Neustadt bei Coburg
Festakt

ASB verschweigt bei seinem 50. Jubiläum in Neustadt die Probleme nicht

Der Sozialverband ASB - Kreisverband Coburg - feierte sein 50-jähriges Bestehen. Zum Festakt kam der Präsident des Bundesverbandes, Franz Müntefering.
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Bundesminister a. D. Franz Müntefering sprach über die ASB-Historie. Foto: Manja von Nida
Bundesminister a. D. Franz Müntefering sprach über die ASB-Historie. Foto: Manja von Nida
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Personalmangel in der Pflege quer durchs Land lässt sich auch in der Region nicht leugnen. Das wurde am Wochenende beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen des Sozialverbandes ASB - Kreisverband Coburg Land - in Neustadt deutlich. Dabei wünscht sich das Pflegepersonal all das, was Senioren brauchen: Zeit für den zu pflegenden Menschen, mit ihm spazieren gehen - und nicht nur den ganzen Tag mit Grundpflege und Toilettengängen beschäftigt sein. Und der Altenpflegeberuf sollte mehr Möglichkeiten bekommen, gerade bei der Betreuung alles abdecken zu können, hieß es bei der Feier.

Der ASB-Kreisverband Coburg Land feierte am Wochenende im Festzelt der ASB-Einrichtung an der
Sonneberger Straße. Festredner war der Präsident des ASB-Bundesverbandes, Franz Müntefering (SPD), erwartet. In der ASB-Familie wartete auf Gründungsmitglied Erich Hantschel sowie Karl Müller eine Würdigung für 50 treue Jahre. "Es ist uns eine besondere Ehre, dass Sie heute bei uns sind", dankte ASB-Vorsitzende Elke Protzmann (CSU). Ferner begrüßte die Vorsitzende "das politische Netzwerk" sowie zahlreiche Vertreter von Organisationen. "Denn wir sind auf funktionierende Netzwerke angewiesen", sagte Protzmann.


Zwölf leere Rollstühle symbolisieren den Fachkräftemangel in den Pflegeheimen

Und zum Geburtstagsfest waren ebenso die Mitarbeiter, egal ob im Haupt- oder im Ehrenamt, alle Bewohner des Service-Wohnens sowie des Pflegeheims eingeladen. Im Festzelt stach ein unbesetzter Tisch ins Auge, an dem zwölf leere Rollstühle standen. Diese waren nicht grundlos dort abgestellt worden. "Sie präsentieren ein Hauptthema für uns, den Fachkräftemangel", sagte ASB-Vorsitzende Elke Protzmann. An diesem Tage sollten die Themen in den Fokus gestellt werden, welche dem Sozialverband wichtig erscheinen. "Der Pflegenotstand ist mittlerweile bei uns angekommen", sagte die Vorsitzende. Der ASB-Kreisverband betreibe neben seiner Einrichtung in Neustadt auch die moderne Hausgemeinschaft "Anna von Henneberg" in Sonnefeld. Diese erfreue sich bei den Bewohnern großer Beliebtheit. "Fast täglich erreichen uns Anfragen für einen Platz", sagte Protzmann.


Freigewordene Plätze wurden nicht mehr belegt

Aber: Vor einigen Wochen habe dort eine Wohngemeinschaft geschlossen werden müssen. "Weil wir nicht mehr ausreichend Fachkräfte hatten, um alle Bewohner der Stationen versorgen zu können. Die
leeren Rollstühle stehen symbolisch für zwölf Bewohner, die heute hätten hier sein können, wenn wir denn ausreichend Personal finden würden." Doch um keinen Pflegenotstand in der Einrichtung aufkommen zu lassen, seien freiwerdende Betten nicht mehr belegt worden. Die Pflege sei nicht mehr
gewährleistet, obwohl viele Menschen händeringend einen Pflegeplatz bräuchten, sagte Protzmann.

