Alle lieben Tosca. Denn Tosca ist ein Star. Wenn sie singt, jubeln ihr die Massen zu. Doch Tosca ist verzweifelt. Sie ist auf der Flucht, weil sie Scarpia, den lüsternen Polizeichef Roms, in höchster Not erstochen hat. In die Enge getrieben, sieht sie keinen Ausweg mehr.

Bevor sie ihren Verfolgern in die Hände fällt, will sie lieber in den Tod springen. In dieser ausweglosen Situation ziehen die letzten Stunden ihres Lebens noch einmal an ihr vorbei.


Große Gesten, große Gefühle

Aber bevor sie tatsächlich springt, beginnt die Oper. So packend, so plakativ, so eindringlich und psychologisch einfühlsam bringt Gastregisseur Hans Walter Richter "Tosca" auf die Bühne des Landestheaters. Das Coburger Premierenpublikum - es ist begeistert und beschert dem Direktoren-Gremium einen ausdauernd umjubelten Start in die erste Spielzeit nach der erfolgreichen Intendanz Bodo Busses.


Wie aber kann man eine Oper wie Puccinis "Tosca", die Jahr für Jahr in Hunderten von Inszenierungen rund um den Globus auf den Spielplänen steht, tatsächlich neu deuten? Hans Walter Richters Antwort ist ebenso einfach wie einleuchtend und eindringlich im Resultat. Richters Regie verzichtet ganz bewusst darauf, die Dramaturgie des Stücks zertrümmern zu wollen. Ganz im Gegenteil.


Große Gesten, große Gefühle, hervorragende Solisten, bestens einstudierte Chöre (Chor-, Ext rachor und Kinderchor, Einstudierung: Lorenzo Da Rio, Davide Lorenzato, Daniela Pfaff-Lapins) und ein homogen und jederzeit klangvoll musizierendes Orchester - so einfach kann Oper auch im Jahr 2017 funktionieren. Richters Erfolgsrezept: Er hält sich konsequent und sehr stimmig im Detail an das Stück und seine Rezeptionsgeschichte. Richter erzählt "Tosca" als die Geschichte einer Gesangs-Diva, die in politisch heiklen und wechselhaften Zeiten zwischen alle Fronten gerät.


Drastische Effekte


Puccinis "Tosca" setzt ungeniert auf drastische Effekte - auf den schaurig-schönen Kontrast einschmeichelnder Melodien und grausamer Handlungsmomente. Richters Regie treibt diese Drastik auf die Spitze. Für diesen Deutungsansatz hat Bernhard Niechotz die perfekt passende Ausstattung entworfen.

Auf der Drehbühne hat er dazu ein Schräge bauen lassen, die rasch verwandelbare Räume entstehen lässt und kammerspielartige Szenen ebenso gestattet wie die großen Massenszenen mit sämtlichen Chören am Ende des 1. Aktes. Dazu holen Anna Dischkows Videosequenzen Bilder des Coburger Zuschauerraums auf die Bühne.


Große Ausdruckskraft

Ganz bewusst erzählt Richters Regie mit ihrer präzisen Personenführung die Geschichte dieser Oper als die Geschichte einer Künstlerin, die zwischen Theatralik und echten Gefühlen verzweifelt nach dem Glück sucht und viel zu spät erkennt, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Das Drama endet tödlich gleich für mehrere Akteure.


Musikalisch ist diese Coburger "Tosca" ein wahres Fest für alle Opern-Fans. Das Orchester bringt Puccinis Musik zum Glühen, lässt die lyrischen Momente zu Inseln des vermeintlichen Glücks werden und zerstört die Idylle doch immer wieder mit scharf akzentuierten Einwürfen, wenn der skrupellose Polizeichef die Szenerie betritt.


Die Sopranistin Celeste Siciliano singt diese Tosca mit berührender Intensität, mit makelloser Schönheit des Tons und großer Ausdruckskraft. Auch darstellerisch zieht sie in Bann.

