Coburg
Wege

Auf dem Kilimandscharo die eigenen Grenzen gesucht

Am Berg lernt man Geduld. Für Frank Sperschneider, der den Kilimandscharo bestiegen hat, war das eine völlig neue Erfahrung. Auf dem Weg zum höchsten Punkt Afrikas kämpfte er gegen die Höhenkrankheit und um jeden Atemzug. Aber die Tour hat auch sein Leben verändert.
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Frank Sperschneider auf dem Uhuru Peak des Kilimandscharo. Auf dem Weg dorthin kämpfte er gegen die Höhenkrankheit und um jeden Atemzug. Aber die Tour auf den höchsten Gipfel Afrikas hat auch sein Leben verändert. Foto: privat
Frank Sperschneider auf dem Uhuru Peak des Kilimandscharo. Auf dem Weg dorthin kämpfte er gegen die Höhenkrankheit und um jeden Atemzug. Aber die Tour auf den höchsten Gipfel Afrikas hat auch sein Leben verändert. Foto: privat
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Frank Sperschneider hat in seinem Leben schon viele Sportarten ausprobiert. Manche von ihnen, um sie probiert zu haben. Segeln, zum Beispiel. Das lernte er, als er im vergangenen Sommer eine Saison lang als Trainer in einem Clubhotel auf Kreta arbeitete. Oder Judo. "Aber nur bis zum gelben Gurt." Dann verlor er die Lust: "Es fällt mir schwer, etwas bis zum Schluss durchzuziehen", sagt er über sich selbst.

Trotzdem lebt der Mann vom Sport, im weitesten Sinne. "Personal Trainer" nennt er sich. Wer sich nicht auf eigene Faust an sportliches Training wagt, kann ihn um Rat fragen. Er betreibt auch ein Fitness-Studio, das den schnellen Weg zur besseren Form verspricht, dank der Kombination von Bewegung und elektrischer Muskelstimulation. Diese Methoden hat er vor Jahren schon für sich selbst entdeckt. Als eine Kette für dieses Konzept Studio-Betreiber suchte, meldete er sich und ist seither auch hier im Geschäft.

Er könnte also zufrieden sein. "Mein Körper ist nicht für Ausdauersportarten gemacht", das weiß er. In seinen Prospekten posiert der gebürtige Thüringer mit einem Stück Baumstamm in den erhobenen Händen über dem Kopf. Die Kraft sieht man dem 1,95-Mann an, eine gewisse Selbstsicherheit auch.

Auf der Suche nach den Grenzen

Und doch war da etwas. Das seltsame Gefühl, keine Grenze zu kennen. Sich nicht sicher zu sein, wirklich den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Darum buchte Frank Sperschneider eine Trekking-Tour auf den Kilimandscharo.

5800 Meter. Der Gipfel mal in der Sonne, mal in Wolken, meistens kalt. Ein Berg in Afrika, wo die meisten Leute an andere Dinge zu denken haben als ans Bergsteigen nur zum Vergnügen. Sperschneider wählte einen Anbieter, der ihm Selbsterkenntnis auf dem Weg versprach. Steve Kroeger, selbst Personal Trainer und Redner bei Motivationsschulungen, begann 2007 mit dem Bergsteigen und vermarktet das nun als "Seven Summits Strategy". Sein Ziel: Die sieben höchsten Gipfel aller Kontinente zu besteigen. Die Lehren, die er aus seinen persönlichen Erfahrungen zog, verkauft Kroeger nun in Büchern, Vorträgen und jährlichen Seminartouren auf den Kilimandscharo.

Sperschneider machte sich ziemlich unvorbereitet auf den Weg, wie er selbstkritisch einräumt. Zwar hatte er ein, zwei Bergtouren machen wollen, um zu sehen, wie sich dünne Luft anfühlt, aber: "Keine Zeit." Für einen Sauerstofftest reichte es immerhin, und er besorgte sich eine vernünftige Ausrüstung. Das war sein Weg. "Einer von uns ist gerade mal mit zwei Thermosflaschen nach Afrika geflogen und hat sich die Ausrüstung dort unten gemietet." Das ging auch.

