Coburg
Architektur

Bauliches Relikt der 1920er Jahre in Coburg

Beim Sommerfest der Gemeinschaft Stadtbild Coburg konnte man auf dem Gelände des Güterbahnhofes Interessantes über das Zollinger-Dach erfahren.
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Das Dach einer in den 1920er Jahren auf dem Güterbahnhofsgelände errichteten Werkhalle wurde in Zollinger-Bauweise errichtet und nun in direkter Nähe zur Pakethalle wieder auf eine Unterkonstruktion gesetzt.  Foto: Wolfgang Desombre
Das Dach einer in den 1920er Jahren auf dem Güterbahnhofsgelände errichteten Werkhalle wurde in Zollinger-Bauweise errichtet und nun in direkter Nähe zur Pakethalle wieder auf eine Unterkonstruktion gesetzt. Foto: Wolfgang Desombre
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Die Gemeinschaft Stadtbild Coburg hatte zu ihrem Sommerfest einen ganz besonderen Ort ausgewählt, nämlich das Gelände des Güterbahnhofs mit dem Zollinger-Dach neben der Pakethalle.

Das Dach einer in den 1920er Jahren auf dem Güterbahnhofsgelände errichteten Werkhalle ist von besonderer Bedeutung, weil es in sogenannter Zollinger-Bauweise ausgeführt wurde. Kürzlich musste dafür ein "neues Zuhause" für die erhaltenswerte, historische Dachkonstruktion gefunden werden.

Kurzerhand wurde das Dach mit einem Kran abgehoben und auf eine gefertigte Unterkonstruktion in direkter Nachbarschaft zur alten Pakethalle gesetzt werden. Für alle Interessierten bot sich am Samstagnachmittag die Gelegenheit, die besondere Konstruktion eines Zollinger-Daches kennenzulernen, von dem es in Coburg nur noch wenige, eventuell sogar nur noch zwei Beispiele gibt. Professor Auwi Stübbe vom Coburger Designforum Oberfranken konnte Fragen zu dieser Konstruktion beantworten.

Das Bausystem wurde vom Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und ist auch unter dem Begriff Zollbauweise bzw. Zoll-Lamellen-Bauweise bekannt. Der Baumeister Karl Heß hatte in Coburg ein Zimmerergeschäft und eine Lizenz zum Bau dieser materialsparenden Bauweise erhalten. So sind heute noch Häuser in der Eigenheimstraße, Probstgrund oder Kalenderweg mit diesem Dach zu sehen. Das Besondere, so erklärte es Professor Stübbe, sei, dass der Bodenraum ohne Stützen voll nutzbar sei. In den 20er Jahren sei das Baumaterial knapp gewesen und deshalb seien die kurzen Balken von nicht mehr als 2,50 Metern Länge optimal gewesen. Ganze Siedlungen seien so unter fachlicher Anleitung von den Bauherren selbst entstanden.


Mehr Raum, weniger Holz

Gegenüber gängigen Konstruktionen dieser Zeit benötige ein Dach in Zollinger-Bauweise bis zu 40 Prozent weniger Holz bei gleichzeitig optimierter Raumnutzung. "Die Konstruktion ist absolut genial", sagte Stübbe. Die nur 30 Zentimeter dicken und 250 Zentimeter langen Balken ließen sich von einer Person leicht tragen.

Die statische Berechnung lasse sich leider nur annäherungsweise durchführen, weshalb heute diese Dachkonstruktion nicht mehr Verwendung findet, erklärte Auwi Stübbe. Sie könne jedoch durchaus eine Renaissance erfahren, wenn es Programme für ein exaktes Berechnungsverfahren geben würde, ist sich der Professor sicher.


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