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Coburg
Neuer, alter Kunstort

Benno Noll bezieht Galerie im Westpavillon

Der Coburger Künster Benno Noll hat den umfassend sanierten Westpavillon im Hofgarten als Galerie übernommen. Das älteste noch existierende Bauwerk im Hofgarten war lange Zeit öffentliche Toilette.
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Kunst der Personendarstellung und des Porträts durch die Zeiten: Der Bildhauer Phidias mit seinem Werk von Ferdinand Lepcke, und dann die nur noch schemenhaft zu erfassenden "Porträts" von Benno Noll im Hintergrund.  Fotos: Carolin Herrmann
Kunst der Personendarstellung und des Porträts durch die Zeiten: Der Bildhauer Phidias mit seinem Werk von Ferdinand Lepcke, und dann die nur noch schemenhaft zu erfassenden "Porträts" von Benno Noll im Hintergrund. Fotos: Carolin Herrmann
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"10grad58east". Ein geografischer Punkt, ein exakt bezeichneter Ort in der Landschaft, der Westpavillon am Rande des Hofgartens. Südwestlich führt der Weg hinüber zum Kunstverein, vorbei an der Nash-Skulptur, historische Brunnen plätschern in der Zeit.

Der Pavillon selbst war aus imposanten Kunstzeiten des 19. Jahrhunderts gestürzt ins Biologische, als Milchhäuschen nach dem Krieg, dann gar in den Dienst als öffentlicher Abort.

Und jetzt: Konzentrierter Kreuzungspunkt der Kunst? Ist das zu viel gesagt, an diesem schönen Spazierweg für Coburger und Touristen zur Veste hoch? Die Stadt Coburg hat den Pavillon nach gewisser Ratlosigkeit und finanzieller Verzögerung wunderschön renoviert (das Tageblatt berichtete) und ihn nun dem Künstler Benno Noll übertragen.

Das Tor war schon vor der offiziellen Übergabe am heutigen Samstag geöffnet.
Die Leute sollen herein schlendern, schauen, atmen zwischen den aus der rostigen Vergänglichkeit von Eisenspänen geschaffenen Porträts von Benno Noll und den monsterhaften Skulpturen von Ferdinand Lepcke, Eduard Müller und August Sommer, riesigen Repliken, wie sie 1880 durch ein extra geschaffenes Oberlicht und zwei weitere seitliche Tore in den Pavillon gehievt werden mussten.

Gespür für den Raum

Das passt nicht, das wird nichts, in diesem "wilden" Raum kann man doch keine moderne Kunst zeigen! - Doch Benno Noll, den gerade die Wechselbeziehung von Raum und Kunst reizt, die Atmosphäre, die unerwarteten Bezüge, hatte ein anderes Gespür, zumal ihn die am Ende doch wieder sakrale Überhöhung der Kunst im "white cube", im allem enthobenen Museumsraum, stört.

Auf der Suche nach Räumlichkeiten, um nach fast 20 Jahren in Coburg seiner Kunst stärkere Präsenz zu verschaffen, bewarb er sich 2008 für den Pavillon. "Ich dachte, den kann man doch nicht Häkeldeckchen und Krimskrams und was es sonst noch an Nutzungskonzepten gab, überlassen." Und wer jetzt dieses kleine Gesamtkunstwerk aus Architektur, durch die hohen Fenster flirrender, sommerlicher Natur, alter und neuer Kunst auf sich wirken lässt, wird einen Moment den Atem anhalten.

Künstler stellt bundesweit aus

Benno Nolls eigenwillige und unverwechselbare Gemälde sind längst in Museen und Sammlungen vertreten, er kann auf zahlreiche Ausstellungen im Bundesgebiet verweisen. Als Galerie wird der Pavillon in erster Linie zur Verfügung stehen, manchmal vielleicht auch für Gäste oder für Vorträge, es wurde auch eine Leinwand installiert. Zum Zeichnen und Aquarellieren wird Noll den Pavillon nutzen. Bei der Vhs-Sommerakademie kann er jetzt wieder aktiv werden, weil er diese reizvolle Örtlichkeit anzubieten hat. Ansonsten wird er aber seine ja etwas heikle Technik weiterhin auf Gut Hambach in Creidlitz anwenden, das er 1995 bezog.

Noll betreibt eine Art Wandmalerei auf Holztafeln. In eine getrocknete Gips-Spachtelmasse gräbt er die Linien seiner Bilder ein. Die Vertiefungen füllt er mit einer Mischung aus Eisenspänen und flüssigem Acryl. Dann wird stundenlang gewässert, das Eisen korrodiert, es entstehen jene für Noll typischen Brauntöne im Paradox zwischen stumpfer Abgestorbenheit und erdiger Lebendigkeit.

Noll kratzt wieder heraus, arbeitet mit Acryfarbe und Pinsel nach, bis alle Kontraste stimmen. Die abschließende Schicht aus Dammarharz bringt die Farbpigmente in ihrer vollen Intensität zur Wirkung. Dann verändert sich das Bild nicht mehr. Vom Chemiker garantiert und mehrfach in nassen Räumlichkeiten getestet, schließlich sollen Käufer und Künstler keine späteren Überraschungen erleben.