Alle 20 Minuten austreten

Als Frank Sperschneider über seine Erfahrungen am Berg berichtet, ist ihm anzumerken, dass vieles noch in ihm arbeitet. Die Strapaze war das eine. Die Tour startet bei 1700 Höhenmetern. Schon nach zwei Tagen sind die Wanderer auf einer Höhe von 3700 Metern. "Bei 3200 war ich an einem Punkt, den ich vorher noch nie erreicht hatte." Doch der Gipfel, das Ziel, liegt bei 5895 Metern. Zwar machte die Gruppe einen Pausentag bei den Zebra-Rocks, doch danach ging es im umso höheren Tempo weiter. "Bei 4800 Höhenmetern hab ich nur noch mit Atmen zu tun gehabt." Sperschneider musste viel trinken, um keine Kopfschmerzen zu bekommen, "und alle 20 Minuten pinkeln".

Die letzte Etappe begann um Mitternacht. "Wenn uns den Weg jemand bei Tag gezeigt hätte, wären wir nicht weiter." Die Außentemperatur lag bei Minus zehn Grad Celsius, der Rhythmus lautete Atmen - ein Schritt, Atmen - ein Schritt. Zwei aus der 15-köpfigen Gruppe schafften diesen Abschnitt nicht. Bei Sonnenaufgang war der Gilman's Point erreicht, "da gilt der Berg offiziell als bestiegen". Doch der höchste Punkt mit 5895 Metern ist der Uhuru Peak, nochmal 90 Minuten und 200 Höhenmeter entfernt. Frank Sperschneider gehörte zu dem Drittel seiner Gruppe, die auch dieses Wegstück noch anging. "Hätte mir am Gilman's Point jemand gesagt, dass ich an meiner Grenze bin, wäre ich umgedreht."

Der Kopf oder der Körper?

Es sagte aber keiner. Aber Sperschneider dachte daran, bei jedem Schritt. Und fragte sich: Kann der Körper noch oder ist's der Kopf? Auf dem Foto vom Uhuru Peak zeigt er ein eher gequältes Lächeln. Nun, mit einigem Abstand sagt er: "Es war eine sehr positive Erfahrung, dass ich nicht das Gefühl habe, meine Grenzen erreicht zu haben." Aber erst einmal musste er wieder hinunter. Zwei Tage dauerte der Abstieg, "meine Kondition war am Ende". Aber die Erfahrungen möchte er nicht missen. Er habe den Wert der Langsamkeit entdeckt, sagt er und hat die Mahnungen der afrikanischen Begleiter noch im Ohr: "Pole, pole", sagten die, wenn es die Europäer mal wieder zu schnell angehen wollten.

Er sei bereit, sagte er vor der Tour, notfalls sein Leben zu ändern, wenn ihm die Reise klar mache, dass er auf dem falschen Weg sei. Nun fühlt er sich bestätigt und hat doch fast mehr Fragen als vorher. "Mir gingen da oben sehr viele Sachen durch den Kopf, die ich erst mal sacken lassen muss." Er habe andere Denkweisen kennengelernt und die Bedeutung von Achtsamkeit erfahren, sagt er. Er wisse nun auch, wie er unter Stress reagiert. Bestärkt fühlt er sich in dem, was er beruflich tut. Er wolle Sport vermitteln, der Spaß macht und gesund ist, es dürfe nicht nur der Leistungsgedanke im Vordergrund stehen. "Was muss man denn wirklich tun, um gesund zu bleiben?" Da weiß Frank Sperschneider, dass er Antworten hat - für sich und andere. Aber er weiß jetzt auch, was wichtig ist im Leben, sagt der 44-Jährige. Deshalb hat er jetzt wieder Kontakt zu seiner 25-jährigen Tochter aufgenommen.


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