Bad Rodach
Minsterinnenbesuch

Ausnahmezustand im Bad Rodacher Mehrgenerationenhaus

Der Besuch von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey verwandelte das Awo-Mehrgenerationenhaus in Bad Rodach fast in ein Tollhaus.
Artikel drucken Artikel einbetten
Bundesfamilienministerin Franziska  Giffey besichtigte am Donnerstag das Mehrgenerationenhaus der Arbeiterwohlfahrt in Bad Rodach. Berthold Köhler
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey besichtigte am Donnerstag das Mehrgenerationenhaus der Arbeiterwohlfahrt in Bad Rodach. Berthold Köhler
+12 Bilder

Nach einer Stunde am Rande des medialen Wahnsinns steht Nicole Voigt mit ihrer Gelassenheit immer noch da wie ein Fels in der Brandung. "Alles gut", sagt die Leiterin des Mehrgenerationenhauses der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und grinst. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und der völlig enthemmte Tross der Hauptstadtpresse haben da den Treff der Awo schon wieder verlassen.

Ein paar Meter weiter steht Bürgermeister Tobias Ehrlicher (SPD) und schüttelt über den Schwarm der Berliner Reporterschar amüsiert den Kopf. Immerhin hat es Ehrlicher geschafft, mit der Ministerin ein paar inhaltsvolle Worte zu wechseln. Denn dem Bürgermeister und der Stadt ist das Mehrgenerationenhaus lieb - aber auch teuer. 34 000 Euro hat die Stadt pro Jahr als Zuschuss im Haushalt stehen - "weil uns dieses Haus wichtig ist", betont Tobias Ehrlicher. Nichtsdestotrotz würde es der Kommune gut tun, wenn Giffeys Ministerium seinen Zuschuss künftig wieder ein bisschen erhöhen würde. "Der Bund hat die Mehrgenerationenhäuser ja auch erfunden", begründet Ehrlicher.

2006 war das. Hubert Joppich, Vorsitzender des Awo-Kreisverbandes, erinnert sich noch gut an die Eröffnung damals. Was ihn heute nervt: "Dass der Bundesanteil zur Finanzierung immer nur von Legislaturperiode zu Legislaturperiode sicher ist." Er fordert deshalb vom Bund, aber auch den Ländern als Co-Geldgeber, dass diese die Förderung der Mehrgenerationenhäuser als feste Posten in ihre Finanzplanungen aufnehmen. Das hat er Franziska Giffey auch gesagt - denn: "Wer, wenn nicht die Ministerin, kann da sonst helfen?"

Franziska Giffey hört sich die Probleme der Finanzierung geduldig an, Versprechen macht sie nicht. Aber sie betont, dass sie Einrichtungen wie diese hier als sehr wichtig erachtet: "Wir müssen Orte schaffen, an denen Begegnung möglich ist." Was dabei alles möglich ist, bekommt Giffey im Schnelldurchlauf mit. Gleich am Anfang bei der nicht mehr ganz jungen Truppe des Männerkochkurses, bei dem sie mit alten öffentlichkeitserfahrenen Hasen wie Dieter Weil (Ex- Geschäftsführer des Kurhotels) und Werner Griego shakert und sich vom Awo-Kreisgeschäftsführer Carsten Höllein noch die Geheimnisse bei der Zubereitungen einer Coburger Bratwurst erklären lässt.

Ohne Ehrenamt geht nichts

Weiter geht's, zwei Dutzend Berliner Journalisten im Schlepptau, zur Kindergruppe, die im Bad Rodacher Awo-Treff sehr international aufgestellt ist. Auch sowas kommt bei Franziska Giffey gut an, weil es für sie ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben ist. Und nicht zu vergessen: Die Ehrenamtlichen, ohne die eine Einrichtung wie das Bad Rodacher Mehrgenerationenhaus nicht machbar wäre. Morgen geht die Sommerreise Giffeys quer durch Deutschland zu Ende, mehrere Mehrgenerationenhäuser hat sie dabei besucht. Und eine Sache ist ihr dabei trotz unterschiedlicher Konzepte immer aufgefallen: "Solche Einrichtungen leben von Ehrenamtlichen, die sich mit Herzblut engagieren."

Aber auch Giffey ist klar: "Ehrenamt braucht Hauptamt." Und das kostet Geld. Ausdrücklich verweist die Familienministerin die Führungsriege der Arbeiterwohlfahrt auf das Bundesprogramm "Demokratie leben" hin. Das schien zwischenzeitlich mal vor dem Aus, jetzt wird es "auf jeden Fall", versichert die Familienministerin, weiterlaufen. 120 Millionen Euro stehen dort heuer noch zur Verfügung. Allerdings, da bremste Carsten Höllein gleich die Erwartungen: Projekte aus "Demokratie wagen" sind jetzt schon Teil des Angebotes im Bad Rodacher Mehrgenerationenhaus.

Wer sind denn Sie eigentlich?

Ohne Geschenke verließ die Familienministerin den Wallgraben nicht: Für die Kinderecke hatte sie ein großes Spielhaus mitgebracht, die Kinder selbst bekamen Malbücher - und Selfiesfotos mit Handy, wer sich traute. Vor Berührungsängsten der Ministerin brauchten die Einheimischen im proppenvollen Treff keine Angst haben, die langjährige Stadtteilbürgermeisterin des Berliner "Problembezirks" Neukölln präsentierte sich offen, spontan, forsch.

Tobias Ehrlicher musste bei der Vorstellung des Männerkochkurses erst einmal erklären, wer er überhaupt ist. Sie habe schon gewusst, dass sie auf einen jungen Bürgermeister treffen würde, versicherte Franziska Giffey. Aber dass sich der Bürgermeister nach sechs Jahren im anstrengenden Amt so gut gehalten habe, komme für sie dann doch überraschend. Neben viel Applaus der Einheimischen, von denen einige die Familienministerin vor lauter Fremden gar nicht zu Gesicht bekamen, gab es für Franziska Giffey von Tobias Ehrlicher noch Bad Rodacher Qualitätsarbeit: Spielzeug für ihren neunjährigen Sohn.



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren