Bad Rodach
Textil

Altkleiderflut: Bergeweise Billigklamotten werden zum Problem - auch in Franken

Wir räumen auf, sortieren aus: Dass unsere alte Kleidung gespendet werden kann, gibt uns ein gutes Gefühl. In Wahrheit produzieren wir Unmengen Müll.
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Kleidercontainer  am Bahnhof in Bad Rodach. Foto: Natalie Schalk
Kleidercontainer am Bahnhof in Bad Rodach. Foto: Natalie Schalk
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Es regnet in den Buggy hinein. Das Verdeck ist zurück geklappt, der Stoff ganz durchweicht. Jemand hat das Fahrzeug in Bad Rodach im Kreis Coburg vor einem Altkleider-Container der Malteser abgestellt. Einen Tag später liegt ein Koffer darauf. "Sobald irgendwas da steht, entwickelt das eine Eigendynamik", sagt Malteser-Mitarbeiter Wilhelm Horlemann. "Da stellt jeder was dazu, der etwas loswerden will - wie beim Sperrmüll."

Einen Tag später sind die Sachen weg, das Kur-Städtchen sieht wieder aufgeräumt aus. "Auf jedem Container steht eine Telefonnummer", erklärt Horlemann. Ist ein Container voll, kann der Textil-Recycler FWS angerufen werden, um die Sachen abzuholen. Das Bremer Unternehmen leert bayernweit die Altkleiderbehälter der Malteser. Nach dem so genannten "Verwertermodell" wird der gesamte Inhalt an die norddeutsche Textilrecyclingfirma verkauft und dort von Hand für die weitere Verwendung sortiert.

Export nach Osteuropa und Afrika

Es gibt ein paar wenige Sachen, die in deutsche Second-Hand-Shops gehen, einiges landet in osteuropäischen Ländern oder auch in Afrika. Manchmal wird kritisiert, dass unsere Kleiderspenden den lokalen Textil-Handel dort zerstören und der Transport nicht umweltfreundlich ist. Trotzdem gibt es auch kleine Händler, die in armen Ländern von Secondhand-Kleidung leben. Und was sind die Alternativen? Im Müllheizkraftwerk verbrennen? Textilien sind ein Wertstoff.

In Deutschland gilt das Kreislaufwirtschaftsgesetz: Nur das, was gar nicht mehr anders verwertbar ist, darf zur Wärmegewinnung verbrannt oder anderweitig als Müll entsorgt werden. Aber wenn wir uns entscheiden, den Pulli, die Jacke oder das T-Shirt nicht mehr tragen zu wollen, ist es trotzdem Müll. Wir beruhigen unser Gewissen, indem wir die alten Sachen an gemeinnützige Organisationen geben, aber im Grunde kaufen wir einfach viel zu viel. Wir werfen zuviel weg.

Das T-Shirt wird Dämmstoff im Auto

Eine Million Tonnen Altkleider bringen die Deutschen jährlich in Container oder Sammlungen. Wir tun damit nichts Gutes. Wir tun aber das Beste, was mit Müll gemacht werden kann: Wir versuchen, ihn wiederzuverwenden.

"Kleidung gehört nicht in den Hausmüll", betont Horlemann. Nicht einmal, wenn Löcher drin sind. Auch dann bleiben Textilien Wertstoffe. Zwar wird so gut wie nie Garn für neue Kleidung daraus gewonnen - das wäre echtes Recycling - aber es werden oft Putzlappen daraus gemacht. Oder die Stoffe werden geschreddert, bis sie nur noch luftige Fasern sind und als Dämmstoffe genutzt werden können. Beispielsweise in Türen oder Motorhauben von Autos.

Manche landen bei Bedürftigen, aber die meisten der alten Klamotten werden nie mehr getragen; so viel Bedarf gibt es ja nicht. Die Malteser verkaufen die Altkleider als Wertstoff und finanzieren so soziale Leistungen. Ein bisschen Gutes wird so doch damit getan.

Ein Buggy wird zur Ordnungswidrigkeit

Wer den Buggy vor dem Malteser-Container abgestellt hat, hat es vielleicht auch gut gemeint. "Aber so was bringt nichts, es wird sogar als Ordnungswidrigkeit angezeigt", sagt Horlemann. Wegen illegaler Müllentsorgung. "Wenn jemand einen Kinderwagen, Fernseher oder Müll hinstellt, nimmt der Textilrecycler die Sachen mit und entsorgt sie ordnungsgemäß." Die Entsorgung werde den Maltesern dann in Rechnung gestellt. Nicht gut. Eine Woche nachdem der durchweichte Buggy samt Koffer in Bad Rodach abgeholt wurde, ist der Container erneut voll. Ein halbes Dutzend Säcke stehen schon wieder daneben.

Noch sind Altkleider ein gutes Geschäft. Allerdings sinkt der Preis für die gebrauchten Textilien kontinuierlich, denn es werden immer mehr - und in immer schlechterer Qualität: Die Modetrends werden kurzlebiger, die Waren billiger, der Kunststoffanteil höher. Das macht das Recycling schwieriger. Weil außerdem die Container oft zugemüllt werden, entstehen den gemeinnützigen Organisationen Kosten.

Kleiderkammer hilft Bedürftigen

Auch in Forchheim, Baunach oder Bamberg sieht es im Umfeld der Container oft wüst aus - egal, von welcher Organisation sie betrieben werden. Das Rote Kreuz in Bamberg Stadt und Land beispielsweise hat sich bewusst gegen diese Art der Kleidersammlung entschieden. "Wir haben keine", sagt Michael Ruthrof. Er ist stellvertretender Geschäftsführer im Referat Sozialarbeit und für die Kleiderkammer in der Hainstraße zuständig. Sie ist eine von vielen Möglichkeiten, günstig gebrauchte Kleidung zu kaufen. Den Teil, der nicht geschreddert wird.

"Wir wissen aus Erfahrung, dass die Sachen besser sind, wenn die Leute sie persönlich abgeben. Container werden manchmal zur Müllentsorgung verwendet."

Mit der sinkenden Qualität der Mode hat auch das Rote Kreuz Probleme, vor allem, weil der Bedarf an Sachen für Kinder und Jugendliche bis etwa 25 am größten ist. Der Trachtenjanker vom verstorbenen Opa sei zwar hochwertig, aber nichts für einen Jugendlichen. Für die gebe es im Handel schnelle, billige Mode. "Da gibt's Sachen, die kosten drei Euro. Nach drei Mal Tragen sind die Müll." Es gebe heute Textilien in so "lumpiger" Qualität, dass sie nicht weiterverwendet werden können.

Secondhand-Kleidung shoppen

Auch in der Kleiderkammer werden die Jeans und Pullis, die Jacken und Shirts per Hand nach verschiedenen Qualitäten sortiert. Was gut ist, aber Sommerware wird eingelagert. Was nichts taugt, landet beim Textilsortierbetrieb in Creußen (Landkreis Bayreuth).

Die Kleiderkammer bekommt täglich Spenden. Wer seinen Schrank aussortieren will, kann gute Sachen hier abgeben. Und wer hier einkauft, shoppt ökologisch. Er verbraucht weder Rohstoffe noch produziert er neuen Müll.

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