Als darstellerisch bemerkenswert gereifter Sängerdarsteller kehrt der Tenor Milen Bozhkov in der Partie des Malers Mario Cavaradossi zurück ans Landestheater, wo er einige Jahre fest engagiert war. Seine Deutung der melancholischen Arie im dritten Akt ist berückend in ihrer lyrischen Intensität und muss den Vergleich mit prominenten Fachkollegen nicht scheuen. Sein umjubeltes Rollendebüt im Baritonfach feiert der Bassist Michael Lion, der sein Repertoire damit bemerkenswert erweitert. Sein Polizeichef Scarpia ist nicht nur ein eindimensionaler Bösewicht. Die Regie verleiht ihm vielmehr noch selbstzerstörerische Züge in seinem Drang, Tosca zu erobern. Lion gestaltet diesen Scarpia mit packendem Gesang und nachdrücklichem Spiel und verdient sich am Ende den höchsten Ausschlag auf der Applaus-Skala.


Der entscheidende Erfolgsgarant dieses Premierenabends steht am Dirigentenpult: Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig ("Meine erste ,Tosca'") lotet Puccinis Partitur dynamisch, klangfarblich und in den Ausdrucksnuancen fein differenziert aus und beflügelt das Orchester zu einer ungemein intensiven Deutung.


Reichlich Bravo-Rufe


Bemerkenswert ausdauernder Jubel und reichlich Bravo-Rufe für einen grandiosen Opernabend. Nach einer Woche mit heftigen Diskussionen um und über die anstehende Generalsanierung und ihre Kosten liefert das Landestheater die besten Argumente in eigener Sache.



Sie bringen "Tosca" in Coburg auf die Bühne



Opern-Tipp Giacomo Puccini "Tosca" -
Termine 3., 8. Oktober, 18 Uhr, 13. Oktober, 19.30 Uhr, 15. Oktober, 15 Uhr, 21., 25. Oktober, 19.30 Uhr, 31. Oktober, 19.30 Uhr (Gastspiel Stadttheater Fürth), 9., 15., 18., 24. November, 10., 28. Dezember, 19.30 Uhr, 14. Januar, 19.30 Uhr, 28. Januar, 15 Uhr, wenn nicht anders vermerkt: jeweils Landestheater Coburg

Produktionsteam
Musikalische Leitung: Roland Kluttig; Inszenierung: Hans Walter Richter; Bühnenbild und Kostüme; Bernhard Niechotz; Dramaturgie: Susanne von Tobien; Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio / Davide Lorenzato; Einstudierung Kinderchor: Daniela Pfaff-Lapins

Besetzung
Floria Tosca: Celeste Siciliano
Mario Cavaradossi: Milen Bozhkov
Il Barone Scarpia: Michael Lion
Cesare Angelotti: Beniamin Pop / Padraic Rowan
Il Sagrestano: Felix Rathgeber
Spoletta: Dirk Mestmacher
Sciarrone: Thomas Unger
Un Carceriere: Marcello Mejia-Mejia
Un Pastore: Julia Jakob / Saskia Fruntke

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Chor des Landestheaters Coburg, Extrachor des Landestheaters Coburg, Kinderchor, Statisterie des Landestheaters Coburg


Hans Walter Richter inszenierte an der Oper Frankfurt bereits 2012 Strawinskys Die Geschichte vom Soldaten. Hier ist er seit 2008 als Regieassistent engagiert und hat beispielsweise mit Keith Warner, Vera Nemirova, Christof Loy, Jens-Daniel Herzog und Marco Arturo Marelli (Uraufführung von Reimanns Medea an der Wiener Staatsoper und Neueinstudierung an der Oper Frankfurt) zusammengearbeitet. Er assistierte Keith Warner im Sommer 2011 zudem bei den Bregenzer Festspielen (André Chénier). Am Stadttheater Gießen, wo er vor seiner Zeit in Frankfurt als Spielleiter verpflichtet war, realisiert Hans Walter Richter regelmäßig Regiearbeiten. Zuletzt waren seine Deutungen von Gustav Holsts Savitri, Donizettis Linda di Chamounix - vom Fachmagazin Die Deutsche Bühne als Beste Inszenierung 2015 nominiert - und zuvor die deutsche Erstaufführung von Jake Haggies For a Look or a Touch dort zu sehen. Weitere Inszenierungen in Gießen waren Mozarts Der Schauspieldirektor und Bastien und Bastienne, Grigori Frids Briefe des van Gogh, Miss Donnithorne"s Maggot / Eight Songs for a Mad King von Maxwell Davies sowie Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte von Michael Nyman.