"Wir danken für unzählige Stunden Engagement, für die ungebrochene Leidenschaft zur Hilfe und für Ihre Liebe zum Mitmenschen", sagte Oberbürgermeister Frank Rebhan (SPD) als Gastgeber vor Ort zu den ASB-Mitarbeitern. "Die Menschen haben es nach vielen Jahren Arbeit verdient, im Alter oder bei Krankheit als Teil unserer Solidargemeinschaft ordentlich versorgt und gepflegt zu werden", betonte Rebhan. Die Versorgung müsse von Menschen für Menschen geleistet werden, trotz technischer Hilfen. Rebhan sprach von Mitmenschlichkeit in den Sozialverbänden. Allein könne vieles getan, gemeinsam könne jedoch viel mehr erreicht werden. Ohne diese Menschen vor Ort im Sozialbereich, die ihr Bestes geben, hätten Kommunen keine Chance, das soziale Netz stabil und tragfähig zu halten. Der ASB leiste in seinen stationären Einrichtungen, beim Rettungsdienst und
in der Breitenausbildung hervorragende Arbeit, erkenne früh Tendenzen und Herausforderungen und besitze eine enorme Lösungskompetenz. Er habe das Wohl der Menschen im Blick und sorge für Würde auch in schweren Lebenslagen.Die Stadt schätze dies alles sehr, sagte Rebhan zu ASB-Geschäftsführer Rainer Schreier.

Mit dem geplanten Vorhaben "Märchenpark", generationengerechten und -übergreifenden Wohnangebote, stehe man in guten Gesprächen. Es sei ein Leuchtturmprojekt für Neustadt und die Region. Ein vertrauensvolles Hand-in-Hand-Arbeiten wünschte sich OB Rebhan und die Ausweitung der "sorgenden Netze" (Hallo Nachbarn, vom ASB initiiert) auf ganz Neustadt.


Hocheffektiv

Coburg Land sei ein starker Verband in der ASB-Familie Bayerns, sagte Landesvorsitzender MdL Hans-Ulrich Pfaffmann. Mit seinen 20 Kreisen und Regionalverbänden habe der ASB sich zu einem hochmodernen, effektiven Sozialverband entwickelt. Der ASB-Coburg Land mache "den ASB für die Menschen sichtbar", dankte Pfaffmann.

Bei einer Diskussion zum Personalmangel richtete Gisela Vetter, leitende Fachpflegekraft, ihre Worte an Präsident Müntefering: "Uns fehlt das Personal. Nach und nach müssen wir leider die Bewohnerzahl reduzieren, um ein Gleichgewicht zwischen Personal und Bewohnern zu schaffen. Und daher fehlt uns die Zeit für die Betreuung. Die Menschen wollen würdevoll gepflegt und betreut werden. Wenn in unserem Beruf jemand nonstop einspringen muss, hat er keine Motivation mehr.
Honorarkräfte helfen aus, damit wir nicht ausbrennen." Und ASB-Geschäftsführer Schreier sagte: "Es gibt keine Fachkräfte auf dem Markt. Fachkräfte aus dem Ausland können unsere Sprache nicht. Wenn es uns in kürzester Zeit nicht gelingt, mehr Menschen mit ins Boot zu holen, werden wir noch mehr WGs schließen. Wir werden mehr Menschen ablehnen müssen, die wir pflegen könnten und müssten."


17.000 offene Stellen im Pflegebereich

Präsident Müntefering sagte: "Also müssen wirklich die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte verbessert werden. Wir brauchen dringend Leute, wir haben 17.000 offene Stellen im Pflegebereich." Es liefen Verhandlungen, ausländische Kräfte in Deutschland auszubilden. Politisch müsste an
allem gearbeitet werden. "Wir brauchen einen flächendeckenden Tarifvertrag, und der muss dann auch gelten. Das ist Sache des Staates, Löhne dabei festzulegen. Es ist ein offener Markt, der floriert." Es könnte sein, mehr für die Pflege auszugeben. Menschen pflegen sei ein schwerer Beruf. "Und ich bin mir sicher, wenn wir mehr Männer in Pflegeberufen hätten als Frauen, dann wären die Löhne bestimmt höher", sagte Müntefering und erhielt dafür zustimmenden Beifall.


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