Coburg

"Bolero": Tanz-Leidenschaft in neuem Raum

Mit "Bolero" bietet das Landestheater Coburg drei reizvolle Choreografien renommierter Choreografen an einem Abend. Getanzt wird nach dem großen Wasserschaden im Landestheater vorerst im kurzfristig eingerichteten Theaterraum in der Werkstatt in Cortendorf.
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"Bedtime Stories" Emily Downs und Adrian Stock im neuen Coburger Tanztheater.  Fotos: Henning Rosenbusch
"Bedtime Stories" Emily Downs und Adrian Stock im neuen Coburger Tanztheater. Fotos: Henning Rosenbusch
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"Bolero" steht für Leidenschaft, zunächst verhalten sich steigernde, um zum Schluss geradezu zu explodieren. Mit "Bolero" ist der erste große Tanzabend des Landestheaters dieser Saison überschrieben, bei dem gleich drei renommierte Choreografen um dieses Thema kreisen, in reizvoll unterschiedlichen Körpersprachen.
Die spannende Produktion musste nach dem großen Wasserschaden in der Cortendorfer Werkstatt des Landestheaters zur Premiere gebracht werden. Dort wurde innerhalb weniger Tage tatsächlich ein nicht nur praktikabler, sondern voll wirkungsfähiger, großer Bühnenraum installiert samt einfacher Zuschauertribüne für immerhin 120 Besucher.

Jubel auch für die Techniker

So viel Leidenschaft der Technikabteilung des Landestheaters in Notzeit war Intendant Bodo Busse auch größtes öffentliches Lob wert.
Das von der Premiere und dem Engagement seines Theaters begeisterte Publikum schloss die schüchtern auf die Bühne tretenden Techniker gerührt in seinen Schlussjubel ein. Der von einem Moment auf den anderen geschaffene Theaterraum in bequem zugänglichem Umfeld in Cortendorf verblüfft so sehr, dass man sich gar nicht vorstellen kann, ihn je wieder aufzugeben, erst recht angesichts der bevorstehenden Generalsanierung.

Den schwarzen Raum öffnen Bühnebildnerin Susanne Wilczek mit sparsamen, doch umso wirkungsvolleren Mitteln in der konstruktiven Lichtgestaltung von André Fischer zum Lebensraum für die drei unterschiedlichen Tanzstücke.

Maurice Ravels bereits als Tanzstück angelegten "Bolero" hat der Frankfurter Gastchoreograf Marc Spradling umgesetzt. Aus der Szenerie junger Menschen, die sich suchend, liebend, konkurrierend begegnen, dabei tänzerisch im Klassischen bleibend, aber in markanten ausgreifenden Armbewegungen, mit fliegenden Haaren und eigenwilligen rhythmischen Akzenten, wird ein leidenschaftlicher Tanz der Gemeinschaft.
Das ganze Ballettensemble potenziert die zuvor im einzelnen entwickelten Ausdrucksmuster Marc Spradlings zu hypnotischer Gesamtwirkung in Ravels fulminantem Crescendo. Jetzt gelingt es den zehn solistisch ohnehin immer wieder beeindruckenden Tänzern auch, die zuvor mitunter vermisste Synchronität und Homogenität im Ensemble zu verwirklichen.

Unstimmigkeiten in dieser Beziehung dürften aber gerade jetzt auch der großen Belastung des Ballettensembles geschuldet sein. Von den äußeren Umständen abgesehen, wird ihm mit drei Choreografien in diesem Umfang für einen Abend sehr viel abverlangt.

Umso beachtlicher, wie klar und präzise die unterschiedlichen Sprachen der drei Choreografen ausgebildet und dem Zuschauer sichtbar werden, ihn tatsächlich ansprechen und immer wieder unter die Haut gehen.

Der Moment der Vereinigung

So vor allem auch in Jean Renshaws "Bedtime Stories". Zu dem schwermütig suchenden Streichquartett von Gavin Bryers dringt Renshaw in schlängelnden, sich aufbäumenden und zurückziehenden Bewegungen ein in den Moment der tiefsten Begegnung Liebender, wo verwundene Umarmung der Seelen dem Schrecken der Auflösung begegnet. Bei der Premiere banden Emily Downs und Adrian Stock die Aufmerksamkeit in diesem wunderbaren 15-minütigen Pas de deux. Sie alternieren mit Natalie Holzinger und Niko Ilias König sowie Giselle Poncet und Mariusz Czochrowski. Sie, wie auch Chih-Lin Chan, Takashi Yamamoto und Eriko Ampuku unter anderem in Mark McClains Choreografie boten an diesem Abend immer wieder solistisch Bewegungskunst in faszinierender Ausdrucksstärke.

Das Gelobte Land nicht ganz erreicht

Der Coburger Ballettchef Mark McClain ist eine Stunde lang auf der Suche nach einem neuen Gelobten Land, nach "NoiZion", zur Musik der "Söhne Mannheims" aus ihren Alben "Zion" und "Noiz". (Der in Aussicht gestellte Besuch Xavier Naidoos, mit dem McClain Anfang der 90er Jahre schon zusammengearbeitet hat, wurde allerdings abgesagt.)
Mark McClain erzählt eine Art tänzerische Schöpfungsgeschichte, in der Mann und Frau, Licht und Schatten, Ying und Yang aus der Harmonie ins Chaos fallen.

Gerade in der ersten Hälfte findet McClain zu einer Vielzahl eindrucksvoller Bewegungen, expressiv und wieder sehr innig, Schwarz und Weiß, Liebe und Aggressivität, Verwirrung und Verlorenheit nachvollziehend. Doch das Stück ist viel zu lang, verliert sich irgendwann im Bekannten, endet dann schmerzlich pathetisch unter Xavier Naidoos "Vater unser".

Der hatte vom Band schon vorher zu viel und zu oft den König der Könige und das Heil angerufen, gejammert, dass er "zurück zu dir" will. Wo die "Söhne Mannheims" in einzelnen Stücken Streicherklänge und rhythmische Raffinessen zu ihrer Mischung aus großen Worten und alltäglichen Floskeln interessant verknüpfen können, verkleben zu viele Songs dieser Mischung die Ohren. Mark McClains Choreografie konnte sich dem auch nicht entziehen.

Weitere Termine Zusatzvorstellung am 16. November, 19.30 Uhr, sowie Nachmittagsvorstellung am 17. November, 15 Uhr, nochmals in der Gärtnersleite. Der weitere Spielplan ist abhängig von den Reparaturarbeiten im Großen Haus.
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