Coburg
Messerstecher-Prozess

Am zweiten Verhandlungstag in Coburg kochen die Emotionen hoch

20 Mal hat ein 35-Jähriger mit dem Messer zugestochen und die Mutter seiner fünf Kinder getötet. Er ist vor dem Landgericht Coburg angeklagt.
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Eingang zum Justizgebäude in Coburg Foto: Jochen Berger
Eingang zum Justizgebäude in Coburg Foto: Jochen Berger

Jetzt muss sich der Mann vor der Ersten Großen Strafkammer am Landgericht Coburg wegen Totschlags verantworten. Am zweiten Verhandlungstag offenbarte sich eine Familientragödie, bei der psychische und physische Gewalt offensichtlich allgegenwärtig waren.

Die tödliche Messerattacke auf die 35-jährige Frau ereignete sich im November des vergangenen Jahres. Der ebenfalls 35-jährige von ihr getrennt lebende Ehemann hatte sich nach der Tat bei der Polizei angezeigt und die Bluttat eingeräumt. Das Gericht versucht nun, nicht nur die Tat zu rekonstruieren, sondern vor allem ein Motiv zu finden.

Am Montag trat eine junge Frau in den Zeugenstand, die die 35-Jährige wenige Tage vor deren Tod in Coburg getroffen hat; sie sei rot im Gesicht gewesen und habe Würgemale am Hals gehabt. "Sie hat große Angst gehabt und erschrocken gewirkt", so die Zeugin. Obwohl die Frau seit zwei Jahren von dem Vater ihrer Kinder getrennt gelebt habe, habe dieser ihr keine Ruhe gelassen. "Er hat sie ständig verfolgt und war sehr eifersüchtig." Zur Polizei habe die Frau dennoch nicht gewollt, weil sie Angst um ihre Kinder gehabt habe, sagte die Zeugin.

Ehe war unerwünscht

Sehr emotional verlief die Zeugenvernehmung des Bruders der Verstorbenen. Mit der Ehe, die in der Türkei arrangiert worden sei, sei seine Familie nicht einverstanden gewesen, sagte er aus. In Deutschland habe der Angeklagte das spätere Opfer von der Familie abgeschottet. "Er hat uns nicht mit unserer Schwester sprechen lassen." Der Angeklagte habe immer Stress gemacht, er habe seine Schwester ständig unter Druck gesetzt, sie bedroht, erniedrigt, geschlagen und vergewaltigt. "13 Jahre lang hat er sie geschlagen, bedroht und ihr fünf Kinder gemacht", so drückte sich der Bruder des Opfers aus.

Der Angeklagte soll auch die Mutter der 35-Jährigen angegriffen und dieser dabei die Nase gebrochen haben. Es habe aber auch zwischen ihm und seinem Schwager Handgreiflichkeiten gegeben, gab der Bruder des Opfers zu. "Wenn der mich schlägt, muss ich natürlich zurückhauen."

Während der Bruder im Zeugenstand sprach, kochten im voll besetzten Zuschauerraum die Emotionen hoch, eine Frau verließ weinend den Gerichtssaal. Es gab Zwischenrufe, so dass der Vorsitzende Richter einen Besucher ermahnen musste. Als der Bruder nach seiner Zeugenvernehmung den Saal verließ, sagte er dem Angeklagten etwas in türkischer Sprache ins Gesicht, das wie eine Drohung klang. Die Dolmetscherin übersetzte diese Worte mit: "Wir werden Dich sehen, mein Sohn. Wir werden Dich sehen."

Der Mann hatte das Sorgerecht

Die Mutter des Opfers berichtete nicht nur von ständigen Schlägen, der Angeklagte habe ihre Tochter auch hungern und dursten lassen. "Er hat die Psyche meiner Tochter kaputt gemacht." Wie in der Verhandlung deutlich wurde, hatte das Opfer wohl wegen einer psychischen Erkrankung unter einer Betreuung gestanden. Das war vermutlich auch der Grund, weshalb dem Mann das Sorgerecht für die fünf Kinder zugesprochen worden war.

Über die Kinder habe der Angeklagte immer wieder Druck auf ihre Tochter ausgeübt, sagte die Mutter.

Als die Beisitzende Bianca Franke der Mutter vorhielt, dass ihre Tochter angeblich bereits als Kind durch den Vater Misshandlungen erfahren und deshalb schon vor der Ehe unter psychischen Problemen gelitten haben soll, wollte die Mutter nichts davon wissen. Ihr Mann sei immer liebevoll gewesen, er habe die Tochter nie geschlagen, betonte sie. Dann fragte die Mutter der getöteten jungen Frau den Angeklagten: "Warum musste meine Tochter sterben?"

Der 35-Jährige verfolgte die Zeugenvernehmung meist mit gesenktem Haupt, ab und zu schüttelte er den Kopf. Die Verhandlung zog sich hin, auch deshalb, weil Rechtsanwalt Oskar Steiger den Zeugen bohrende Fragen stellte.

Am Mittwoch, 19. Juni, wird die Verhandlung um 9 Uhr fortgesetzt.

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