Neustadt bei Coburg
Bestandsaufnahme

"Blaue Tage in Neustadt": 40 Jahre Blaues Kreuz Neustadt

Eine couragierte Frau zeigte den Weg aus der Sucht. Ulrike Knauf gründete vor 40 Jahren den Ortsverein des Blauen Kreuzes Neustadt.
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Der Geburtstagskuchen ließ das Engagement der offenen Begegnungsgruppe süß schmecken. Foto: Manja von Nida
Der Geburtstagskuchen ließ das Engagement der offenen Begegnungsgruppe süß schmecken. Foto: Manja von Nida
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Mit den "Blauen Tagen" in Neustadt feierte das Blaue Kreuz im Landkreis Coburg am Wochenende sein Jubiläum "40 Jahre offene Begegnungsgruppe Neustadt". Ulrike Knauf ist eine couragierte Frau. Sie bewies vor 40 Jahren Mut und hob den Ortsverein des Blauen Kreuzes in Neustadt aus der Taufe. Binnen kürzester Zeit entstanden weitere Selbsthilfegruppen (SHG) der Coburger Landkreisgemeinden, in Coburg fünf Jahre später. "Jetzt sind 40 Jahre ins Land gegangen, seitdem der Ortsverband hier von Ulrike Knauf gegründet wurde", erinnerte Gruppenleiter Wolfgang Bauer zum Jubiläumsfestakt im evangelischen Gemeindehaus Schillerstraße.

Das Blaue Kreuz, eine christliche Organisation zur Selbsthilfe von Suchtkrankheiten, wurde vom Schweizer Geistlichen Louis-Lucien Rochat 1877 gegründet. In Deutschland war es Pfarrer Arnold Bovet 1885, der 1885 in Hagen den ersten Verein gründete. Gespräche, gegenseitiger Erfahrungsaustausch und das Einbinden der Angehörigen sollten helfen, sich von der Sucht zu lösen. "Es wurde mir geholfen, da habe ich gesagt, jetzt möchte ich anderen Menschen helfen". Berührend erzählte Ulrike Knauf, wie ihre Lebenssituation sie so weit brachte, ihre Gefühle mit Alkohol zu betäuben. Sie verschwieg auch nicht, welchen harten Weg sie dann ging, um aus dieser Alkoholsucht

wieder herauszukommen. Sie zählte daheim nichts, sie war ein Nichts, laut Vater. Sollte sie plaudern, würde etwas passieren, hatte er angedroht.

Sieben Jahre Therapie

Knauf erzählte ihren traurigen Weg, bis sie eines Tages verstummte, sich zurückzog und Trost im Alkohol suchte. "Mit dem ersten Bier konnte ich dann reden und das war für mich der Anfang vom Ende." Sieben Jahre Therapie, schneller sei es nicht gegangen. "Und das war für mich die Motivation, mich um andere zu kümmern, für andere da zu sein, ihnen Hilfestellung geben." "Es hatte mich wahnsinnig bewegt, wie viele Menschen dank meiner eigenen Erfahrung annehmen konnten, mir zuzuhören. Sie sagten mir, sie würden mir das ganz anders abnehmen, weil ich das selber erfahren habe. Das ist immer ein ganz großes Plus und das habe ich auch so gespürt", erinnerte sich

Knauf. Neustadts Mentalität sei ihr ans Herz gewachsen, dort habe sie das Verlangen gespürt, anderen helfen zu wollen.

Die Ortsvereine entstanden, erst Neustadt, dann Coburg, andere folgten. Knauf arbeitete ehrenamtlich in der Blaukreuz-Stelle Coburg, ohne irgendwelche Zuschüsse. "Ich hatte die ganze Arbeit aus Spenden finanziert. Damals ging ich noch an allen Ecken und Enden dafür betteln. Alles, was ich als Tennislehrerin verdiente, floss in das Blaue Kreuz. Trotzdem war es für mich eine gesegnete Zeit." Dafür sei sie sehr dankbar.

Ein schwieriger Weg

Viele Dinge hätten sie in der SHG miteinander erlebt, Streitgespräche, Auseinandersetzungen, die einfach dazugehörten, wenn der Mensch nüchtern werden wolle. Der damalige Chef von Bayern, Gerhard Hörit, habe vermittelt: Die Dankbarkeit müsse ganz vorne stehen. Dies habe sich bis heute bei ihr gehalten. Die Dankbarkeit, wenn es jemand schaffe, da rauszukommen, sei schon immens. Denn es sei ein schwieriger Weg. "Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zugekommen wäre, ich weiß nicht, ob ich aufgehört hätte, muss ich ganz ehrlich sagen", sagte Knauf.

Stellvertretender Landrat Rainer Mattern sagte: "40 Jahre SHG ist eine hervorragende Leistung, auch eine gesellschaftlich notwendige". Dies mache eine Gruppenarbeit aus. Mattern sagte, er sei mit dem Blauen Kreuz und Knauf weit über ein Jahrzehnt unterwegs gewesen. "Wir haben einiges mit der Jugendarbeit zusammen gemacht, die ersten Organisationen entwickelt, auch Betreuung von Kindern aus suchtkranken Familien." Der Landkreis Coburg finanziere die Kinder- und Jugendarbeit, "weil auch uns bewusst ist, dass eine Selbsthilfeorganisation, die aus sich selbst Kraft und Energie gewinnt, dauerhaft und nachhaltig vehement dranbleibt. "Herzlichen Dank, machen Sie weiter so, tragen Sie den Geist des Blauen Kreuzes und die Selbsthilfegruppenarbeit einfach weiter, stecken Sie andere an mit Ihrer Idee. Und wir wissen alle, allein geht's gar nicht, nur mit Geld geht's auch nicht, was wir alle brauchen, ist Gottes Segen dazu."

