Coburg
Schulklasse 2018

Bad Rodacher Schüler machen "klasse" mit!

Stühle rücken, Klassenzimmer beduften und Lerntypen bestimmen - Nicole Kollarsch hat viel zu tun in Bad Rodach - aber die Schüler sind begeistert.
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Daumen hoch: Seit Sophie weiß, dass sie besser übers Gehör lernt und sich ihre Vokabeln laut vorliest, schreibt sie bessere Noten.Christiane Lehmann
Daumen hoch: Seit Sophie weiß, dass sie besser übers Gehör lernt und sich ihre Vokabeln laut vorliest, schreibt sie bessere Noten.Christiane Lehmann
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Unter dem Tisch von Lucas ist ein rotes Gummiband gespannt. Wenn der Sechstklässler etwas abschreiben muss, legt er seine Füße darauf ab. So kann er sich besser konzentrieren. Diese Erfahrung ist neu. Nicht nur für Lucas, auch seine 18 Mitschüler wissen, dass es Methoden gibt, die ihnen helfen, leichter zu lernen und im Unterricht aufzupassen.
Die 6. Klasse der Mittelschule Bad Rodach ist die Gewinnerklasse des Wettbewerbs "Schulklasse gesucht!", den die Lernberaterin Nicole Kollarsch im Herbst vergangenen Jahres ausgeschrieben hatte. Gesucht war eine Klasse mit den Merkmalen "angespannt, unkonzentriert, ungeduldig, laut oder hektisch". Insgesamt 13 Klassen aus der Region hatten sich beworben. Das Los fiel auf die 6. Klasse von Brigitte Schnabel.
Sie hatte sich beworben, weil eine Mutter sie auf den Wettbewerb aufmerksam gemacht hatte. "Meine Schüler sind aufgeweckt und manchmal etwas laut, nicht schwierig und auffällig", sagt die Klassenleiterin. "Aber ich wollte ihnen Handwerkszeug geben, damit sie ihre Leistungen optimieren können", sagt sie im Gespräch. Das Angebot von Nicole Kollarsch war genau das, was die junge Pädagogin gesucht hatte.
Mittlerweile war die Entspannungstrainerin, die in Coburg auch eine eigene Praxis betreibt, schon neun mal in der Schule. Seit dem Elternabend, der gleich zu Beginn stattfand, besucht Nicole Kollarsch die Klasse einmal in der Woche. Die Kinder freuen sich sichtlich und kommen mit ihren Anliegen auf sie zu: "Mein Gummiband ist gerissen!", "Haben Sie die Schatzkiste dabei?", "Was machen wir heute?"
Im Raum duftet es angenehm nach Orange und Lavendel. Auf dem Lehrerpult leuchtet die Duftlampe, die Nicole Kollarsch vor einigen Wochen mitgebracht hat. "Das Öl ist eine Mixtur", erklärt die Macherin. Orangen- und Zitronenöl unterstütze die Konzentration, Lavendelöl sorge für Entspannung, hat sie den Schülern und der Lehrkraft erklärt.
Beim Blick in die Klasse fällt auf, dass einige Schüler mit kleinen Bällen oder Knetmasse spielen. "Es gibt Kinder, die lernen einfach besser, wenn die Hände beschäftigt sind oder sich die Füße bewegen", sagt Nicole Kollarsch. Deshalb hat sie nach der Bestimmung der verschiedenen Lerntypen auch Knetmasse und Gummibälle an all jene ausgeteilt, die eher ein motorischer Lerntyp sind. Gummibänder wurden gespannt, wo es wichtig schien, dass die Füße beim Lernen nicht ruhig stehen bleiben können.
Die verschiedenen Lerntypen hat Nicole Kollarsch durch Beobachtungsstunden in der Klasse, einen Selbsteinschätzungsbogen und einen Lerntypentest festgestellt. "Viele Kinder sind Mischtypen", weiß sie aus Erfahrung. Mit den gesammelten Ergebnisse hat sich die Lerntrainerin daheim hingesetzt und den Sitzplan der Klasse überarbeitet. So sitzt Lucas beispielsweise jetzt weiter hinten, um durch die Bewegung andere nicht zu stören. "Aber mir gefällt es hier gut, denn meine beiden Freunde sitzen neben mir", sagt er offen.
Viktoria, die bisher am Fenster saß, musste etwas mehr in die Klasse rein rutschen. Auch sie ist zufrieden, weil ihr Freundin mitziehen durfte. Da Viktoria auf dem linken Ohr besser hört, wie Nicole Kollarsch festgestellt hat, kann sie der Lehrerin jetzt aufmerksamer folgen.
Besonders eifrig meldet sich Sophie. Das Mädchen möchte unbedingt erzählen, was sich bei ihr verändert hat. Seit sie weiß, dass sie übers Hören besser lernen kann, sagt sie sich die Englisch-Vokabeln laut vor. "Beim letzten Test habe ich eine 1 geschrieben", sagt sie stolz und lacht.
Brigitte Schnabel und Nicole Kollarsch freuen sich über die bisherige Resonanz bei den Schülern.
Demnächst steht ein zweiter Elternabend an. "Es ist wichtig, die Mütter und Väter mit im Boot zu haben", sagt die Lernberaterin. Denn dann könnten die Kinder auch Zuhause viel besser Hausaufgaben machen und eingeschätzt werden.
(Das Tageblatt begleitet das Projekt und wird in regelmäßigen Abständen über die Entwicklung im Klassenzimmer berichten.)


