Grub am Forst
Interview

Autor: Kopfarbeit wichtig für sportlichen Erfolg

Sportmentaltrainer Harald Rüger hat ein Buch geschrieben, das in kein Genre passt - oder in alle. Es geht um den Anteil mentaler Stärke am Erfolg.
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Sportmentaltrainer Harald Rüger hat ein Buch geschrieben, das in kein Genre passt - oder in alle. Es geht um den Anteil mentaler Stärke  am Erfolg.Fuchs
Sportmentaltrainer Harald Rüger hat ein Buch geschrieben, das in kein Genre passt - oder in alle. Es geht um den Anteil mentaler Stärke am Erfolg.Fuchs
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K urz vorm großen Knallen war es beschlossene Sache. Silvester 2012, Harald Rüger und seine Frau Sieglinde sitzen beim Essen. "Er hat gesagt, dass er das, was ihm im Kopf herumgeht, gern aufschreiben würde", erinnert sich Sieglinde Rüger. "Ich hab' geantwortet: 'Mach's halt.'" Und Harald Rüger machte. Fünf Jahre lang arbeitete der Franke an seinem Buch "Brauchen wir nicht alle ein bisschen mental?". Der 61-Jährige beantwortet darin die Frage, welche Rolle der Kopf für die körperliche Leistungsfähigkeit spielt.

Herr Rüger, wieso machen Sie sich Gedanken über die Bedeutung mentaler Stärke im Sport?

Harald Rüger: Das Thema Mentaltraining ist wahnsinnig interessant, aber bislang gab es kaum umfassende Literatur dazu. Deshalb habe ich mich im Januar 2013 hingesetzt und gefragt: Woher bekomme ich fundierte Erkenntnisse, wer kennt sich mit dem Thema aus?

Wie lautete die Antwort?

Mir war klar, dass es bereits viel Wissen gibt, das man anzapfen kann: die Erfahrungen von Trainern und erfolgreichen Sportlern. Um meine Heimat Coburg herum habe ich angefangen, Weltmeister und Bundesligaspieler aufzulisten. Allein dadurch hatte ich schon 30 bis 35 Sportarten abgedeckt. Mir schwebte vor, Trainer und Sportler detailliert zu befragen, um die verschiedenen Sportarten vergleichen zu können. Also habe ich einen strukturierten Fragebogen erstellt.

Und diesen Fragebogen haben Sie dann an alle möglichen Sportler und Trainer versendet?

Nein. Anhand des Fragebogens habe ich mit 60 Personen persönliche Interviews geführt. Diese Gespräche und ihre Auswertung haben sich von 2013 bis 2016 erstreckt.

In dieser Zeit hat Ihr Sohn Sebastian große Erfolge gefeiert: Er war mehrfacher Deutscher Meister und sogar Weltmeister im Sportkegeln. Sie waren sein Coach.

Ja, das waren tolle Erlebnisse. Bei Sebastian habe ich ganz deutlich gemerkt: Der Sportler braucht jemanden, der ihn betreut, auch mental. Körper und Seele oder Psyche sind untrennbar miteinander verbunden.

Ist der mentale Aspekt heutzutage nicht Teil der Trainer-Ausbildung?

Ich bin lizensierter B-Trainer des Deutschen Olympischen Sportbundes und weiß: Mentale Aspekte kommen in der Trainer-Ausbildung viel zu kurz. Das Grundproblem ist, dass es keine vorgefertigten Antworten gibt, die man auf jeden x-beliebigen Sportler projizieren kann.

Das heißt, Mental-Training muss immer individuell auf den Sportler zugeschnitten werden?

Ja, ganz genau. Es gibt nichts von der Stange, das man jedem überstülpen kann. Ist ja auch klar: Jeder Mensch tickt anders, bei jedem hakt es an einem anderen Punkt.

Aber es gibt doch sicher typische, oft vorkommende Probleme?

Tatsächlich geht es oft um Defizite in Sachen Selbstvertrauen und um Aufmerksamkeitsstörungen. Viele Sportler leiden auch unter Verkrampfungen.

Wie kann man ihnen helfen?

