ist, dann gibt das dem Theater die beste Chance, in aller Vergnüglichkeit gesellschaftspolitisch zu wirken. Gastregisseur André Rößler (2017 war er hier schon für "Good Bayreuth" verantwortlich) und sein bestens agierendes Schauspielerteam setzen die entlarvende Szenerie so treffend, unser aller Verhalten aufspießend um, dass diese Produktion nichts anderes als ein großer Erfolg werden kann.

Zumal die Zuschauer im perfekt ergänzenden Bühnenraum von Simone Graßmann so tückisch liebevoll umarmt werden, dass sie dem eben gar nicht einfachen Ringen um Toleranz und eigene Standortbestimmung nicht entgehen. Sie dürfen sich, in Zeltatmosphäre vermeintlich gemütlich neben den streitenden Vereinsmitgliedern sitzend, an ihrem Bierchen oder Weinchen festhalten und müssen sich bald zwangsweise fragen, wie sie es denn nun tatsächlich halten mit der "Türkenwurst".

Landestheater Coburg Extrawurst. Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Inszenierung André Rößler, Bühne und Kostüme Simone Graßmann, Lichtregie Klaus Bröck, Dramaturgie Carola von Gradulewski. Darsteller: Thomas Straus, Frerk Brockmeyer, Florian Graf, Solvejg Schomers, Nils Liebscher

Weitere Vorstellungen 14., 15., 28. Dezember, 20 Uhr; 29. Dezember, 18 Uhr, 31. Dezember, 15 und 20 Uhr, in der Reithalle.

Die Autoren Dietmar Jacobs, 1967 in Mönchengladbach geboren, und Moritz Netenjakob (1970 geboren in Köln) haben beide bereits zahlreiche Theaterstücke und Drehbücher verfasst, unter anderem für Fernsehserien wie "Stromberg". "Pastewa" und "Mord mit Aussicht". Außerdem schreiben sie regelmäßig für Satireprogramme. Beide wurden bereits vielfach ausgezeichnet. Moritz Netenjakob schreibt auch erfolgreich Romane ("Macho Man", verfilmt mit Christian Ulmen in der Hauptrolle.)

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