Ja nicht gesehen werden!

Die Neustadter SHG ist eine von 1200 in 17 Landesverbänden. "Wir haben an schlechten Tagen zwei Besucher, an guten Tagen 20. Es geht auf und ab, der Bedarf ist da. Aber offensichtlich trauen sich

nicht sehr viele hierherzukommen, um nicht gesehen zu werden. Ich selber bin aus Sonneberg. Und was habe ich gemacht, damit mich in Sonneberg keiner erkennt? Bin nach Coburg zum BK. Ich verstehe das und weiß, dass sich nicht alle Mitglieder öffentlich zeigen wollen. Der Prozess läuft halt und die Sucht hat ihre speziellen Entwicklungsformen", sagte Gruppenleiter Bauer, inzwischen der sechste Gruppenleiter nach Knauf und das jetzt 13 Jahre.

"40 Jahre Blaues Kreuz ist schon etwas Besonderes. Ich habe die Entwicklung des Blauen Kreuzes

damals mitverfolgt und freue mich über das Jubiläum", sagte Zweite Bürgermeisterin Elke Protzmann (CSU). "Im Namen der Stadt Neustadt spreche ich meinen Dank für die geleistete Arbeit, die notwendig ist, aus", sagte sie und überreichte ein Präsent für die Jugendarbeit. Sabine Doerenkamp-Steiner von der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen der Stadt Coburg gratulierte mit einem Korb voller Köstlichkeiten des Farbenkreises für die Glanz- und Schattenseiten des Lebens, um das Leben wieder in den Griff zu kriegen. Es gehöre zum Menschsein, nicht immer stark zu sein und vorbildlich zu leuchten, sagte Pfarrer Michael Meyer zu Hörste. "Wir haben unsere Macken, unsere Brüche, unsere Schwächen. Gott lässt uns da nicht im Stich. Von Gott bist du gehalten, gerade so, wie du bist. Es gibt so viele, die aus ganz verschiedenen Gründen verstummt sind, in der Arbeit des Blauen Kreuzes tauchen solche Menschen auf, die verstummt sind. Aber manchmal trifft man sie auch in der Nachbarschaft. Achten wir so auf unsere Mitmenschen, dass wir mitbekommen und wahrnehmen, wo sie stumm geworden sind?", fragte der Seelsorger. Um aus solch einem Dilemma herauszukommen, komme man in eine Selbsthilfegruppe. Dort dürfe man seinen Gefühlen freien Lauf lassen und werde verstanden. Vorsitzender Jürgen Lauer sagte, die SHG bekomme sehr viel finanzielle Unterstützung aus dem kommunalen Bereich. Er dankte den Ehrengästen für ihr Kommen. Dies sei eine Wertschätzung, damit werde diese Arbeit anerkannt.

Ferner informierte Lauer, alle Beiträge und viele Spenden kämen zum Hauptteil der Kinder- und Jugendarbeit zugute. "Die Kinder- und Jugendarbeit wird ausschließlich von uns bezahlt. Dafür können wir uns eine Hauptkraft leisten. Da kommen im Jahr gut 10 000 Euro zusammen. Wir haben

ein BK-Zentrum in Coburg, das durch hauptamtliche Mitarbeiter betrieben wird, angesiedelt in der Waldsachsener Straße, da haben wir uns drangehängt, sind einigermaßen anerkannt", so Lauer. Ebenso bestehe eine sehr gute und enge Verbindung zur Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen mit

Sabine Doerenkamp-Steiner.

Gruppenleiter seit der Gründung:

1. Ulrike Knauf, 2. Ottmar Jörg, 3.Anneliese

Bauer, 4.Margot und Peter Fischer, 5. Stefan Pudler, 6. Lothar Werner, 7.

Wolfgang Bauer (seit 13 Jahren).

Das Blaue Kreuz unterstützt als Suchthilfeverband suchtgefährdete und suchtkranke Menschen sowie ihre Angehörigen an über 400 Standorten. Das Blaue Kreuz gliedert sich heute in zwei große Bereiche: den ehrenamtlichen, der nach dem Konzept der Selbsthilfe arbeitet, und den professionellen mit seinen Facheinrichtungen und hauptamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die enge Vernetzung dieser beiden Arbeitsbereiche, in der sowohl von der Sucht Betroffene als auch nicht Betroffene arbeiten, ist eine der besonderen Stärken.

Zum Bundesverband Blaues Kreuz in Deutschland e. V. gehören zurzeit 16 Landesverbände sowie Vereine und Begegnungsgruppen an mehr als 400 Orten mit über 10.000 Mitgliedern, Freunden und Förderern. Ebenfalls dazu gehört die Blaues Kreuz Diakoniewerk mildtätige GmbH als Träger unterschiedlicher stationärer und ambulanter Angebote.

Die Mitglieder des Blauen Kreuzes leben aus eigener Betroffenheit oder aus Solidarität alkoholfrei. Freunde und Förderer unterstützen die Arbeit des Blauen Kreuzes materiell und ideell. Quelle: www.blaues-kreuz.de



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