Jemandem, der immer kurz vor seinem Einsatz verkrampft, kann es schon helfen, wenn man ihm im richtigen Moment einen Witz erzählt. Ein anderer Sportkegler ließ sich immer ablenken. Um ihn zu fokussieren, habe ich Rechenaufgaben für ihn entworfen, eine Art Kegel-Sudoku. Einmal habe ich einen Vorhang neben die Bahn gehängt, damit der Sportler lernte auszublenden, was rechts und links geschieht. Wieder ein anderer hatte Probleme, sich den Bewegungsablauf beim Wurf zu verinnerlichen. Ihm hat es geholfen, mit verbundenen Augen zu trainieren. Oft geht es darum, das Selbstvertrauen zu stärken. Das kann man mit Traumreisen tun: Der Trainer erzählt dem Sportler wiederholt eine Erfolgsgeschichte, die er auf sich beziehen kann. So entsteht künftig schon beim Gedanken an den Wettkampf ein richtiges Wohlgefühl.

Das klingt, als bräuchten Sportler beim Mental-Training ein großes Vertrauen zum Trainer.

Ohne Frage! Ehrlichkeit und Vertrauen sind die Grundpfeiler für die gemeinsame mentale Arbeit. Ohne diese Basis braucht man nicht anzufangen.

Wie gehen Sie vor, wenn ein Sportler Sie bittet, mit ihm gemeinsam an mehr mentaler Stärke zu arbeiten?

Zuerst machen wir eine Ist-Aufnahme: Wie fühlt der Mensch sich? Welche Ziele hat er? Wie steht es um seine Work-Life-Balance? Aus den jeweiligen Antworten leite ich passende Maßnahmen ab.

Welchen Anteil haben kognitive Prozesse auf sportlichen Erfolg?

Je nach Sportart und Einfluss des Trainers zwischen 30 und 80 Prozent.

So viel? Wenn das so wäre, hätten doch alle berühmten Sportler längst Mental-Trainer!

Wer es sich finanziell leisten kann, hat in der Tat regelmäßig mentales Training. Nur reden die meisten nicht darüber. Da intime Lebensbereiche berührt werden - individuelle Bedürfnisse, Gefühlswelten -, schweigen die Leute lieber.

Wie ist das bei Mannschaftssportarten wie Fußball?

Genauso. In Trainerkreisen weiß man zwar, dass viele Fußball-Teams auch mental trainieren. Oft ist vor oder nach Spielen von "Kopfsache" die Rede. Aber kaum jemand geht darauf ein, was das bedeutet.

Sagen Sie es uns?

Gehen wir etliche Jahre zurück. Heimspiel Champions-League-Finale 1990. Der FC Bayern München verliert zuhause gegen Manchester United, obwohl die Bayern stärker sind. Aber sie kassierten in der Nachspielzeit zwei Tore. Ob ihnen das heute noch passieren würde? Inzwischen ist auch der Kopf beim FCB gut trainiert.

Aber jedes Spiel ist doch anders, neu, und es ist unvorhersehbar, was passiert. Man kann sich doch gar nicht auf alle möglichen Situationen einstellen.

Das stimmt, aber man kann jedem Spieler helfen, zur optimalen Leistungsfähigkeit zu finden. Das ist genau die Zone zwischen Über- und Untermotivation, die zum Erfolg führt. Untermotivierte reizt man verbal und körperlich. Mit Übermotivierten trainiert man, die Emotions-Spitzen, die zu viel Energie verbrauchen, wegzunehmen - dazu zählt auch zu ausgeprägter Jubel, der zu einem Spannungs- und Leistungsabfall führt.

Kann der Trainer auch während des Spiels oder Wettkampfes noch regulierend eingreifen?

Natürlich. Oft sind es Kleinigkeiten in der Körpersprache des Coaches, die dem Sportler sagen, wo es jetzt langgehen soll.

Apropos langgehen: Was soll Ihr Buch bewirken?

Ich hoffe, dass ich Feuer gelegt habe, sich mit mentalem Training intensiver zu befassen. Ich bin sicher, dass die verschiedenen Sportarten mit ihren vielfältigen Erfahrungen voneinander profitieren können, wenn man über den Tellerrand schaut - professionelle Methoden dazu zu entwickeln, fände ich sehr reizvoll. Ansonsten glaube ich: Effektive "Kopfsache" ist etwas, das uns auch privat und im Beruf weiterbringt.



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