Welche Lerntypen gibt es? Tipps und Infos
Beim Lehren und Lernen werden idealerweise verschiedene Sinne angesprochen und je nach Fach, Sachverhalten und Lernziel können unterschiedliche Lerntypen eine Rolle spielen. Wer sich in dem einen oder anderen hier beschriebenen Lerntyp wiedererkennt, sollte allerdings bedenken, dass es sich selten um eine "Reinform", sondern bei den meisten um die Kombination von Lerneigenschaften handelt.

Visueller Lerntyp (Sinnesorgan: Augen)
Für diesen Lerntyp ist es wichtig, bildhafte Vorstellungen über Dinge und Vorgänge die im Unterricht behandelt werden, zu entwickeln. Durch die Kombination mit Bildern lassen sich z. B. beim Lernen von Vokabeln Eselsbrücken schaffen. Visuell Lernenden wird es helfen, Texte mit Buntstiften zu markieren und damit den Lernstoff zu strukturieren, da sie sich so besser an bestimmte Inhalte erinnern können. Im Klassenzimmer sollte dieser Lerntyp ganz vorne sitzen, um sich auf den Unterricht zu konzentrieren und Ablenkungen zu vermeiden. Für visuelle Lerner ist es effektiver alleine zu lernen.
Auditiver Lerntyp (Sinnesorgan: Ohren)
Dieser Lerntyp lernt am besten über das Hören. Daher ist es für ihn wichtig, den Lernstoff durch lautes Lesen zu vertiefen. Auch können Tonbandaufnahmen zum Lernstoff angefertigt werden, deren Abhören zur gezielten Prüfungsvorbereitung dient. Auditve Lerner lernen in der Gemeinschaft besonders effektiv; hier können sie sich gegenseitig abfragen.
Taktiler Lerntyp (Sinn: fühlen/tasten/be-greifen/Bewegung)
Der taktile Typ lernt, indem er etwas selbst ausprobiert, z. B. im experimentellen Unterricht, der leider in der Schule eher selten statt findet. Beim Lernen sollten - sofern die Umgebung dies erlaubt - taktile Lerner sich ausreichend Bewegung verschaffen (z. B. durch das Rollen des Stiftes), um sich auf den Unterricht zu konzentrieren zu können. Während des Lernens sollten mehrere Pausen gehalten werden, um sich auf den Lernstoff einlassen zu können. Zu lernende Gedichte/Vokabeln können beispielsweise durch schauspielerische Darstellung der einzelnen Wörter gelernt werden. Einzel- oder Tandemunterricht ist zu empfehlen.
Kommunikativer Lerntyp (sprechen/diskutieren)
Kommunikative Lerntypen bringen sich gern aktiv in den Unterricht ein und lernen am liebsten in einer Gruppe von Gleichgesinnten, mit denen sie sich austauschen können. In Diskussionen kann der kommunikative Lerner sich aktiv mit Informationen auseinandersetzen und Meinungen hinterfragen.
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