"Es kommt selten vor, dass ich etwas verwerfe", fasst Noll seinen Produktionsprozess zusammen. Er muss sich Zeit lassen, fertigt manchmal monatelang nichts, während er die Energie in sich sammelt, bis er loslegt und "dann kommt etwas Gutes heraus". Unter Druck zu arbeiten, kann Benno Noll nicht leiden. Er hat für sich den richtigen Weg gefunden, 20 Stunden pro Woche im Naturkundemuseum sichern ihm seine Existenz und lassen ihm doch noch Freiraum für seine Entfaltung als freischaffender Künstler.

Aus einfachen Verhältnissen

Als Sohn einer einfachen Bergarbeiterfamilie, 1958 in Odenbach in der Pfalz geboren, wurde Noll zwangsweise praktisch veranlagt. Er weiß, welchen Weg er zurückgelegt hat: "Was ich heute bin, habe ich mir aus eigener Kraft erarbeitet." Noll hat Grafikdesign in Bielefeld studiert. Nur noch hinter dem Computer sitzen, wie sich das in den 80er Jahren abzuzeichnen begann, wollte er nicht. Er verlegte sich auf die Illustration, dabei musste er das ganze klassische Repertoire der bildenden Kunst, Akt- und Porträtzeichen, Perspektive... lernen.

Im Pavillon angekommen

"Irgendwann war für mich klar, dass ich einfach nur Bilder machen und die weitergeben wollte. 1985 ging ich nach Berlin, seither verstehe ich mich als freischaffender Künstler."

Der distanzierte Blick auf die eigene Existenz ist ihm offensichtlich geblieben, sein Werdegang war Auf und Ab, er musste intensiv jobben, konnte dann wieder malen. Und jetzt, in diesem "schicken", schönen Coburger Pavillon, fühlt er sich angekommen, auf eine Art am Ziel.

Hier kann er nun in vielleicht halbjährlich wechselnden Arrangements auch themenbezogen aus seinem Bestand zeigen, was er hat und kann. "Ich hab' so viele Bilder." Jetzt ist im Pavillon den Schwerpunkt auf seine intensiven Porträts gelegt, auch im Hinblick auf die Mu seumsnacht am 7. September, die unter dem Motto "Könner, Künstler und Kulturen steht". Nolls Phasen wechseln aber, es gab auch schon Zeiten voller Stillleben, Architektur, Ansichten von Innenräumen.

Herzlich Willkommen

Die Kunst und der Raum: Benno Noll hat jetzt in der Einrichtung des Pavillons viele offene und versteckte Bezüge und Zusammenhänge geschaffen, spannend zu entdecken oder sich von ihm erklären zu lassen, wenn er da ist. Feste Öffnungszeiten hat er nicht, man kann sich aber mit ihm verabreden. Auf seiner Homepage kündigt er zudem drei, vier Gelegenheiten im Jahr an.

Nolls mit feinem weißen Rahmen umgebene Bilder wirken wie geschaffen für die in historischer Farbzeichnung rot und weiß strukturierten Wände zwischen den Fenstern. Im südöstlichen Eck blickt der "Phidias" von Ferdinand Lepcke (1866 bis 1909) über ein von ihm geschaffenes Kunstwerk im Kunstwerk in die Ewigkeit. Lepcke durften wir gerade in seinem Coburger Wirken erst wieder entdecken durch die Ausstellung in den Kunstsammlungen der Veste.

Die Erforschung von menschlicher Existenz im Porträt führt Noll fort mit zwei weit abstrahierten Porträts; Altertum, Reflektion des Altertums im 19. Jahrhundert, das zerfasernde Heute. Bei Noll hat sich die exakte Gefasstheit und Konkretheit aufgelöst in ein kaum mehr fassbares Netzwerk. "Ich sehe unsere Existenz heute wie ein zerfallenes Puzzle." Die Umrisse von Ich und Individualität sind nur noch schemenhaft spürbar.

Prometheus entfesselt

Die Okeaniden beklagen Prometheus gegenüber: Neben der Prometheus-Gruppe von Edu ard Müller (1828 bis 1857) wirft mahnend das Porträt von Gandhi seine heute erst Recht erschreckend aktuelle Kapitalismuskritik in den Raum; das Bild zitiert Gandhis sieben Todsünden der kapitalistischen Gesellschaft. "Prometheus entfesselt" hat Benno Noll seine Präsenta tion zur Eröffnung auch überschrieben.

Von der Vergangenheit wieder in die Zukunft: Neben Gandhi hat Noll ein riesiges "IPhone 7s" installiert, die Apps in aktueller Ikonografie führen zu den sieben Todsünden der katholischen Kirche: Habgier und Aktienkurse, Eitelkeit und das Selbst im Blick der Kamera, Hochmut, Neid, Zorn... "Wir haben heute Zugriff auf 120 000 Apps, doch wozu?", fragt Benno Noll. Wie steht es um unsere Entwicklung in die Mündigkeit? Ein Satz neben dem IPhone-Zukunftsmodell bezieht sich auf Kant. Die kulturellen Codes, in denen wir uns bewegen, setzt Noll gerne um in eigene Reflexion unserer Zeit. Wir alle sind Sinnsucher, heute mehr denn je, wo nichts mehr fest vorgegeben ist. "Wir kratzen doch alle an der Ewigkeit."

Der Westpavillon des Hofgartens und seine Kunst stehen jetzt wieder offen. Man könnte für Momente heraustreten aus der Gebundenheit in unserer Zeit.



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