Weidhausen

Am Teufelsfelsen lauern Raubschnecken

Im Bieberbachgrund bei Weidhausen finden seltene Arten ein Zuhause und die Menschen ein Naherholungsgebiet. Der Bieber als Namensgeber lässt sich auch schon blicken.
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Frank Reißenweber zeigt, wo der Bieberbach renaturiert wurde. Es ist ein neuer Bogen entstanden. Dafür auch ein ruhiger Altarm. Fotos: Rainer Lutz
Frank Reißenweber zeigt, wo der Bieberbach renaturiert wurde. Es ist ein neuer Bogen entstanden. Dafür auch ein ruhiger Altarm. Fotos: Rainer Lutz
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Sie lauert am Teufelsfelsen. Erkennt sie ihre Beute, dann greift sie an, stürzt sich auf ihr Opfer und saugt es aus. Sie ist schnell, viel schneller als die Nacktschnecken, die sie jagt. Die Daudebardie, ist gewissermaßen der Gepard unter den Landlungenschnecken. Der Teufelsfelsen über dem Bieberbachtal ist bisher der einzige Ort im Landkreis, an dem die Jagdschnecke gefunden wurde.

Doch wer weiß, ob sie nicht auch andernorts lauert. Sie ist nicht gerade auffällig, wenn man von ihrer für Schnecken atemberaubenden Fortbewegungsgeschwindigkeit absieht. Länger als zwei Zentimeter wird sie kaum. Ihr Schneckenhaus dient ihr nur in der frühesten Jugend als Unterschlupf.
Später sitzt es als wenige Millimeter großer Rest auf dem Rücken des Tieres wie eine Schlägermütze.

Die Dramen, die sich am Teufelsfelsen zwischen Räubern und Beutetieren abspielen, bleiben den Besuchern im Bieberbachgrund normalerweise verborgen, die Schönheit dieses urigen Landschaftsteiles fällt dafür umso mehr auf. Der Weg im Grund führt vom Wasserhaus, das früher sogar bewohnt war, an einer sumpfigen Fläche vorbei. "Das ist mal ein Schwimmteich gewesen", erklärt Gerold Schlosser. "Da gab es sogar einen Sprungturm." Der Naturschützer kennt den Bieberbachgrund wie seine Westentasche. Irgendwann kam es zu einem Unglück im Schwimmteich, weiß Schlosser. Ein junger Mann verfing sich im Wurzelwerk der Wasserpflanzen und ertrank. Die Freizeitnutzung hörte auf. Der Teich verschwand. Fichten wuchsen auf.

"Es ist ein seltener Fall von aktivem Umbau gewesen", erklärt der Biologe und Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Coburger Land, Frank Reißenweber. Es wurde nicht gewartet, bis die Nadelbäume auf dem ungeeigneten Grund im Sturm fallen. Sie wurden gefällt, Tümpel angelegt und für einen standortgerechten Bewuchs gesorgt. Heute stehen dort Erlen, Eschen und Weiden.

Naturschutz-Wiese

Ein gutes Stück weiter bachaufwärts liegt eine kleine Wiese, auf der das Wirken von Gerold Schlosser unverkennbar ist. Es ist seine eigene Wiese, an deren Rand Stein- und Holzhaufen als Unterschlupf für kleine Tiere liegenbleiben dürfen. Hier steht seine Muster-Insektenwand. Verschiedene Materialien mit Bohrlöchern zwischen drei und neun Millimetern laden Wildbienen zum Einzug ein. "Wir arbeiten da gut mit der Jugend im Obst- und Gartenbauverein zusammen" erklärt er. Inzwischen stehen schon einige solcher Wände im Gemeindegebiet von Weidhausen und andernorts und verbessern die Lebensbedingungen für Insekten.

Schlosser macht Reißenweber auf einen weißen Block aus Porenbeton aufmerksam, dessen eine Hälfte grau gestrichen ist. "Schau, die graue Hälfte wird gut angenommen, die weiße fast gar nicht." Das Fachsimpeln über die Gründe beginnt.

Nistkästen für Vögel fallen an einigen Bäumen auf. "Die gibt es im ganzen Grund hier. Ich betreue inzwischen rund 40 Stück", erzählt Schlosser. Mitten in der Wiese zieht ein Bauwerk aus Holz die Blicke auf sich. "Das ist eine Mäuseburg", erklärt Gerold Schlosser. Die kleinen Nager finden hier Unterschlupf und werden sogar gefüttert. Allerdings ahnen sie nicht, dass sie selbst auch zum Futter werden.

Wenige Meter weiter steht ein Ansitz, auf dem Eulen nur darauf warten müssen, bis eine Maus zu leichtsinnig wird. Eulen nehmen kein Aas an. Wer ihr Nahrungsangebot verbessern will, der muss für lebende Beute sorgen - so wie Gerold Schlosser. Andere Greifvögel sind leichter zu bedienen. Für sie hat Schlosser eine Futterplattform auf einer Stange befestigt. "Wenn ich komme, sind oft schon die Bussarde in der Luft und warten darauf, dass sie etwas bekommen", erzählt Schlosser. Und wenig später ruft Frank Reißenweber tatsächlich: "Da ist ja auch schon einer!" Der Bussard allerdings streicht ab. Die Fremden, die Gerold Schlosser dabei hat, sind ihm wohl nicht geheuer. Die beiden Naturfreunde stiefeln durchs reifbedeckte Gras zu einer Brücke über den Bieberbach. Dort wurde der Lauf des Gewässers in den vergangenen Jahren umgestaltet, renaturiert. Altarme sind dabei entstanden und bieten einen besonderen Lebensraum.

Große Vielfalt

Wenn die beiden sich über den Lebensraum Bieberbachgrund unterhalten, dann fallen Namen wie Wasseramsel, Gebirgsstelze, Nachtigall und Eisvogel, sie reden über Wald- und Sperlingskauz, Fledermäuse oder den Vogel des Jahres 2014, den Grünspecht. Sie alle kommen hier vor. "Es gibt hier übrigens auch ungewöhnlich viele Zaunkönige im Bieberbachtal", erwähnt Frank Reißenweber den kleinsten heimischen Vogel.

Seltene Arten

Bei den Insekten ist wieder vom Eisvogel die Rede, vom "Kleinen Eisvogel", einem Schmetterling. Libellen, seltene Bienen und allerhand mehr summt und brummt in der Luft des Talgrundes - nur nicht jetzt. Jetzt ist es zu kalt. Daher lässt sich auch die Ringelnatter nicht sehen und nicht die seltene Schlingnatter, die schon hier bestätigt wurde. Schmerle, Gründling und andere Fischarten oder der Edelkrebs tummeln sich vielleicht noch im Wasser. Doch vor allem beim Edelkrebs hat Frank Reißenweber so seine Zweifel. Er wird zwar in einem Gutachten erwähnt, das über die Arten im Bieberbach erstellt wurde. Aber möglicherweise findet man heute nur noch einen aus Amerika eingeschleppten Verwandten.

Menschen dürfen übrigens auch in den Bieberbachgrund. "Es ist ein richtiges Naherholungsgebiet für Weidhausen", schwärmt Gerold Schlosser. "Aber wer geht heute schon noch in der Natur spazieren?", fragt er.
Vielleicht könnte die Aussicht auf eine besondere Begegnung die Leute locken. Wie sieht es eigentlich mit dem Namensgeber aus, dem Bieber, lebt er hier? "Ja, auch den Bieber gibt es schon lange wieder im Bieberbach", grinst Frank Reißenweber. "Bisher allerdings erst weiter bachabwärts, aber er ist überall in der Region auf dem Vormarsch.
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